Anfang August, pünktlich zur ersten Hitzewelle, ließ es mein Kalender zu eine Idee umzusetzen, die mir zugegebenermaßen nicht selbst eingefallen war, sondern die mir ein guter Freund in den Kopf setzte: Den Neckar abzufahren, von der Quelle in Villingen-Schwennigen, bis zur Mündung in den Rhein bei Manheim. An einem Tag, 360 km.

Was die theoretische Planung und Vorbereitung anging orientierte ich mich am Neckartal-Radweg, welchem ich im Wesentlichen folgte. Bei Outdooractive fand ich in der Vorbereitung auf Anhieb nicht die offizielle Strecke (ich weiß nicht warum, aber mittlerweile weiß ich, es gibt sie hier), so dass ein paar Abweichungen von Anfang an einkalkuliert waren. Wegen der zu erwartenden Temperaturen jenseits der 30 °C markierte ich mir im Track etwa alle 50 km einen Bäcker oder eine Tankstelle, um dort Flüssigkeit kaufen zu können. Alle 100 km wollte ich eine ganze Mahlzeit und markierte entsprechend meine Möglichkeiten. All diese relevanten Informationen kamen mitsamt dem Hinweis, dass ich mich alle 50 km mit Sonnencrème einreiben wollte, in Form einer Marschtabelle mit Distanzen und anvisierten Zeiten laminiert in die Trikotasche. Damit war die theoretische Vorbereitung auch schon abgeschlossen und ich musste alles nur noch fahren.

Was die praktische Vorbereitung anging zog ich in Erwartung einer beinahe reinen Asphaltstrecke auch beinahe profillose Reifen auf und um Ermüdungsprobleme der Handgelenke zu reduzieren montierte ich einen Auflieger, wie man ihn beim Triathlon verwendet. Meine sieben Sachen zur Übernachtung am Start kamen in eine klassische Bikepackingtasche für die Sattelstütze und all den Kleinkram für unterwegs brachte ich hinter dem Vorbau in einer kleinen Tasche unter. Damit war das Rad vorbereitet und ich selbst ersetzte in der Woche vor der Ausfahrt vier Läufe durch vier Einheiten auf dem Fahrrad, um bewusst das Sitzfleisch vorzubereiten. Es war angerichtet und konnte losgehen.

Am letzten Freitag im Juli fuhr mit dem Zug und den damit einhergehenden Unwägbarkeiten (natürlich viel der Anschlusszug in Karlsruhe aus) nach Villingen-Schwennigen, genauer gesagt in den Ortsteil Villingen, von wo aus ich mit dem Rad die europäische Wasserscheide überquerend weiter zum Ortsteil Schwennigen fuhr und angesichts des früh angedachten Starts erstmal die Neckarquelle bei Tageslicht besuchte.

Vielleicht tue ich Schwennigen auch unrecht, aber es schien mir, abgesehen von der Quelle, kein besonders hübscher Ort zu sein und ich war ein wenig froh, als ich am nächsten Tag um 3:15 Uhr aufstand, um eine halbe Stunde später im Sattel zu sitzen. Die Nacht war mild, es war stockdunkel und konnte losgehen.

Über die ersten 55 km gibt es nicht sehr viel zu erzählen, denn es war zunächst natürlich sehr dunkel und ich konnte entsprechend wenig Notiz des langsam größer werdenden Flusses neben mir nehmen. Die Orte waren leer und erst in Rottweil gab es den ersten Höhepunkt: Den Testturm von Thyssen Krupp. Kurz danach fuhr ich im Wald Richtung Sulz am Neckar, wo ich den ersten Stopp bei einem Bäcker einlegte. Im Wald entlang des Neckars fuhr ich durch einen Mückenschwarm nach dem anderen. Überall auf dem Gesicht, den Armen und Beinen klebten die Insekten und in Sulz am Neckar musste ich vor der Weiterfahrt ja erstmal Sonnencrème auftragen, denn die Sonne würde ja in kürze kommen. Meine Haut bekam also eine proteinreiche Pflege mit UV Schutz…

Weil ich damit rechnete, dass ich sehr früh und unter Umständen auch sehr spät unterwegs sein würde, hatte ich mir die Verpflegungsstopps auch nach den Öffnungszeiten ausgesucht und war froh, dass es in Horb am Neckar noch einen klassischen Bäcker gab, bei dem ich pünktlich um sechs Uhr mein zweites Frühstück bekommen konnte.

Nach einer kleinen Stärkung brach ich Richtung Tübingen auf. Das war der vielleicht schönste Teil der Reise, denn zum einen landschaftlich für mich (bis kurz vor Tübingen) neu und reizvoll, zum anderen endlich hell, so dass ich etwas sehen konnte und noch nicht zu heiß. Die Beine waren auch noch frisch und so ging es in angenehmen Tempo den Neckar entlang, bis ich kurz vor Tübingen den Schönbuch erkannte, in welchem ich während meiner Zeit in Tübingen öfters zum Laufen war.

Zur Stärkung in Tübingen hatte ich mir im Vorfeld eine McDonalds Filiale ausgesucht. Der Hintergrund war, dass ich bisher das Essen von Ort beim Radfahren erstaunlich gut vertragen hatte und in meiner Überlegung Pommes für meine Zwecke ideal sein sollten: Viele Kohlenhydrate, etwas Fett und viel Salz. Aber zurück auf dem Rad nahmen die Temperaturen zu und das fahren fiel mir schwerer, weil ich mich an die nun zunehmende Hitze erst lamngsam anpassen musste. Bei Unterensingen kam dann eine Baustelle dazu, bei welcher natürlich für alle Autos eine Umleitung ausgeschrieben war, fürs Fahrrad hingegen nichts. Aber ich konnte am Ende doch mitten durch die Baustelle fahren und schaffte es bis nach Plochingen, wo ich mich an der Mündung der Fils in den Neckar erstmal erfrischen konnte.

Der Abschnitt von Plochingen bis Höhe Stuttgart Mühlhausen lief besser als gedacht. Im Talkessel von Stuttgart erwartete ich eine Betonwüste mit unfassbarer Hitze, aber ich hatte mich ein wenig an die Temperaturen gewöhnt und war fleißig am Trinken. Meist habe ich keinen großen Durst und daher setzte ich mir ein Ziel von einem Liter pro Stunde, doch bis Plochingen war ich an diesem Vorhaben gescheitert. Erst danach lief es besser und ich konnte mehr trinken. Die Streckeum Stuttgart hätte sich schlimmer anfühlen können, wobei ich sehr wohl wusste, dass es ab und zu etwas dauert, bis der Hitzschlag einsetzt und ich sehr darauf achtete, ob ich Kopfweh, Schwindel oder Übelkeit entwickelte. Andere, typische Symptome, wie heiße und trockene Haut, beschleunigter Atem und beschleunigter Puls sind auf dem Rad natürlich schwerer zu erkennen, aber auch letzteres beobachtete ich.

Auf der Höhe von Stuttgart Mühlhausen entdeckte ich auf der gegenüberliegenden Neckarseite einen kleinen Biergarten und machte bei Kilometer 190 meine zweite größere Pause. Das Trinken klappte ganz gut, aber Appettit hatte ich wegen der Hitze keinen und die Portion „wilder Kartoffeln“ musste ich mir schon etwas aufzwingen, auch wenn sie nicht besonders groß war.

Nach dem Stopp im Biergarten war mein nächstes Ziel im Geiste Heilbronn, denn ab dort kannte ich den Neckartal-Radweg und ich behauptete mir selbst gegenüber, dass ich es zumindest bis nach Heidelberg schaffen würde, wenn ich erstmal in Heilbronn wäre. Wie eingangs erwähnt wich ich etwas von der Strecke ab und fuhr von Mundelsheim direkt über den Anstieg der Weinberge nach Neckarwestheim. Der Anstieg lag in der prallen Sonne und als ich den letzten Höhenmeter geschafft hatte war mir klar, dass ich aufpassen musste, denn mein Körper drohte zu überhitzen.

Glücklicherweise aber zog sich der Himmel etwas zu und nahm die direkte Strahlung der Sonne ein wenig zurück. Für ein Gewitter reichte es nicht ganz, die Wahrscheinlichkeit wurde im Vorfeld auch nur mit 30 – 40 % angegeben, aber es reichte, um bei leichter Bedeckung bis nach Heilbronn fahren zu können, wo ich bei Kilometer 240 mit mehr als einer Stunde Vorsprung gegenüber dem eigentichen Zeitplan meine Füße zur Abkühlung in den Neckar halten konnte und mich bei Kilometer 245 an einer Tankstelle noch mit einem Sandwich stärkte. Außerdem konnte ich ein Eis essen, aber das war in der Hitze wirklich alles, was ich an Essen zu mir nehmen konnte.

Da ich gut in der Zeit lag, konnte ich auf dem nächsten Abschnitt sowohl in Mosbach, als auch in Eberbach noch einmal kurz zu einer Tankstelle und mich mit mehr Getränken eindecken. Hier hatte ich im Vorfeld Zweifel, denn wenn ich zu spät unterwegs sein würde, hätten die Tankstellen bereits gesclossen. In Eberbach entschied ich außerdem, dass ich den Weg nach Heidelberg aufgrund der zunehmenden Dunkelheit nicht auf dem Neckartal-Radweg, sondern auf der Bundesstraße fahren würde. Dies ermöglichte ein rasches Vorankommen und war scherlich auch einfacher, als auf dunklen Waldwegen zu fahren.

Nach der Hitzeschlacht am Weinberg gab es in Heidelberg den zweiten schweren Moment der Tour, denn ich fuhr ohne Pause an der eigenen Wohnung vorbei, weiter nach Mannhein. Nach rund 340 km hatte ich schon eine große Vorfreude auf Dusche und Bett entwickelt, aber nun wollte ich es natürlich zu Ende bringen. Also rollte ich weiter Richtung Mannheim, wo ich dann nach 367 km an der Mündung des Neckars in den Rhein stand. Es hat geklappt, an einem Tag den Neckar entlang, von der Quelle bis zur Mündung. Rot in nachstehender Karte übrigens der Track (bereinigt um alle Verhauer und Baustellen, jedoch nicht um die Umwege wegen Zwischenstopps), in blau der offizielle Neckartal-Radweg.

Der einzige Haken lag nun darin, dass ich wieder zurück nach Heidelberg musste. Da traf es sich gut, dass ich zufälligerweise ja mit dem Rad da war und schon ging es, mit noch weniger Motivation als zuvor im Abschnitt von Heidelberg nach Mannheim, wieder zurück nach Heidelberg, wo die Tour nach 390 km endete.

Ein sehr langer, aber doch toller Tag ging damit zu Ende, der alles in allem vor allen Dingen dank der guten Vorbereitung gut geklappt hatte und den ich lange in Erinnerung behalten werde. Nachstehend noch ein paar kleine Tipps, die zumindest ich von meiner ersten längeren Radtour mitgenommen habe.

  • Zur Entlastung der Handgelenke ist ein Auflieger wirklich eine tolle Sache, wobei man diesen wohl nur bei guten Bodenverhältnissen nutzen kann. Zumindest mir war es auf Gravel zu instabil, was bei dieser Tour jedoch kein Problem darstellte.
  • Aus meiner Sicht macht es Sinn sich im Vorfeld zu überlegen, wo die Pausen geplant sind, welche Möglichkeiten man hat, wie schnell man welche Abschnitte fahren möchte. So habe ich zum Beispiel wegen der steigenden Temperaturen meine angepeilten durchschnittlichen Geschwindigkeiten von Stopp zu Stopp abnehmen lassen, habe überlegt wie lange ich überall mindestens pausieren möchte und festgelegt, dass ich alle 50 km meine Flaschen komplett auffüllen möchte, um nicht in Verlegenheiten zu kommen. Bei der Planung stellt ich so zum Beispiel fest, dass es keinen Sinn macht, viel früher als vier Uhr zu starten, weil erst ab 6 Uhr die Bäcker öffnen, beziehungsweise dass ich ab 22 Uhr Probleme im Odenwald haben würde, denn dann schließen dort auch die meisten Tankstellen. Außerdem hat man so eine gute Übersicht, welche Stopps man eventuell entfallen lassen kann und was für Möglichkeiten man hat – und muss nicht unterwegs von Google Maps genervt die Hälfte der Zeit auf dem Handy tippen…
  • Wenn man tatsächlich einen sehr großen Anteil Asphalt fährt, macht es Sinn auch entsprechende Reifen zu wählen. Auch wenn man gar nicht schneller fahren möchte, so spart man einfach Kraft. In Kombination mit dem Auflieger übrigens noch mehr, denn zum einen liegt man besser im Wind, zum anderen kann man den Oberkörper auch einfach mal „ablegen“.
  • Man sollte sich gut überlegen, was man isst und trinkt. Besonders in der Hitze fällt dies teilweise sehr schwer.
  • Folgende Idee kam nicht zum Einsatz, aber ich überlegte mir an einer Tankstelle einen Beutel mit Eiswürfeln zu kaufen und unter das Trikot zu stecken. Erst würde die Packung kühlen, dann würde ich das Wasser auch noch trinken könnne. Werde es bei Gelegenheit testen.

In diesem Sinne,
Martin

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