Ein bisschen kurios ist er schon, der Hochwanner, denn den auf der Liste der höchsten Berge Deutschlands, je nach Stringenz der Definition, auf Platz zwei oder vier geführten Berg kann man besteigen, ohne deutschen Boden zu betreten. Zumindest, wenn man nicht die äußerst fordernde Nordwand durchklettert, welche weniger durch ihren Schwierigkeitsgrad (über weite Teile II-III, stellenweise IV), als vielmehr durch den brüchigen Fels und ihre Länge (mehr als 1500 Klettermeter) eine Herausforderung darstellt. Johannes, mein langjährigen Partner am Berg, und ich wollten uns dem Hochwanner, über den wir vor Jahren bei der Jubiläumsgratüberschreitung schon sprachen, von der österreichischen Seite über den Normalweg nähern.

Im Grunde kann die Tour auch an einem Tag gemacht werden, aber aufgrund der aus der Kurpfalz dann doch recht langen Anreise machten wir eine entspannte Wochenendtour aus der Besteigung. Unser Auto parkten wir auf dem vorletzten Parkplatz des Gaistals bei Leutasch und kurz danach waren wir auch schon auf dem Weg zur Tillfussalm, wo wir übernachteten. Weil der Weg durch das „Almparadies Gaistal“ explizit für Mountainbiker ausgeschildert wurde und dort eine E-Bike-Schnelltrasse entstanden ist, versuchten wir zunächst direkt entlang der Leutascher Ache zu wandern, bis sich der Weg verlor und wir uns dazu gezwungen sahen, durch das Gestrüpp zuürck auf den eigentlichen Weg zu gelangen.

Auf der Tillfussalm angekommen stärkten wir uns ausgiebig und warteten auf das angekündigt schlechte Wetter am Abend. Dabei stellten wir fest, dass Deutschlands zweit- oder vierthöchster Berg in Österreich nicht besonders bekannt ist, denn bei gleich drei der Bedienungen sorgte unserer Antwort auf die uns gestellte Frage, wohin es am nächsten Tag gehen solle, für sehr fragende Gesichter.

Am nächsten Tag starteten wir früh, denn es waren für den Nachmittag erneut Gewitter angekündigt und weil der neue Pächter Patrick so nett war und aus dem Frühstück eine Jause machte, die wir mitnehmen konnten, war das auch kein Problem. Wir starteten zunächst nach Norden zum Steinernen Hüttl.

Ab dem Mitterjöchl verliesen wir den Wanderweg und stiegen weglos nach Norden hinauf Richtung Westgrat des Hochwanners, wobei wir zunächst auf Gras und später dann auf Wettersteinschotter nach oben stiegen. Der Schotter führte uns zu einem Felsriegel, den wir in sehr leichter Kraxelei (I UIAA) in einer kleinen Rinne überwinden konnten. Man sollte sich die Rinne von oben gut einprägen, denn es gibt mehrere Rinnen parallel zueinander und beim Rückweg möchte man von oben kommend auch sicher die leichteste erwischen.

Nach der Rinne ging es den Steigspuren folgend in lockerem Schotter nach oben. Spaß machte das nicht so richtig, denn der Schotter war unangenehm zu gehen, aber wir wurden mit wahnsinnigen Ausblicken belohnt.

Den besten Überblick hatten wir erwartungsgemäß auf dem Gipfel, den wir nach rund zweieinhalb Stunden erreichten (soweit ich mich recht erinnere). Zum einen der tolle Blick über die Mieminger Kette, zum anderen der Blick Richtung Zugspitze und Jubiläumsgrat, der tolle Erinnerungen weckte. Erstmals konnten wir auch deutschen Boden betreten, sprich wir wechselten von einem bedeutungslosen Berg in Österreich zu Deutschlands zweit- oder vierthöchstem Gipfel.

Nach einer kleinen Pause stiegen wir über den Aufstiegsweg zurück auf das kleine Jöchl ab und konnten sehen, wie die Quellwolken den Himmel bedeckten. Eine kurze Kontrolle von Uhrzeit, Wettervorhersage und Nierderschlagsradar (bei Quellwolken ist letzteres allerdings eine trügerische Sache) lies uns etwas daran zweifeln, ob wir den Predigtstein noch mitnehmen sollten, allerdings meinte ein vorbeiwanderndes Paar, dass sie rund eineinhalb Stunden von der Hütte aus bis zum Gipfel gebraucht hatten und so gingen wir es im Stechschritt an – 12 Minuten später standen wir auf dem Predigtstein und konnten zurück auf den Hochwanner blicken.

Nachdem wir den Predigtstein über den nordwestlichen Weg (I UIAA) besteigen konnten, machten wir, wegen der Quellwolken, keine Pause und stiegen rasch über den nordöstlichen Weg (ebenso I UIAA) wieder ab. Der Fels der beiden Wege war kompakt und die Kraxelei nicht nur einfach, sondern auch an nur jeweils einer Stelle wirklich gefragt.

Beim Abstieg kehrten wir noch kurz in der Hämmermoos Alm ein, bevor wir weiter ins Tal zurück zum Parkplatz zogen. Alles in allem eine gelungene Tour, wobei ich persönlich sagen muss, dass man dem Wettersteinkalk schon etwas abgewinnen können muss, um den ganz großen Spaß zu haben. Der Schotter ging mir schon gut auf die Nerven. Aber, auch das muss ich zugeben, der Ausblick vom Hochwanner lohnt die sich insgesamt in Grenzen haltenden Mühen!

  • Wir fühlten uns auf der Tillfussalm wohl und gut aufgehoben – sie eignet sich gut als Ausgangspunkt für alle, die aufgrund langer Anfahrt die Tour nicht als Tagestour machen wollen. Der Zustieg dauert weniger als eine Stunde, wenn man wie wir hingegen Handy-Apps zum Erkennen von Bergpanoramen, Wildblumen und Vogelgezwitscher tausprobiert, dauert es hingegen deutlich länger als eine Stunde…
  • Am Gipfeltag waren wir 8.5 Stunden unterwegs, inklusive Abstieg bis zum Parkplatz. Die Schwierigkeiten liegen alle an beiden Bergen in kurzer, nicht ausgesetzter Kraxelei im I. Grad UIAA, beziehungsweise am Hochwanner eher im Schotter.
  • Unter bergtour-online.de findet sich eine Beschreibung der Tour. Mit den AV Karten „Wetterstein und Mieminger Kette“ Mitte und Ost (4/2 und 4/3) deckt man das Gebiet ab (ein Stück von Leutasch fehlt im Osten, ansonsten reicht die Mitte).

In diesem Sinne,
Martin

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