Erst kürzlich war ich zum Wandern der vierten Etappe auf dem Pfälzer Weinsteig unterwegs und war so begeistert, dass mir die Idee kam, dass ich einen Abschnitt des Steigs vielleicht mal im Zuge eines langen Trailruns laufen könnte. Denn im Gegensatz zum Odenwald ist die nach Osten orientierte Waldkante des Pfälzerwald oberhalb der pfälzer Rebflächen deutlich mehr von der Sonne verwöhnt, was in Kombination mit den sandigen Böden dazu führt, dass der Wald völlig anders und geradezu mediteran aussieht: Statt von Fichten abgeschattete Bereiche machen viele locker wachsende Buchen, Kastanien, Eichen und Kiefern den Bestand aus. Dazu Heidekraut am Boden und alles in allem ist so zumindest der östliche Teil des Waldes eine schöne Abwechslung gegenüber dem Odenwald, in welchem ich zwar sehr gerne, aber eben auch sehr häufig laufend oder auf dem Rad unterwegs bin.

Damit sich die Anfahrt allerdings auch lohnt, schwebte mir ein längeres Stück vor und weil der Pfälzer Weinsteig kein Rundwanderweg ist war auch sofort klar, dass ich zumindest eine Teilstrecke mit dem Zug zurücklegen müssen würde. Eigentlich wollte An- und Rückfahrt auch komplett mit dem Zug machen, aber aufgrund der steigenden Infektionszahlen ersparte ich mir die Fahrt durch die Risikogebiete Ludwigshafen und Mannheim im oft dicht gedrängten Regionalverkehr, so dass ich nach mehreren logistischen Überlegungen mich dazu entschlossen hatte mit dem Auto nach Neustadt an der Weinstraße zu fahren, um von dort die Etappen 5, 6, 7 und 8 des Pfälzer Weinsteigs bis nach Annweiler am Trifels zu laufen und dann mit dem Zug zurück zum Ausgangspunkt zu gelangen.

Mit knapp unter 60 km horizontaler und sehr knapp unter 2000 mH vertikaler Distanz war klar, dass das eine ziemliche Herausforderung werden würde, denn mein bisher längster Lauf war der Gelita Trail Marathon mit rund 1500 mH.

Bei 2,5 °C Außentemperatur startete ich kurz nach halb neun in Neustadt und es ging zunächst steil bergauf zum Nollenkopf. Rasch entuppte sich das Wetter als absolut genial und perfekt, denn es war herbstlich klar, kühl, aber sonnig und während über den niederen Weinbergen noch der Nebel lag, arbeitete ich mich Meter um Meter nach oben, um über diesen hinweg eine unfassbare Aussicht und eine ganz einmalige Stimmung im Wald zu haben. Traumhaft und leider nicht einmal ansatzweise in Worte zu fassen.

Mit dem Nollekopf im Rücken ging es weiter und das nächste Ziel im Kopf war die Kalmit, der höchste Punkt des Pfälzerwalds. Bis dorthin waren es etwa 13,5 km, so dass ich mir sicher sein konnte, sie erreichen zu werden und ich musste mich tatsächlich etwas bremsen, denn ich hatte ein sehr, sehr großes Grinsen im Gesicht. Tolle, schmale Wege, sandige Waldböden, fantastisches Licht und insgesamt eine einfach herrliche Stimmung im Wald – es war einfach grandios und wenn ich auf der Kalmit aufgehört hätte, um dort bei bestem Ausblick einen Saumagen zu essen, dann hätte es sich auch schon gelohnt – obwohl es noch keine 20 km gewesen wären.

Nach der Kalmit war das nächste Ziel die 25 km Marke. Von ihr wusste ich ganz grob, dass sie etwa auf der Höhe von Edenkoben liegen sollte, wo der Pfälzer Weinsteig zu einer spitzen Kehre nach Westen abknickt. Dabei veränderte sich der Wald, denn jeder Meter den man in ihn nach Westen vordringt, wird er dichter und der mediterane Charakter weicht einem dunklen Wald, der dann doch mehr dem Odenwald ähnelt.

Nach rund 25 km erreichte ich den Hilschweiher, wo ich einen kleinen Ausschank zum Auffüllen der Trinkschläuche nutzte, bevor es wieder zurück an die sonnendurchflutete östliche Kante des Waldes ging.

Was die Verpflegung anging wusste ich, dass ich an zahlreichen Hütten des Pfälzerwald-Vereins vorbeikommen würde, so dass dies kein Problem war. Saumagen und Weinschorle waren allerdings leider tabu. Im Übrigen merkt man sehr einfach auch ohne Karte, wenn man sich den Hütten nähert: Als erstes Zeichen werden die aktuell zu tausenden im Wald liegenden Schalen der Esskastanien zunehmend leerer, dann sieht man ab und an mal einen Wanderer und zu guter Letzt steht man dann vor einer Einkehrmöglichkeit. Sobald man die Hütten hinter sich lässt, kehrt sich die Reihenfolge um und wenn man plötzlich aufpassen muss, dass man auf den zahlreichen Esskastanien auf dem Boden nicht ausrutscht, dann weiß man, dass man weit weg vom nächsten mit dem Auto anfahrbaren Punkt sein muss.

Am Hilschweiher wechselte ich ins zweite Drittel der Tour und damit ging auch eine Veränderung der Stimmung einher. Egal ob Halbmarathon, Marathon, Bergtour oder lange Tour mit dem Rad: Für mich bestehen lange Ausdaueraktivitäten, egal ob fordernd für die Nerven, den Körper, oder beides, aus drei Phasen: Die erste Phase macht Spaß, die zweite Arbeit und die letzte ist eine Qual. Mittlerweile weiß ich auch, dass sich zumindest bei mir diese Phasen gleich verteilen und so war es auch auf dem Pfälzer Weinsteig.

An den Abschnitt zwischen Kilometer 25 und 40 erinnere ich mich tatsächlich nicht so sehr, wie an die Abschnitte im ersten oder letzten Drittel. Im Arbeitsmodus spulte ich einfach einen Kilometer nach dem anderen ab, nahm hier und da ein Foto auf und plötzlich stand ich vor einer Burg, der Ruine Neuscharfeneck. Das letzte Drittel war angebrochen und zunächst ging es bergab, aber beim gefühlt steilen Anstieg hoch zum Galgenberg zwischen Ramberg und Dernbach merkte ich dann, dass nun jeder minimale Anstieg dazu führte, dass ich langsamer und mein Gang weniger rund wurde. Außerdem teilten mir meine Muskeln, Sehnen und Gelenke mit, dass es so langsam reichen würde. Willkommen in Phase III.

Bei Eußerthal realisierte ich, dass ich besser noch an der Landauer Hütte kurz hinter der Ruine Neuscharfeneck meine Flaschen erneut aufgefüllt hätte. Doch es ging weiter, zunächst über offene Flur und dann einen steilen Stich im Gelände einfach kerzengerade nach oben – zu meiner großen Freude direkt auf einen Brunnen im Wald zu. Also benetzte ich dort meine Kehle, füllte einen meiner zwei kleinen Trinkschläuche auf und voller Freude über das Wasser und die Tatsache, dass es nun weniger als 10 km bis zum Ziel waren, brach ich mit nun wenig filigranem Gang höchst motiviert auf – allerdings in die Falsche Richtung.

Eigentlich ist der Pfälzer Weinsteig sehr gut ausgeschildert, aber im Eifer des Gefechts und vor lauter Freude hatte ich einfach nicht auf den Wegm beziehungsweise die Beschilderung geachtet. Für diesen Fall hatte ich allerdings geplant und mithilfe meines Garmin Navis fürs Fahrrad konnte ich, trotz der sehr komplizierten und wenig intuitiven Bedienung des Garmin 530, dann irgendwie doch weiterlaufen, ohne umdrehen zu müssen. Nach rund 5 km stieß ich noch einmal kurz auf den eigentlichen Steig, folgte diesem aber nicht, sondern nahm meine letzten Höhenmeter vor dem Ziel auf einem zwar breiten, aber unfassbar sandigen Waldweg in Angriff. Es folgte der Abstieg hinab nach Annweiler, zwar durch den Verhauer und die Orientierung mit dem Garmin 530 bedingt etwas unorthodox, aber immerhin ging ich nicht verloren…

Von Annweiler aus kommt man stündlich zurück nach Neustadt an der Weinstraße und es passte wirklich gut, denn ich konnte ein trockenes Oberteil anziehen, meine Daunenjacke darüber und mich danach quasi direkt mit einem vorbildlich hinter einer Maske versteckten breiten Grinsen in den Zug setzen.

Hinter mir lag ein langer Tag mit 7:20 h:mm für 58,77 km und 1950 mH. In diesem Jahr hatte ich damit nach meiner bislang längsten Fahrradtour nun also auch meinen bislang längsten Lauf hinter mich gebracht. Es war alles in allem ein anstrengender, aber unfassbar toller gewesen: Bestes Wetter, tolle Stimmung im Wald und viel Abwechslung. Mittlerweile kenne ich die Etappen vier bis acht des Pfälzer Weinsteigs und ich kann sie nur empfehlen!

In diesem Sinne,
Martin

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