Mittlerweile blicke ich durchaus auf ein paar Jahre Erfahrung im Bereich Bergsteigen, Klettern, Wandern und Laufen zurück, aber es gab in all der Zeit noch nie ein Unterfangen mit so vielen Planänderungen, wie das, was wir als Bike Packing Trans Germany irgenwann im letzten Jahr ins Auge fassten. Der ursprüngliche Plan, die Bike Packing Trans Germany zu fahren, also mit dem Fahrrad von Basel nach Rügen, wurde aus logistischen Gründen schon vor einiger Zeit dahingehend abgeändert, dass wir die Route umgekehrt, also von Rügen nach Basel zu fahren planten. Dann kamen einige neue Termine in den Kalender und unmittelbar vor dem Start der Fahrradtour fand sich nicht nur eine dienstliche Reise in die USA, sondern auch noch einen Marathon und ein Umzug im Kalender. Dieser war also gerappelt voll, wurde dann aber durch SARS-CoV2 gründlich aufgeräumt, allerdings auch mit dem Nebeneffekt, dass wir lange bangen mussten, ob wir überhaupt fahren können würden. Umzug und Bike Packing blieben letztlich im Kalender, der Rest hatte sich erledigt. So starteten wir mit bedingt durch die Pandemie deutlich abgeänderten Plänen, welche wir unterwegs dann abermals ändern mussten. Der römische Geschichtsschreiber und Politiker Sallust (eigentlich Gaius Crispus) wäre stolz auf uns gewesen.

Der Plan, den man nicht ändern kann, ist schlecht.

Sallust (86 – um 35 v. Chr.)

In diesem Sinne war unser Plan war sehr, sehr gut: Aus einer ganzen Reihe von Randbedingungen (wann wird was in welchem Bundesland erlaubt, Regelungen bezüglich Ausland, …) kristallisierte sich während der Öffnungsdiskussionsorgien unser Plan heraus, dass wir in der Kurpfalz starten würden, um über den Kraichgau nach Hohenlohe zu fahren, wo wir auf die eigentliche Bike Packing Trans Germany Route stoßen würden. Ab dort würden wir ihr soweit wie möglich folgen, wobei das Ausland für uns tabu sein würde, sprich Tschechien und Polen nicht infrage kommen würden. Dazu wollten wir uns dann unterwegs Gedanken machen. Ein paar weitere Planänderungen waren also fest im Gepäck…

Bedingt durch den Umzug, aber auch die Ungewissheit, ob wir überhaupt aufbrechen würden, wurde die Vorbereitung und das Packen für die Tour im Speziellen zu einem kleinen Wettlauf mit der Zeit. Mein Begleiter und Initiator der ganzen Idee, nach Reisen mitten durch Australien oder vom Nordkapp nach Istanbul erfahren was Fahrradfahren angeht, hatte allerdings eine hervorragende Packliste, so dass wir unseren Mangel an Zeit durch strukturelle Maßnahmen kompensieren konnten. Zusätzlich war die letzte Woche noch vollgepackt mit diversen kleinen Wartungsarbeiten am Rad, sprich alles wollte geputzt, geölt, abgeklebt und eingestellt werden.

Zehn Stunden vor Abfahrt war das Rad aber vorbereitet, alles Gepäck in den Taschen verstaut und selbige waren auch alle am Rad montiert. Insgesamt brachte es das Rad inklusive 3 l Wasser auf 22 kg, dazu noch 2,1 kg für Helm, Schuhe und weitere Bekleidung am Körper, sowie Kleinkram (Handy, Sonnenbrille, etc.).

Tag 1 – Von der Kurpfalz über den Kraichgau nach Crailsheim in Hohenlohe

Aufgrund der vollen Terminkalender gab es im Vorfeld keine Zeit zum Testen des Setups, so dass wir auf den ersten Metern höchst erfreut feststellten, dass sich die Räder trotz all des Gepäcks sehr gut fahren liesen. Alles blieb fest am Rad und wie wir später noch merken würden war es auch kein Problem mit den Taschen über Stock und Stein von kleinen Trails zu fahren. Einzig wer eine Zusatztasche zur klassischen Rolle am Lenker montiert sollte aufpassen, dass diese sich nicht lockert und auf dem Vorderrad durchgescheuert wird.

Der erste Tag war geprägt von einem hügeligen Auf und Ab. Hinter Neckargemünd sammelten wir bei Dilsberg die ersten Höhenmeter und im Anschluss ging es duch den Kraichgau Richtung Bad Wimpfen. In erster Linie waren wir dabei auf Landstraßen unterwegs, auf welchen bedingt durch die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie erfreulich wenig los war.

Zwischen Bad Wimpfen und Crailsheim fuhren wir im weitesten Sinne parallel zur Bundesautobahn A6, teilweise entlang, teilweise quer zu Kocher und Jagst. Das war spannender, als es sich zunächst anhört, denn wir fuhren auch an zahlreichen Industrie- und Logistikparks vorbei, in welchen, bedingt durch Covid19, eine irritierende Ruhe herrschte. Dennoch wurde uns aber deutlich vor Augen geführt, welche wirtschaftliche Kraft im Süden schlummert.

Bevor sich Craislheim unser erster Tag dem Ende neigte gab es auch den obligatorischen Platten, der aber schnell repariert wurde. Ein Tipp an dieser Stelle: Wer beim Wechseln der Reifen extrem viel Kraft benötigt und ein nur sehr schmales Felgenband besitzt, sollte aufpassen, dass er dieses nicht versehentlich beim „Überziehen“ des Mantels und der hierzu nötigen rohen Gewalt verletzt. Wir hatten neben Geweband auch schmales Isolierband dabei, welches sich hervorragend als Ersatz eignete!

Beim Gasthaus zur Goldenen Schwalbe in Crailsheim stärkten wir uns, bevor es an die letzten Kilometer ging. Zur Übernachtung hatten wir uns einen der in der Bike Packing Trans Germany Strecke verzeichneten Unterstände ausgeguckt, die Pandemie lies uns auch nicht viel andere Wahl, denn Hotels und Beherbergungsbetriebe waren zunächst noch geschlossen.

Ein kurzes Wort noch zur Rechtslage beim Thema „Übernachten im Wald“: Das alles ist in Deutschland ein heikles Thema und oftmals bestenfalls auf der eher dunklen Seite einer Grauzone. Unterschiede zwischen „campen“ (mit Zelt) und „biwakieren“ (ohne Zelt) sind in der Outdoor-Gemeinschaft übrigens von größerer Relevanz als bei Juristen. Da wir, man hat es in durch die Corona-Pandemie sehr gut mitbekommen, ein föderaler Staat sind, gibt es zahlreiche Regelungen, ganz abhängig vom jeweiligen Bundesland (und teilweise auch noch den Kommunen). Bergzeit hat ein paar Infos zusammengestellt, aber dies ersetzt nicht die eigene Recherche und egal was man macht: Man sollte stets spät damit beginnen, früh damit aufhören, keine Spuren hinterlassen und niemanden stören – kurz gesagt: Es sollte niemand etwas mitbekommen, weder davor, noch während, oder danach. Am besten aber auch dann, wenn es legal ist – und spurlos sollte die Natur in Gänze einbeziehen!

Tag 2 – Von Hohenlohe nach Mittelfranken

Am zweiten Tag wurden wir nach einer kühlen Nacht früh wach und obwohl wir eigentlich gefühlt tief im Wald waren, brachen früh ein paar Sonnenstrahlen zu uns durch. Ein erstes Frühstück hatten wir am Vorabend in Crailsheim mitgenommen, so dass wir den Tag damit starteten, dass wir zunächst entlang der Bike Backing Trans Germany Strecke in Richtung Norden fuhren. Wir wollten weiter nördlich dann bei einem Rasthof nach einem zweiten Frühstück Ausschau halten.

Auf dem Weg zum Rasthof nutzen wir ein wenig die Landstraße und dabei fiel uns auf, wie wenig Verkehr herrschte. Es war nichts los und wir konnten einige Kilometer auf Landstraßen fahren, ohne weit und breit auch nur einem einzigen anderen Verkehrsteilnehmer zu begegnen.

Im Anschluss an das zweite Frühstück ging es zurück zum eigentlichen Track und weiter durch Mittelfranken. Dabei gab es hier und da einige nette und mit dem Gravelbike sehr schön zu fahrende Trails. Zwar war der Weg ohne die ganz großen landschaftlichen Highlights, aber die flotten Abschnitte über besten Gravel machten das allemal wett.

In Herzogenaurach stärkten wir uns zum Abendessen mit Pizza und Salat, bevor es zum nächsten im Bike Packing Trans Germany eingezeichneten Unterstand ging. Dieser sagte uns allerdings nicht sonderlich zu, denn er war zum einen zu nah am nächsten Wohngebiet, zum anderen dem Müll nach zu urteilen bei Jugendlichen beliebt und aufgrund der nahen Seen und Teiche hatten wir innerhalb von wenigen Minuten bei der Inspizierung gleich mehrere Insektenstiche. Im Meilwald, unweit vom ersten Versuch, wurden wir dann fündig. Nicht perfekt, unfassbar staubig, aber besser als nichts.

Tag 3 – Über den Frankenjura ins Fichtelgebirge

Die Nacht war erneut kurz und wir wurden früh mit den ersten Sonnenstrahlen (und Joggern im Meilwald) wach. Auch wenn es später am Tag angenehm warm werden würde, die ersten Meter auf dem Rad zum nächsten Bäcker waren eiskalt. Heute sollte es über die nördliche Frankenalb gehen, zunächst Richtung Forchheim und dann weiter entlang der Wiesent (so grob) bis nach Bayreuth und dann ab ins Fichtelgebirge.

Entlang einer alten Eisenbahnstrecke, diese immer wieder kreuzend, ging es angenehm auf bestem Schotter dahin, bis wir für einen Kaffee in einem Biergarten halt machten. Unser Plan sah vor, mit den Lockerungen zu fahren und so waren wir die ersten Gäste seit Schließung der Biergärten durch Corona. Wir machten uns langsam mit den auch für uns neuen Regelungen vertraut, bevor es weiter in Richtung Landkreis Bayreuth ging.

Den Frankenjura verbinde ich in erster Linie ja durch die Kletterei mit seinen Felsen und vor allen Dingen mit Schäufele, aber leider war letzteres dann doch wegen diverser Corona-Einschränkungen noch nicht drin.

Irgendwann erreichten wir langsam aber sicher das Fichtelgebirge, wo wir Bad Berneck als einen Ort wahrnahmen, dessen beste Zeiten schon lange zurück liegen. Früher ein wohlsituierter Kurort, aber nun wirtschaftlich etwas abgehängt.

Im Tal nach Gefrees passierten wir, zunächst unwissentlich, die zunächst angedachte Unterkunft für die Nacht, doch da diese direkt am Wasser war, wäre sie aufgrund der Stechmücken sicherlich ohnehin keine gute Option gewesen. Also blieb uns nicht viel übrig als noch einige Kilometer zu schrubben, um zur nächsten verzeichneten Möglichkeit im Fichtelgebirge zu gelangen. Es war gut, dass wir keine Fichtenpolleallergiker waren…

Die Stimmung am dritten Tag war, zumindest bei mir, zum Ende hin sehr gemsicht gewesen. Die Fahrerei war wirklich gut, aber ganz angekommen war ich noch nicht: Die Tage zuvor waren zu stressig gewesen und während mein Begleiter in einer Art entspanntem Reisemodus war, sah ich das ganze noch ein wenig als eher sportiche Herausforderung – möglichst viele Kilometer pro Tag abhaken, einfach morgens auf das Rad und abends wieder runter. Vielleicht wäre ich mental etwas anders eingestellt gewesen, wenn ich gewusst hätte, wie der nächste Tag laufen würde.

Tag 4 – Fichtel- und Erzgebirge

Für den vierten Tag hatten wir uns vorgenommen das Fichtelgebirge zu verlassen und über Vogtland und Erzgebirge ein gutes Stück ins Herzen Sachsens zu fahren. Aufgrund der Beschränkungen an der Grenze spielte die Bike Packing Trans Germany Strecke keine Rolle, aber da in Sachsen die ersten Lockerungsmaßnahmen Übernachtungen im Hotel ermöglichten, machten wir bereits beim Frühstück ein Hotel in Marienberg klar und radelten zunächst vom Fichtelgebirge in Richtung Vogtland, wo wir auch den Dreiländerpunkt kurz besuchten.

Am Beginn des Grünen Bands wäre ein Überschreiten der Grenze noch möglich gewesen, aber nur wenige Kilometer später sah ich zum ersten Mal in meinem Leben einen geschlossene (europäische) Grenze, welche ich nicht hätte passieren dürfen. Ein komisches Gefühl, denn ich bin ein sehr großer Freund des europäischen Gedankens (auch wenn ich finde, dass man die Wurzeln als Wirtschafts- und nicht als Werteunion immer noch zu sehr sieht).

Da wir narürlich nur begrenzt hätten wissen können, wo es schöne Trails gibt, hatten wir uns von Anfang an darauf verständigt, dass wir einfach per Navigation und weitgehend über Radwege und Asphalt fahren würden. Im Vogtland war alles noch ganz nett, aber im Erzgebirge wurde uns dann klar, dass dies nicht weniger anstrangend als an den Tagen zuvor werden würde. Einer der Gründe lag darin, dass wir in Sachsen mehrfach ausgeschilderter Fahrradwege mit zweistelligen Prozenten an Steigung fahren mussten. Für alle Radler mit sportlichem Anspruch mag das ja in Ordnung sein, aber wer mit dem Trekkingrad einen Ausflug machen will, erlebt dort sein blaues Wunder.

Als beeindruckend empfand ich die mir endlos vorkommenden Anstiege in Schöneck (Vogtland), Annaberg-Buchholz und Großrückerswalde, kurz vor Marienberg. Man nennt San Franciso übrigens nicht umsonst das Großrückerswalde Kaliforniens…

Nach gerade einmal 140 km, allerdings mit mehr als 2000 Höhenmetern, in Marienberg angekommen, schoben wir stilvoll nach vier Tagen ohne Dusche und in entsprechendem Zustand unsere Räder in ein Vier-Sterne-Hotel, wo wir uns über die Lockerungen und die damit verbundene Öffnung des Hotels freuten. Einziger Wermutstropfen war die Tatsache, dass die Sauna noch geschlossen bleiben musste, aber immerhin konnten wir die gefühlt mehrere Zentimeter dicke Mischung aus Sonnencrème, Schotter-Staub und Pollen der letzten Nacht in der Dusche von uns spülen, bevor wir bei einem hervorragenden und herzhaften Abendessen ungemütliche Entscheidungen treffen mussten: Am nächsten Tag würden sich unsere Wege trennen, denn mein Tourenpartner hatte gesundheitliche Probleme und musste abbrechen. Zwar überlegten wir viel hin und her, aber letztlich war es, wie sich auch in den Tagen danach noch zeigen würde, der einzig richtige Schluss, auch wenn er uns extrem schwer fiel. Das einzig Positive: Mit dem Alter sinkt zwar die Toleranz des Körpers, aber immerhin steigt die Qualität der Entscheidungen.

Tag 5 – Irrfahrt durch Sachsen bis nach Thüringen

Die letzten Tage waren auch an mir nicht spurlos vorübergegangen, aber ich wollte dennoch ein wenig weiterfahren und musste nun komplett umplanen, denn mit der Notwendigkeit alleine fahren zu müssen hatte ich nicht kalkuliert und entsprechend nicht einmal eine Handyhalterung dabei, um navigieren zu können. Also beschloss ich die Bike Packing Trans Germany die Bike Packing Trans Germany sein zu lassen und kam zu dem Schluss, dass es eventuell am sinnvollsten wäre, mich am (Fern-) Radwegnetz zu orientieren. Weiter nach Norden kam für mich nicht infrage, denn die Lockerungen waren noch nicht soweit fortgeschritten, dass in Brandenburg, Berlin oder Mecklenburg-Vorpommern Hotelübernachtungen möglich gewesen wären – und auf Nächte allein im Wald hatte ich ebensowenig Lust wie darauf mir abends halb im Dunkeln noch irgendwo einen Unterstand oder etwas ähnliches suchen zu müssen. Also beschloss ich zunächst nach Chemnitz zu fahren, um dort auf der Mittelland-Route (D4), einem deutschen Fernradweg von Aachen nach Zittau, Richtung Thüringen zu rollen. Von dort aus könnte es dann über Hessen zurück nach Heidelberg gehen. Am Handy nach Optionen suchend übersah ich dabei allerdings eine Kleinigkeit, doch dazu später mehr…

Der Tag startete recht schlecht, denn einen Radweg nach Chemnitz suchte ich vergeblich. Phasenweise fand ich mich also auf einer Bundesstraße wieder und konnte beim Kampf ums Überleben im Sog der Vierzigtonner immerhin Windschattenvorteile ausnutzen, aber im Wesentlichen versuchte ich krampfhaft mich zu orientieren. Auch in Orten, welche, wie ich später herausfinden würde, nur 14 km von Chemnitz entfernt lagen, gab es keinerlei hilfreiche Beschilderung. Dazu kam, dass immer wenn ich gerade einen möglichen Weg gefunden hatte, mir eine Baustelle und ein Umweg einen Strich durch die Rechnung machten. Viermal allein bis Chemnitz.

Immerhin, in Chemnitz stieß ich durch Zufall auf ein Schild mit dem richtigen Symbol und hatte tatsächlich für rund 15 km Glück, bis dann plötzlich das Symbol verschwunden war und eine Odyssee folgte. Dabei war nicht nur die Beschilderung des D4 unbrauchbar, sondern auch die reguläre Radwegbeschilderung war eine absolute Katastrophe. Die Wege zu den Nachbarorten waren teilweise nicht beschildert, teilweise änderten sich die Ortsnamen von Schild zu Schild oder ich wurde auf eine T-Kreuzung geführt und konnte dann selbst überlegen, ob rechts oder doch eher links richtig gewesen wäre.

Immer wieder musste ich also anhalten, auf dem Handy nach dem Weg suchen, mich orientieren, anfahren und erneut anhalten. Strecke machte ich so natürlich kaum und von der Landschaft nahm ich auch entsprechend wenig war, wobei ich den Eindruck hatte, dass ich außer der Steilen Wand von Meerane nicht viel verpasst hatte. Zwischen Gera und Chemnitz, parallel zur Bundesautobahn A 4, scheinen die blühenden Landschaften ein Versprechen geblieben zu sein.

Kurz vor Gera war ich drauf und dran den Tag im nächstbesten Hotel zu beenden, aber ab Thüringen besserte sich alles schlagartig. Es gab plötzlich eine perfekte Beschilderung und auch landschaftlich begann ein völlig neuer Abschnitt. Gerade zwischen Gera und Jena, im Tal der Rauda, war es herrlich und so fuhr ich beschwingt weiter bis Jena, wo ich an historischer Stätte (schon Luther wurde hier Schutz geboten) in ebenfalls historischem Mobiliar (immerhin nicht aus Luthers, sondern aus der DDR Zeit), übernachtete.

Abends im Hotel machte ich mir Gedanken zum weiteren Verlauf und konnte dann über die Mittellandroute D4, welcher ich noch ein ganzes Stück durchs östliche Hessen bis Bad Hersfeld folgen wollte, folgendes lesen:

In Osthessen und Sachsen steht die Festlegung des offiziellen Verlaufs noch aus.

https://radreise-wiki.de/Mittellandroute_D4

Alleine im Hotel kamen dann also ein paar Dinge zusammen: Zum einen würde die Fahrt in Hessen wohl einer Odyssee wie in Sachsen ähneln, zum anderen würde ich spätestens ab Bad Hersfeld nicht mehr „einfach“ nur einem einzigen Fernradweg folgen können, sondern mich über mehrere hinweg orientieren müssen. Dazu war zwar für den nächsten Tag noch gutes, für danach aber schlechtes Wetter angekündigt und außerdem teilte mein Knie mir mit, dass ein Pausentag nötig wäre. Meine Stimmung schwankte ohnehin, also machte ich kurzen Prozess und buchte für den nächsten Tag einen ICE ab Erfurt zurück in die Kurpfalz.

Tag 6 – Weimar, Erfurt und Retour

Am nächsten Tag bereute ich meine Entscheidung zunächst, denn bei bestem Wetter und nach etwas Schlaf sah die Welt schon wieder ganz anders aus. Allerdings änderte sich meine Meinung nach nur wenigen Kilometern, denn mein Knie bestand im Gegensatz zu meiner Stimmung weiterhin auf etwas Ruhe.

Entsprechend aemütlich fuhr ich auf dem immer noch sehr gut beschilderten D4 Richtung Weimar, wo ich Zeit für einen Kaffee fand und die Beine hochlegen konnte. Der heutige Tag würde entspannt werden, es standen nur knapp über 40 weitgehend ebene Kilometer an.

In Thüringen war ich bisher in meinem Leben kaum gewesen, aber ich muss sagen, dass mir Jena (am Vorabend), sowie Weimar und später auch noch Erfurt wirklich sehr gut gefielen. Das Radnetz war dort gut beschildert und in der Tat konnte ich es mir gut vorstellen zu späterem Zeitpunkt einmal zurückzukehren, um die Klassikerstädte zu besuchen. Jetzt machte es jedoch keinen Sinn, denn wegen der Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie war bis auf die Gastronomie ja praktisch alles geschlossen und mein Gepäck hätte auch keinerlei Bekleidung beinhaltet, dass einem Kulturtripp angemessen gewesen wäre.

Nach Weimar rollte ich gemütlich Richtung Erfurt, einer Stadt, die mir direkt auf den ersten Blick richtig gut gefiel. Mein Ziel war der Domplatz, den ich zumindest „akustisch“ kannte. Ein Konzert von Clueso auf dem Erfurter Domplatz hatte ich, ohne es je gesehen zu haben, während der letzten Monate stets auf dem MP3 Player und entsprechend oft im Ohr, während ich diverse Kilometer im Odenwald am Laufen war. Beim darin erwähnten Café Hilgenfeld war leider kein Platz mehr zu bekommen, so dass ich mich bei den Nachbarn noch einmal auf thüringer Art und Weise vor der Heimreise mit der Bahn stärkte. Nach der Odyssee zwischen Cheminitz und Gera würde dies übrigens die zweite Irrfahrt werden, aber ich erspare es mir darüber zu schreiben. Nur so viel: Murphys Law beschreibt auch, dass natürlich der Wagen mit den Fahrradstellplätzen fehlt, wenn teilweise Wagen eines Zugs entfallen…

Was bleibt vom ersten Versuch mit dem Rad eine lange Strecke zu fahren? Mit 750 km in fünf Tagen (800 km in sechs Tagen, wenn man den letzten mitrechnet) muss ich sagen, dass ich sicherlich die Notwendigkeit den Körper auf die Belastung langsam vorzubereiten unterschätzt habe: Zwar bin ich durchaus vereinzelt etwas länger auf dem Rad gesessen, aber wenn es mehrere Tage am Stück sind, dann muss ein gewisser sorgsamer Aufbau gemacht werden. Mit der begonnenn Marathon-Vorbereitung fühlte ich mich konditionell ausreichend stark und behielt damit auch recht, aber die Fahrt bis an die Ostsee hätte meinen die ungewohnte Belastung nicht gewöhnten Körper dann doch zu sehr strapaziert. Ansonsten muss ich sagen, dass Deutschland einfach unfassbar abwechsungsreich und schön ist. Jeder Ort birgt dazu noch ein interessantes Stück Geschichte und eigentlich sollte man an jedem Abend bei Wikipedia noch einmal die Kulturgeschichte des jeweiligen Abschnitts nachlesen. Nachstehend noch ein paar nicht immer ganz ernst gemeinte Hinweise zu dem, was ich sonst noch so mitgenommen habe:

  • Wenn man sich einen neuen Sattel holt, sollte man ihn behutsam einfahren. 170 km am ersten Tag mit neuem Sattel kann man machen, will man aber eigentlich vermeiden.
  • Karbon hat den großen Nachteil, dass man stets einen Drehmomentschlüssel benötigt, um Dinge daran zu montieren oder einzustellen, egal bei welchem Bauteil (Sattelstütze, Lenker, Flaschenhalter, …) – eher unpraktisch.
  • Bei möglichst allen Taschen sämtliche Berührungspunkte mit dem Rahmen mit Gewebeband abkleben. Scharfe Kanten mit Gummi (zum Beispiel aus alten Schläuches) unterlegen und abfüttern. Alle Auflageflächen nach möglichem Abrieb/Durchscheuern bei Belastung prüfen.
  • Nicht nur bei den Taschen, auch sonst geht es beim Radeln quasi nur um Verschleiß – sowohl am Rad, als auch am Körper. Auch wenn es konditionell problemlos gehen mag, freuen sich die Gelenke und Bänder, wenn sie etwas im Vorfeld vorbereitet werden.
  • Auf jeden Fall sicherstellen, dass mindestens eine Packtasche schnellen Zugriff erlaubt, zum Beispiel für Essen, Sonnencreme, Multitool, etc. Ohnehin: Das Multitool immer griffbereit halten. Braucht man dauernd. Konnte es auch nicht glauben, ist aber so. Wer puristischen, reinen Sport will, sollte Laufen gehen, statt Rad zu fahren.
  • Eine 36:30 Übersetzung verflucht man vielleicht ab und zu, sorgt aber für definierte Wadeln.
  • Navigation und Essen kosten unheimlich viel Zeit. Sollte man unbedingt im Vorfeld prüfen.
  • Welche Substanz und welchen Ernährungswert Fast Food hat erkennt man daran, wie überraschend wenig es im Magen liegt und wie kurz es nur satt macht.
  • Am besten probiert man alles mal im kleinen aus und macht eine Wochenendrunde mit Übernachtung im geplanten Modus, um Technik, Ernährung und Navigation ausführlich testen zu können.

In diesem Sinne,
Martin

P.S: Mein Dank gilt meinem Tourenpartner für die Idee, die perfekte Vorbereitung und die tolle Begleitung!

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