Eigentlich wollte ich mit dem Fahrrad nicht durch Rheinhessen fahren, sondern entlang des Kocher-Jagst-Radwegs. Doch leider war das von mir terminlich bevorzugte Wochenende keines der ersten des unfassbar warmen und trockenen Septembers 2020, sondern das erste eher verregnete Wochenende. Nach intensivem Studium der Wettervorhersage und Wetterkarten aber sah ich dennoch eine Möglichkeit den Sonntag zu nutzen und ich entschied mich dazu mit dem Rad Rheinhessen zu erkunden: Abgesehen von morgendlichen, leichten Niederschlägen über Mannheim versprach Rheinhessen selbst zwar bedeckt, aber trocken zu sein.

Die Tour war rasch geplant: Entlang des Neckars nach Mannheim und weiter den Rhein entang nach Norden und Worms. Ab dort weitgehend dem Rhein folgend bis nach Oppenheim und von dort aus einmal diagonal nach Westen ins Tal der Nahe bis nach Bingen. Ab dort dann zurück entlang des Rheins nach Mainz und weiter parallel zum Main in den Rheingau nach Frankfurt. Dort wollte ich auf den Goetheturm steigen und mir die Skyline zur blauen Stunde anschauen, denn zwei Tage vor Beginn der Tour hatte ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung gelesen, dass dieser nach dem er zuvor abgebrannt war, nun neu errichtet und eröffnet wurde. Im Nachinnein muss ich allerdings zugeben, dass ich den Artikel mehr überflogen hatte und mich von den Bildern trieben lies, denn ein kleines Detail hatte ich übersehen. Doch dazu später mehr.

Erstes Etappenziel im Geiste der mit 240 km geplanten Tour war Worms, wo ich nach 40 km ein zweites Frühstück einnehmen und mir den dortigen Dom anschauen wollte. Nachdem ich aufgrund der Feinplanung mit dem Regenradar des DWD meine Abfahrt um eine halbe Stunde verzögerte, rollte ich Richtung Mannheim und von dort aus weiter auf die Friesenheimer Insel, wo meine letzte richtig lange Radtour ihr Ende fand. Dieses mal sollte meine Tour dort so richtig beginnen, doch zunächst einmal musste ich feststellen, dass ich dort, wo ich mit einer Brücke rechnete, nur eine sich außer Betrieb befindliche Fähre vorfand. Augen auf bei der Tourenplanung.

Nach einem kleinen Umweg konnte ich die Friesenheimer Insel doch noch verlassen und wurde kurz danach erneut stutzig, als mich das Fahrradnavi auf die A6 schicken wollte, um den Rhein zu queren. Doch dieses Mal war die Planung vollkommen korrekt, denn statt eines Mittelstreifens findet sich auf der Brücke der A6 zwischen Sandhofen und Frankenthal ein Fahrradweg. Im Brückenpfeiler geht es auf der einen Seite nach oben, entlang der Autobahn und auf der anderen Seite wieder hinab. Mit dem Rad mitten auf der Autobahn, während rechts und links mit nur geringem Abstand hinter der Absperrung die Autos vorbei rasen – ein komisches Gefühl.

Im Anschluss konnte ich deutlich weniger spektakulär weiter nach Worms rollen. Zumindest die geschotterten Fahrradwege waren teilweise noch etwas unter Wasser, aber ich kam gut voran, stärkte mich in Worms beim Bäcker, passierte den Dom und fuhr zurück zum Rheinufer, um dem Verlauf des Stroms nach Norden zu folgen.

Erst bei Oppenheim änderte sich das Landschaftsbild, denn ab dort konnte ich die ersten Weinberge Rheinhessens sehen und den ersten Weinberg direkt bei Oppenheim nach einer kurzen Rast beim Gasthaus zur goldenen Schwalbe in Oppenheim auch direkt erklimmen.

Da ich noch nie zuvor mit dem Rad in Rheinhessen unterwegs war und Richtung Nahetal queren wollte, hatte ich bei der Planung einfach die Landstraße gewählt. Normalerweise wäre das wahrscheinlich eine schlechte Wahl gewesen, aber auf dem Höhenzug hatte ich trotz der Landstraße eine gute Fahrt, denn der Ausblick war einfach toll. Egal ob direkt an der Straße oder weiter im Hintergrund, irgendwo war immer Wein zu sehen. Im Nachhinein würde ich bei Wikipedia lesen, dass Rheinhessen die am wenigsten bewaldete Gegend Deutschlands ist (5 % der Fläche), stattdessen aber rund 20 % der Fläche mit insgesamt rund rund 120 Millionen Rebstücken bepflanzt sind. Wenn ich mich so recht entsinne und mir die Bilder anschaue fällt mir in der Tat auf, dass ich bei meinem Ritt quer durch Rheinhessen durch keinen einzigen Wald gefahren bin.

Bei Wörrstadt bog ich ab und querte nach Nordwesten hin über Aspisheim nach Gensingen, wo ich mich im Nahetal befand. Auch hier gab es einige schöne Weinberge im Hintergrund des westlichen Nahetals, rollte aber weiter Richtung Bingen. Den Ort durchfuhr ich alleridngs nicht, sondern fuhr den Rochusberg hoch, von wo aus ich einen tollen Ausblick über Rheinhessen, das Nahetal und auch auf den Rhein hatte.

Vom Rochusberg aus fuhr ich hinab an den Rhein und diesen entlang bis nach Mainz. Es war der langweiligste Abschnitt des Tages, denn leider trennte mich der Deich vom Rhein und so hatte ich tatsächlich die meiste Zeit kaum einen Blick auf ihn, konnte aber stattdessen die Felder anschauen.

In Mainz legte ich eine Pause ein. Meine Motivation weiter zu fahren war in Erwartung einer Fahrt bei grauem Wetter recht gering und ich war kurz davor in Mainz in den nächsten Zug zu steigen, aber beim Blick auf die Uhr sah ich, dass ich eigentlich gut in der Zeit lag und es doch noch möglich sein sollte, den Goetheturm zur blauen Stunde zu erreichen: Nach verspäteter Abfahrt am Morgen, sowie dem ein oder anderen Verhauer hatte ich eine Pause entfallen lassen und war gut voran gekommen, so dass ich nur rund eine Viertelstunde hinter meinem selbst gesetzten Plan lag.

Wenige Minuten später war ich also nicht im nächsten Zug Richtung Heidelberg, sondern auf der Brücke über den Rhein Richtung Hessen unterwegs und dann auch rasch schon am Main. Das vierte Weinbaugebiet des Tages, nach Baden (auch wenn sich die Weinberge bei Heidelberg nicht aufdrängen, es gibt sie dennoch), Rheinhessen und dem Rand der Nahe (OK, ich war am falschen Ufer, konnte aber immerhin die zur Nahe gehörenden Rebstöcke zum Greifen nah sehen) nun also der Rheingau.

Mit deutlich bessere Laune rollte ich zunächst am nördlichen, dann am südlichen Mainufer entlang, vorbei am (und zumindest gefühlt auch ein wenig durch den) Industriepark Höchst, weiter vorbei an Niederrad hinein nach Sachsenhausen, wo ich zum Ziel des Tages, dem Goethturm fuhr. Dort wartete allerdings die große Enttäuschung, denn wie eingangs erwähnt hatte ich den Zeitungsartikel nicht richtig gelesen: Um auf den Turm zu steigen, hätte ich wegen des erwartet hohen Andrangs und der Pandemie online ein Ticket in für ein Zeitfenster reservieren müssen. Satz mit X, war wohl nix…

Ohne tolle Bilder von der frankfurter Skyline fuhr ich über Oberrad weiter nach Offenbach, vorbei am Offenbacher Hafen, der genau so furchtbar aussieht, wie die Heidelberger Bahnstadt. Hier hat wohl jemand die Pläne kopiert? Dem Frankfurter Bahnhof näherte ich mich allmählich von Osten, nach einem Bogen über Fechenheim und Riederwald hinein in die Innenstadt. Allerdings war es schon dunkel geworden und auch wenn ich Beleuchtung dabei hatte und nur wenig Verkehr herrschte, war das Fahren durch Frankfurt zu später Stunde unangenehm.

Nach dem selbst verschuldeten Flop am Goetheturm gab es am Bahnhof in Frankfurt allerdings noch eine Klatsche zum Abschluss des Tages, denn zum einen musste ich feststellen, dass man Tickets für das Fahrrad weder per App, noch am Automat kaufen kann, zum anderen teilte man mir im Reisezentrum mit, dass man zwar Sitzplätze in einem IC bis zu 15 Minuten vor Abfahrt reservieren kann, Fahrradabstellplätze hingegen 24 h zuvor reservieren muss. Dass man Fahrradstellplätze reservieren muss sehe ich ja ein, aber warum man dies mit solch einem Vorlauf muss, obwohl man Sitzplätze ja auch kurzfristig reservieren kann, verstehe ich beim besten Willen nicht. Zumal ich die Information, dass man diesen riesigen Vorlauf benötigt, noch nie zuvor gehört hatte. Statt mit dem IC ging es daher mit dem Regionalexpress nach Hause. Zum gleichen Preis übrigens. Warum Service, wenn es doch ohnehin keinen echten Wettbewerb gibt? Es gibt hunderte Gründe die Bahn nicht zu nutzen – der einzige es dennoch zu tun ist ein Mangel an Alternativen.

In diesem Sinne,
Martin

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