Anfang August fuhren wir ins Ötztal, um dort in einer kleinen Runde von Vent aus die umliegenden Hütten, sprich Hochjochhospiz, Similaunhütte und Schöne Aussichten Hütte zu verbinden. Das Wetter war von Anfang eher mäßig angekündigt, aber immerhin versprachen die Vormittage stabil zu sein, so dass es für eine Tour von Hütte zu Hütte eigentlich reichen sollte. Letztlich würde es aber etwas anders kommen.

Wir parkten das Auto am Ortseingang von Vent und marschierten zunächst auf der linken Seite der Rofenache wie schon im Jahr zuvor in Richtung Hochjochhospiz, welches wir nach zweieinhalb Stunden (ebenso wie schon im Jahr zuvor) erreichten.

Für den Folgetag war am späten Nachmittag mit Gewittern zu rechnen, aber wir kalkulierten, dass wir nach einem frühen Start die Similaunhütte über das Hauslabjoch eigentlich noch trocken erreichen sollten. Entsprechend nahmen wir das frühstmögliche Frühstück um sechs Uhr, machten uns im Anschluss ohne große Umschweife fertig und stiegen vom Hochjochhospiz hinab zur Rofenache, um diese zu queren. Danach folgten wir zunächst dem Weg nach Südosten, der über den Saykogel zur Martin Busch Hütte führt.

Nach Norden das Tal in Richtung Vent hinab blickend konnten wir sehen, wie langsam aber sicher die Wolken der Inversion zu uns am Talende hinauf geschoben wurden. Meine größte Sorge zu diesem Zeitpunkt war, dass wir beim Betreten des Hochjochferners ohne Sicht und daher ohne Orientierung sein würden. Aber noch waren wir vom Einstieg auf den Gletscher ein gutes Stück entfernt.

Bis auf etwa 2900 mH folgten wir dem Weg in Richtung Saykogel, verließen ihn dann aber und orientierten uns nach Süden, wo wir über den Hochjochferner das Hauslabjoch anpeilten. Die Sicht war zunächst gut und so stärkten wir uns kurz, legten die Steigeisen und das Seil an. Allerdings machten die Wolken hinter uns nicht langsam…

… und es dauerte nicht sehr lange, bis wir doch ohne Sicht auf dem Gletscher standen. In solchen Fällen ist es sinnvoll mit einer sogenannten „Auffanglinie“ zu arbeiten, sprich nicht das eigentliche Ziel, das Hauslabjoch, anzupeilen, sondern sich eine imaginäre Linie (durch das Ziel) zu denken und dann mit Absicht auf eine bekannte Seite neben das Ziel zu peilen, um dann die Linie entlang in Richtung Ziel gehen zu können und es so nicht zu verpassen. Steuert man nämlich das Ziel direkt an, so kann es sein, dass es verpasst und weiß dann nicht, ob man sich rechts oder links daneben befindet. Mit einer Auffanglinie vermeidet man dies und man muss sich nur noch in eine Richtung orientieren. In unserem Fall hieß dies, dass wir leicht nach links „neben“ das Hauslabjoch gingen und uns dann an der Felslinie entlang in Richtung Hauslabjoch vorarbeiteten, was auch hervoragend trotz abnehmender Sicht geklappt hat.

Wir seilten im Joch ab, verstauten unsere Ausrüstung und stiegen auf die den Gletscher begrenzende Felskante, um festzustellen, dass es auf der anderen Seite des Jochs weder einen markierten Weg zur Similaunhütte, noch so etwas wie Sicht gab. Also versuchten wir uns ein Bild mit Hilfe der Karte und des Kompass zu machen, während Regen einsetzte.

Danach ging alles recht schnell: Während der Regen stärker wurde, versuchten wir uns anhand von Trittspuren zu orientieren, was zunächst nicht so gut klappte, denn im leicht verblockten Fels unterhalb des Hauslabjochs sieht quasi alles wie ein Weg aus. Erst nach einigen Minuten entdeckten wir Spuren in einem kleinen Schneefeld, denen wir folgten, während der Wind sehr stark zunahm und es nun auch noch zu Graupeln begann.

Es war kurz hinter dem Ötzi-Denkmal, als wir zwar nun einen markierten Weg zur Similaunhütte, aber dafür ein anderes Problem hatten: Ohne Sicht hatten wir nun nicht nur Regen, Wind und Graupel, sondern es begann auch noch zu Gewittern. Entsprechend nahmen wir die Beine in die Hand und bewegten uns schnell Richtung Similaunhütte – zunächst laufend, später dann schon eher rennend, wobei wir aufpassen mussten, nicht über das nasse Blockwerk zu stolpern.

Während das Gewitter näher kam waren wir beide am Überlegen, ob wir das Metall auf unserem Rücken, sprich Steigeisen und Eispickel abwerfen und das Gewitter entfernt davon aussitzen sollten, doch kurz vor der Hütte zogen wir das Rennen vor – nicht zuletzt auch, weil wir das exponierte Gelände zwischen Hauslabjoch und Similaunhütte verlassen wollten, ein Abstieg in die Flanken ohne Sicht aber auch nicht ohne Risiko war. Erst als ich unmittelbar hinter meiner Frau hastend an ihrem Pickel das Summen der Ladung in der Luft hörte, warfen wir unsere Rucksäcke ab und entfernten uns vom Metall in und an den Rucksäcken – stets bemüht ohne Sicht uns nicht aus Versehen in zu unwegsames Gelände zu bugsieren.

Es dauerte einige Minuten, bis das Gewitter direkt über unsere Köpfe hinweg gezogen war und wir im Anschluss zurück zu unseren Rucksäcken gingen, um weiter im nun nachlassenden Regen hinab zur Similaunhütte zu steigen. Diese war keine zehn Minuten mehr entfernt und selten hatte ich den Begriff „Schutzhütte“ als so treffend empfunden.

Rund eine Stunde nach unserer Ankunft war der Himmel schon wieder blau und man konnte in der Sonne um die Similaunhütte spazieren. Die angekündigte Front, die uns das Leben schwer gemacht hatte, war einfach einige Stunden früher gekommen, als vorhergesagt.

Nach dem Abendessen beschlossen wir unsere Runde auf der Similaunhütte zu beenden und stiegen am nächsten Tag in rund drei Stunden über die Martin Busch Hütte ab. Das Wetter war noch schlechter vorhergesagt und vor allen Dingen war absehbar, dass mit sehr tiefer Bewölkung zu rechnen war. Wir wollten es vermeiden ohne Sicht auf dem Hochjochferner (potentiell erneut im Gewitter) in Richtung Schöne Aussichten Hütte zu gehen und entschieden uns für die sicherere Variante. Rund zwei Stunden nach unserem Aufbruch von der Similaunhütte begann es auch schon zu regnen und dunkle Wolken brauten sich über uns zusammen.

Es war die richtige Entscheidung gewesen.

Auch wenn nicht alles so lief wie gedacht, noch ein paar Infos:

  • Parken kann man am Ortseingang von Vent (5 EUR/Tag und bar oder per EC/Kreditkarte bezahlbar), wobei man auch vom Bahnhof Ötz oder von Sölden aus mit dem Bus bis nach Vent kommen kann.
  • Sowohl die Martin Busch Hütte, als auch die Similaunhütte liegen am E5 Oberstdorf – Meran und werden entsprechend von Unmengen Gruppen besucht. Rechtzeitiges Buchen empfiehlt sich also!
  • Zur Planung kann man ganz gut opentopomap.org nutzen, oder aber auch direkt das AV Kartenmaterial in Form der AV Karten 30/2 „Ötztaler Alpen – Weißkugel“ und 30/1 „Ötztaler Alpen – Gurgl“. Blatt 30/2 ist 2019 neu erscheinen – aber bitte beachten: Gletscherstand 2010, Eisrandbereinigung 2015. Der (ebenso im Kartengebiet liegende) Gepatschferner ist allein in der Gletschermessperiode 2016/2017 um 125 m zurückgegangen. Bei solch dramatisch schnellen Veränderungen ist den Gletscherdaten in Karten nur bedingt zu trauen!

In diesem Sinne,
Martin

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