Wie schnell die Zeit doch vergeht… sechs Jahre lag mein erster Besuch der Oberaarjochhütte zurück und ich war sehr gespannt, was sich zwischenzeitlich getan hatte, denn überall in den Alpen kann man den Klimawandel mit dem bloßen Auge erkennen und bisher gab es bei quasi jeder Hochtour in den letzten beiden Jahren deutliche Abweichungen von dem, was man den Routenbeschreibungen nach erwarten konnte.

Doch zunächst hieß es für unsere Fünferseilschaft erst einmal zur Hütte aufzusteigen. Wir parkten am Oberaarsee und hatten ein wenig Zeitdruck, denn 4,5 – 5,5 Stunden sind laut SAC Tourenportal für den Zustieg zur Oberaarjochhütte zu veranschlagen und wir waren aufgrund des Verkehrs recht spät dran. Also marschierten wir stramm vom Stausee weg…

… und konnten nach etwas mehr als einer Stunde unsere Füße erstmals auf Gletschereis setzen. Es war beruhigend festzustellen, dass er noch da war, der Gletscher.

Etwas weniger als die Hälfte war er bereits aper und wir konnten seilfrei gehen, erst zum Ende der langen Schuttablagerung in der Mitte des Gletschers seilten wir an, als der Gletscher begann eine zunehmend stärker werdende Schneeauflage zu tragen.

Nach vier Stunden erreichten wir die Hütte. Die Befürchtung, zu spät zum Abendessen zu kommen, hatte uns schnell steigen lassen und so waren wir rechtzeitig zum Abendessen auf der gemütlichen Oberaarjochhütte, welche in diesem Jahr erstmals vom neuen Hüttenwirtepaar Sonja und Giano bewirtet wurde. Wir fühlten uns sehr willkommen und mit ihrer herzlichen Art standen sie im starken Kontrast zu den Hüttengästen: Als wir den Gastraum betraten und in die Runde grüßten, wurden wir beäugt wie Außerirdische, unser Gruß nicht entgegnet und als wir die uns zugewiesenen Plätze zum Abendessen einnahmen, wurde uns nur widerwillig und mürrisch Platz gemacht. Hohe Hütten haben im Allgemeinen leider das große Problem, das viele der Hüttengäste versuchen möglichst cool wirken zu wollen, leider aber einfach nur unfreundlich sind.

Unserer Laune tat das allerdings keinen Abbruch, denn die Hütte ist ein tolles Adlernest mit perfektem Blick, gemütlich und das Essen war hervorragend. Im Anschluss konnten wir auch schon wieder unser Material für den kommenden Tag vorbereiten, denn Westalpen heißt ja immer früh aufstehen.

Am nächsten Morgen wurden wir erwartungsgemäß früh wach. Es hätte nicht das Kingeln des Weckers gebraucht, denn kurz vor halb vier Uhr begann im Lager das große Rascheln. Man könnte seine Sachen auch am Vorabend etwas vorbereiten, die Stirnlampe beim Aufstehen nicht auf Stadionbeleuchtung einstellen, aber sei es drum, wir mussten ja ohnehin ebenso raus aus den Federn. Außerdem sind Hütten zum übernachten da – von schlafen hat niemand etwas gesagt.

Gegen Viertel nach vier fanden wir uns im Oberaarjoch wieder, legten Steigeisen und Seil an, um über den Studergletscher Richtung Oberes Studerjoch zu gehen. Dabei konnten wir in der klaren Luft von unterhalb des Jochs einen unendlich weiten Ausblick genießen, der nur in den prominenten Bergen am Horizont sein Ende fand. Mont Blanc, Montrosa, Matterhorn und Weisshorn – herrlich. Das Wetter versprach durchgehend perfekt zu werden und es zeigte sich früh von seiner besten Seite.

Kurz vor erreichen des Oberen Studerjoch wurde klar, dass Klimawandel in diesem Jahr einmal mehr die Routebbeschreibung alt aussehen ließ, denn es war schon beim Zustieg aus erkennbar, dass das, was als „mäßig steiler, aber scharfer Firngrat“ in der Routenbeschreibung stand, in mittleren Drittel frei von Firn und reiner Fels war.

Wir stiegen in der Grat ein und nutzen das erste Drittel auf Firn, um uns an das Gelände zu gewöhnen, bevor wir im felsigen Drittel plötzlich vor leichter Kletterei im zweiten Grad standen. Grund genug das Seil auszupacken, wobei es im Blockwerk kein Problem war, einen Fixpunkt zu finden.

Zurück im Firn steilte das Gelände auf und wir konnten diverse Pickel- und Steigeisentechniken einsetzen, um zum Gipfel zu gelangen. Schon jetzt war die Tour damit äußerst abwechslungsreich gewesen, vom Gletscher auf den Firn und nach Fels in steilen Firn.

Nach einer kurzen Pause am Gipfel stiegen wir Richtung Unteres Studerjoch ab. Dabei ging es zunächst recht steil, dann zunehmend flacher über den Gletscher, bis wir kurz vor dem Altmann den tiefsten Punkt erreichten. Theoretisch, der Beschreibung nach, hätten wir auf den Studergletscher absteigen können, aber zum einen wollten wir noch auf den Altmann und zum anderen sah keine der Rinnen zum Gletscher wirklich einladend und wie ein Abstieg aus.

Zum Altman wurde es im Firn kurz noch einmal etwas steiler, aber wir kamen gut durch, bevor wir am Gipfel eine Pause einlegen. Mit der Gewissheit, dass das Wetter den ganzen Tag über stabil sein würde, konnten wir die Tour völlig ohne Zeitdruck angehen und die Aussicht genießen.

Nach der Stärkung stiegen wir zur Abwechslung erneut in Fels ein und arbeiten uns zunächst entlang der Gratkante vor, ehe wir leicht in die Flanke abstiegen, um unterhalb des Grats weiter zu queren. Das Blockwerk war nicht unbedingt schön zu gehen, aber wir kamen durch, auch wenn es hier und da recht locker und brüchig war.

Das anhalten brüchige Gelände stieß nicht unbedingt auf Begeisterung, so dass ich die anfangs kurz überlegte Variante aufgriff, direkter in die Flanke abzusteigen, um dann im Firn oberhalb eines sich darunter befindlichen Felsriegels seitlich querend erneut zum Gletscher zu gelangen.

Die Idee war zwar ganz nett, aber in der Durchführung doch etwas problematischer als gedacht. Zum einen waren die letzten Meter im Übergang auf den Firn schlechter passierbar, zum anderen der Firn über dem elsriegel auch steiler als gedacht. Entsprechend seilten wir ein Stück auf den Firn ab und arbeiteten uns dann zunächst nach unten, um dann kurz danach seitlich querend beim tiefsten Punkt zwischen Oberaarhorn und Altmann erneut auf den Studergletscher zu gelangen.

Hört sich einfach an, war aber technisch durchaus fordernd, zumal es Mitglieder unserer Seilschaft gab, die zum ersten Mal abseilen mussten. Hier verliert man in einer großen Seilschaft schnell Zeit, auch wenn nicht alle Mitglieder technisch gleich versiert sind. Für uns war es, dank des angekündigt genialen Wetters, kein Problem, aber wenn dunkle Wolken nahen, steigt sicherlich schnell mal die Dynamik in der Gruppe…

Zurück auf dem Studergletscher konnten wir in einem schönen Bogen die Spalten umgehend zurück zum Oberaarjoch und zur Hütte gehen. Mit alle den tollen Aussichten bei den Pausen, dem Abseilen, den steilen Stellen im Firn, sowie den flachen Passagen auf dem Gletscher hatten wir eine wirklich wahnsinnig abwechslungsreiche Tour hinter uns gebracht, die voll mit tollen Erlebnissen war. Allerdings muss man auch sagen, dass wir diese zu fünft auch nur gehen konnten, weil wir wussten, dass das halten würde – immerhin waren wir zwölf Stunden unterwegs gewesen.

  • Um bei Giano und Sonja auf der Oberaarjochhütte bestens bewirtet und beherbergt zu werden, sollte vom Oberaarsee aus rund 5 Stunden einplanen, wenn es eilt geht es auch 4. Dabei wichtig: Die Panoramastraße vom Grimselpass zum Stausee ist eine Einbahnstraße und man kann, vom Grimselpass aus, jeweils nur die ersten zehn Minuten zur vollen Stunde einfahren, in die Gegenrichtung darf man jeweils zur halben Stunde, ebenfalls für zehn Minuten. Hier verliert man unter Umständen fünfzig Minuten…
  • Der Zustieg zur Hütte ist mit F, beziehungsweise L bewertet und es gibt durchaus Spalten, so dass man die komplette Gletscherausrüstung dabei haben und sie auch bedienen können sollte.
  • Die Überschreitung des Studerhorns weicht wie erwähnt etwas von der gängigen Beschreibung ab. Der Gletscher bis zum Oberen Studerjoch ist zwar als L zu bewerten, hat aber durchaus (wenige) größere Spalten. Der Grat Westgrat zum Studerhorn hatte bei uns im mittleren Drittel kein Firn mehr, sondern Kletterei bis II UIAA, die zumindest an der zweier Stelle auch etwas ausgesetzt ist (je nach Empfinden). Der Firn danach hat bis etwa 40°. Der Übergang zum Altmann ist problemlos, allerdings wird die östliche Flanke des Studerhorns schnell sulzig. Beim Übergang zum Oberaarhorn sollte man sich am besten direkt am Grat halten. Unsere Variante war zwar sehr abwechslungsreich, aber sicher nicht ideal. Alles in allem PD+, beziehungsweise WS+. Einen Abstieg zurück auf edn Studergletscher zwischen Studerhorn und Altmann würde ich nicht einplanen.
  • Kartenmaterial gibt es wie immer in der Schweiz bei https://map.geo.admin.ch/. Eine Beschreibung, mit den oben genannten Einschränkungen bezüglich der tatsächlich möglichen Verhältnisse, gibt es hier. Eine Überschreitung hoch zum Oberaarhorn ist ebenso möglich!

In diesen Sinne,
Martin

P.S: Danke an alle für die tolle Tour und die Fotos!

2 Kommentare

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.