Mangels der Fähigkeit Ski zu fahren bin ich normalerweise im Winter nicht in den Bergen, doch zu Beginn dieses Jahres war alles ein wenig anders, denn wir verbrachten unseren Urlaub in Äthiopien und hatten unseren Aufenthalt dort auch zum Trekking in den Simien Mountains genutzt.

Äthiopien liegt ausgesprochen hoch, denn 50 Prozent seiner Fläche liegen höher als 1200 Meter, mehr als 25 Prozent über 1800 Meter und mehr als 5 Prozent erreichen sogar Höhen über 3500 Meter. Damit war für uns von Beginn der Urlaubsplanung an klar, dass wir unbedingt einen Teil unserer Reise im Hochland verbringen wollten und nach etwas Recherche hatten wir uns dazu entschlossen, die Simien Mountains zu erkunden. Ausschlag für unsere Wahl gaben die Bilder der dortigen Tierwelt, insbesondere der Geladas, der grasfressenden Affen, welche ausschließlich in Äthiopien vorkommen und welche wir unbedingt sehen wollten, sowie die Topographie der Landschaft: Die Simien Mountains muss man sich weniger als steile Berge, sondern mehr als welliges und nach Süden flach auslaufendes Plateau vorstellen, welches aufgrund der sanften Anstiege optimal zum Trekking geeignet ist. Nach Norden hin wird das Plateau durch eine mehrere Kilometer lange und rund tausend Höhenmeter tiefe Abbruchkante begrenzt, welche landschaftlich spektakuläre Aussicht bietet. Dazu erstreckt sich ein Nationalpark über die Simiens, die trotz ihrer Höhenlage von rund 1900 mH in den Tälern bis hin zu 4533 mH beim Ras Dashen, dem höchsten Berg Äthiopiens, eher Mittelgebirgscharakter haben.

Organisiert oder in Eigenregie?

Die erste Frage der wir uns während der Vorbereitung stellen mussten, war die, ob wir unseren Besuch im Nationalpark in Eigenregie oder in Form eines organisierten Trekkings gestalten wollten. Letztlich kann ich nach dem Besuch der Simiens sagen, dass es zum einen kaum einen Unterschied macht, zum anderen einfach deutlich bequemer ist, wenn man sich an einen Organisator vor Ort wendet. Keinen Unterschied macht es deshalb, weil man nur an den vorgegebenen Lagerpätzen nächtigen darf und man daher am Ende eines jeden Tages ohnehin immer dort übernachten muss, wo auch alle anderen übernachten. Hier gibt es also keinen Spielraum für Individualismus. Außerdem darf man sich auch nicht ohne Begleitung im Nationalpark bewegen, denn mindestens ein Scout muss jede Gruppe (und im Zweifel auch jede Einzelperson) begleiten. Scouts sprechen in der Regel nur schlecht Englisch (sind also keine Guides) und sind vor allen Dingen stets bewaffnet – und damit auch in einer guten Verhandlungsposition beim Verstoß gegen eventuelle Regulierungen des Parks. Statt eines Rucksacks tragen sie stets und zu jedem Augenblick ein großes Gewehr bei sich, um Parkbesucher vor Tieren zu schützen, die man schon längst ausgerottet hat. Auch politisch gibt es eigentlich keine Unruhen mehr, die eine bewaffnete Begleitung in den Simiens erforderlich machen würden, aber der Scout ist Pflicht für alle Nationalparkbesucher und man muss sich diesen im Falle eines Besuchs des Nationalparks in Eigenregie selbst in Debark organisieren und auch über das Trekking hinweg verpflegen. Aus diesen beiden Gründen, sowie auch aus Bequemlichkeit heraus, entschieden wir uns also für ein Trekking, welches Dezy organisierte und was wir beide uneingeschränkt weiterempfehlen können, denn wir waren letztlich tagsüber nur zu zweit, sowie mit Guide Worku und Scout Asefa unterwegs in der Natur.

Von Debark nach Sankaber

Ausgangsunkt unserer Tour war Debark, wo das Team, bestehend aus Scout Asefa, Guide Worku, Koch Mihret und Assistenzkoch Solomon ins Auto stieg. Zwar war uns nicht immer ganz klar, was genau gerade passierte, aber am Ende fügte sich alles reibungslos und gemeinsam fuhren wir in den eigentlichen Nationalpark, wo wir ganz unverhofft noch bevor wir mit dem eigentlichen Trekking starteten die ersten Geladas neben der Straße beim Grasen beobachten konnten.

Geladas sind in Äthiopien endemisch, sprich sie leben ausschließlich in Äthiopien, haben eine sehr komplexe Sozialstruktur und weil sie die Ruhe selbst sind, kann man sich Ihnen problemlos nähern, um sie zu fotografieren.

Hinter der Simien Lodge stiegen wir mit Scout und Guide aus. Koch und Assistenzkoch fuhren auf der Schotterpiste bis zum Zeltplatz Sankaber weiter, wärend wir unser Trekking auf rund 3200 mH starteten, ebenso mit dem Ziel Sankaber, allerdings entlang eines kleinen Pfads, der sich parallel zu den steilen Abstürzen des Plateaus nach Norden hin Richtung Zeltplatz zieht.

Die Höhe merkten wir sofort, schließlich waren wir 36 Stunden vorher noch in Heidelberg auf 117 mH gewesen und hatten nach einer ersten Nacht im Flugzeug nur eine kurze Nacht in Gondar auf etwa 2600 mH verbracht. Aber nicht nur die Höhe, sondern vor allen Dingen die Landschaft mit den steilen Abbrüchen nach Norden hin raubte uns den Atem.

Immer wieder wich unser Pfad von der Abbruchkante ab, schlängelte sich etwas nach Süden und kehrte wieder zurück zur Kante. Die Zeit bis zum Camp verging wie im Flug, wobei ich es als sehr ungewohnt empfand, als mir unser Guide nach beinahe einer Stunde sagte, dass wir nun eine Pause machen sollten. Bisher traf ich solche Entscheidungen selbst, da ich noch nie irgendwo (und schon gar nicht in den Alpen) mit Führer unterwegs war, aber ich hatte mir schon im Vorfeld gedacht, dass manches etwas Gewöhnung bedürfen würde. Ebenso etwas ungewohnt war übrigens natürlich auch die Tatsache, dass hinter uns stets ein Ex-Soldat mit riesigem Gewehr lief. Das kannte ich aus den Alpen in der Form auch nicht…

Wer in den Simiens unterwegs ist, wird auf jeden Fall einen Scout an seiner Seite haben – und dieser wird auf alle Fälle bewaffnet sein.

Nach beinahe drei Stunden sehr abwechslungsreichen erreichten wir Sankaber auf etwa 3200 mH, einen kleinen Zeltplatz neben drei Wellblechhütten, welche als „Küchen“ dienen. Unser Zelt war schon aufgebaut, ein Snack zur Stärkung wartete auf uns und als wir später dann von unserem Koch und seinem Assistenten überraschend üppig bekocht wurden, konnte ich mich langsam doch ein wenig mit dem organisierten Trekking anfreunden. Immerhin wird man in den Alpen ja auch in jeder Hütte bekocht…

Von Sankaber nach Geech

Wir waren früh im Bett, starteten aber auch ebenso früh am nächsten Tag. Um das Frühstück brauchten wir uns dank Koch und Assistenzkoch nicht zu kümmern und kurz nach dem Aufstehen marschierten wir schon vom Zeltplatz. Der zweite Tag würde der abwechslungsreichste werden. Zunächst ging es entlang der Geländekante durch niedrige mit Epiphyten besetzte Bäume bis wir ganz unverhofft und plötzlich gegenüber eines 530 m hohen Wasserfalls standen.

Mitte Februar herrscht in Äthiopien Trockenzeit, was den Vorteil hat, dass man sich in Äthiopien weitgehend nicht um Stechmücken und Malaria kümmern muss (auch nicht in niedriger gelegenen Teilen ist dann alles deutlich entspannter), aber den Nachteil, dass der Wasserfall natürlich nicht ganz so prächtig war, die er zur Regenzeit ist.

Der nächste Abschnitt stand im starken Kontrast zum niedrigen Wald, denn es ging in sengenden Hitze ohne Schatten über felsige Landschaft weiter in den Nationalpark, nach etwa einer Stunde jedoch erneut mit einer Änderung der Landschaft und plötzlich waren wir in dem kleinen Tal, das den Wasserfall speist.

Nach einer Mittagspause im Flussbett stiegen wir aus dem Tal heraus und waren erneut in trockener und sandiger Landschaft, in der der Sand des Bodens in zahlreichen Farben leuchtete.

Es dauerte eine weiter Stunde und erneut änderte sich die Landschaft. Bei Aufstieg nach Geech (etwa 3600 mH) sichteten wir in der Ferne eine getüpfelte Hyäne und erreichten danach das Plateau von Geech, einer in der Trockenzeit von trockenen und daher gelben Gräsern überzogenen Landschaft, in welcher zahlreiche einzelne Lobelien stehen.

Wir stärkten uns im Zeltlager und anschließend zogen wir erneut unsere Schuhe an, denn wir stiegen zum Sonnenunterang auf den etwa eine Stunde vom Lager entfernten 3760 mH hohen Kedadit. Dabei hatten wir extremes Glück, denn auf dem Weh dorthin konnten wir den extrem seltenen Äthiopischen Wolf sichten (und leider nicht besser als nachstehend gezeigt fotografieren), von welchem es laut Wikipedia nur noch rund 500 Exemplare gibt.

Der Sonnenuntergang war wunderschön, aber bei weitem nicht so spektakulär wie das, was sich nach Sonnenuntergang abspielte: Hunderter Geladas stürzten sich tollkühn die Felsklippen hinab, denn die Affen grasen tagsüber zwar auf dem Plateau, suchen nachts jedoch in den natürlichen Felshöhlen der Klippen Schutz (vor nicht mehr wirklich existenten und kaum noch vorhandenen) Fressfeinden.

Von Geech nach Chennek

Der dritte Tag würde des anstrengendste werden, denn zum einen war die Distanz die weiteste, zum anderen die Höhe mit 4070 mH die zunächst höchste und vor allen Dingen spielte sich alles weitgehend ohne Schatten ab. Zwar merkte ich das während des Laufens selbst kaum, aber am Ende des Tages würde mich ein leichter Sonnenstich zu einer kleinen Verschnaufpause im Zelt zwingen.

Wir starteten erneut früh und marschierten zunächst zu Imet Gogo, einem knapp über 3900 mH hohen Aussichtsberg, welcher einen fantastischen Blick in alle Richtungen, auch über das Geech Plateau hinweg, erlaubte.

Im Anschluss an eine kleine Pause zum Genuss der Aussicht stiegen wir rund 350 mH hinab, um einen Geländeeinschnitt zu umgehen, sowie etwas mehr als 500 mH auf, hinauf zu Inatye mit 4074 mH, dem Ort unserer Mittagspause. Auch wenn eine leichte Prise der Höhenluft etwas kühlte, die Sonne prallte gnadenlos auf uns nieder und konsequenter Sonnenschutz sollte auch dann betrieben werden, wenn man es zunächst gar nicht so wahrnimmt.

Nach unserem Mittagessen ging es nur noch bergab, entlang steiler Abbrüche über sandige Pfade hinunter zu Chennek, wo wie schon zuvor in Sankaber oder Geech Mihret und Solomon auf uns warteten.

Zum Ras Bwahit

Die Nacht in Chennek war unsere zweite auf rund 3600 mH und als wir am nächsten Tag früh aufwachten, waren wir gefühlt noch einmal besser an die Höhe gewohnt. Das war auch gut so, denn unser Tagesziel war der 4430 mH hohe Ras Bwahit.

Aus alpinistischer Sicht ist der Berg sicherlich keine Herausforderung, aber die beeindruckende Landschaft machte ihn dennoch zu einem Highlight. Nicht zuletzt, weil wir tatsächlich noch einmal Geladas, aber auch den Athiopischen Steinbock (Walia Ibex) sichten konnte. Auch von diesem gibt es nicht mehr viele Exemplare, Wikipedia gibt 500 für das Jahr 2004 an.

Den Gipfel erreichten wir ohne Probleme, wobei wir die Höhe noch immer merkten, denn die Schritte waren anstrengend. Aber das Panorama und der Ausblick machten die Mühen wieder wett.

Den Abstieg erledigten wir rasch und nach einer Stärkung zu Mittag luden wir unser Gepäck in den Toyota Landcruiser, der uns von Chennek aus zurück nach Debark und weiter nach Gondar brachte. Hinter uns lagen vier wunderschöne Wanderungen durch eine faszinierende Landschaft mit einer unfassbar reichen Tier- und Pflanzenwelt. Einen Besuch der Simiens kann ich, insbesondere in einer sehr kleinen Gruppe, wirklich nur jedem empfehlen. Im Übrigen: Die Stimmung war insgesamt in allen Gruppen, auch unter den Guides, Scouts, Köchen, Fahrer und allen anderen Beteiligten wirklich immer sehr entspannt und freundlich. Man hatte das Gefühl, dass auch diejenigen, welche quasi täglich zum Arbeiten in diesen Bergen sind, sich jeden Tag erneut darüber über ihre Arbeit, aber auch über die Landschaft ihrer Heimat freuen. Für mich waren es vier Tage, welche ich nicht missen möchte.

Einige Infos zum Trekking in den Simiens

  • Es läuft eine Straße durch den Nationalpark und daher gibt es zahlreiche Varianten zur Gestaltung, von einem Tag oder zwei Tagen über drei oder vier bis hin zu sieben Tagen, welche in der Regel mit der Besteigung des Ras Dashen, des mit 4533 mH höchsten Berg Äthiopiens verbunden werden. Meine Empfehlung wäre nach dem Besuch vor Ort und dem Gespräch mit Wanderern und Guides, dass auf jeden Fall der Bereich zwischen Sankaber und Chennek, insbesondere zwischen Sankaber und Geech besucht werden sollte, da diese Abschnitte am abwechslungsreichsten bezüglich Landschaft, Flora und Fauna sind. Östlich von Chennek hin zum Ras Dashen hingegen verpasst man nichts, wenn man zuvor die Tage zwischen Sankaber und Chennek nutzen konnte.
  • Übernachtet wird im Zelt, wobei es auch Lodges an den Lagerplätzen gibt. Diese habe ich zwar nur aus der Ferne gesehen, aber allen die bei dem Begriff Lodges an hotelartige Zustände denken sei gesagt, dass diese, mit Ausnahme der Simian Lodge am Eingang des Parks, nicht im entferntesten etwas mit Hotels zu tun haben.
  • Hygienisch sollte man sich auf Plumpsklos einstellen, sowie Fäkalien, die auch mal neben dem Loch im Boden und auch um die kleinen Klohäuschen herum liegen. Das ist etwas schade, denn wenn jeder es schaffen würde ein Loch zu treffen, wäre ja eigentlich schon viel geholfen…
  • Um die Lagerplätze herum gibt es leider sehr viel Müll. Zwar nicht so viel wie zum Beispiel bei Erta Ale, wie sich für uns wenige Tage später herausstellen würde, aber dennoch genügend, um die Organisatoren darauf anzusprechen und die Situation zu thematisieren.
  • Den Ausgangsort Debark erreicht man vom nächsten Flughafen in Gondar aus in etwa zwei Stunden auf asphaltierter Straße.
  • Für die einzelnen Tages- oder Halbtagesetappen: werden die folgenden Zeiten von den Guides veranschlagt: Tag 1 – Simien Lodge nach Sankaber rund 3-4 h; Tag 2 – Sankaber nach Geech rund 7-8 h; Tag 3 – Geech nach Chennek rund 8 h; Chennek nach Ras Bwahit und zurück etwa 5-6 h. Wer gut trainiert ist kann mit teilweise deutlich weniger Zeit rechnen: Am dritten Tag brauchten wir zum Beispiel nur rund 6 h, am letzten soggar nur 3,5 h.
  • Auch wenn alles aussieht wie in einem Mittelgebirge: Die Simiens liegen in weiten Teilen über 3000 mH und wer keinerlei Erfahrung bezüglich der Höhe hat, sollte sich durch den Mediziner seines Vertrauens beraten lassen: Die akute Bergkrankheit tritt bereits ab Höhen von 2500 mH auf und selbst wenn sie sich nur durch Kopfweh zeigt, sollte man doch versuchen zu vermeiden sich durch schlechte Planung eine schöne Zeit in diesem faszinierenden Gebirge zunichte zu machen.
  • Pro tausend Höhenmeter steigt die UV Exposition um etwas mehr als 20 %. Dazu die Tatsachen, dass es kaum Schatten gibt und man unter afrikanischer Sonne wandert machen klar, dass Sonnenschutz bedacht werden muss. Viel trinken ist auch hier sehr wichtig, zumal man auch extrem viel Feuchtigkeit über die sehr trockene Luft beim Atmen verliert!
  • Zwei ganz allgemeine Punkte: Bei Reisen nach Äthiopien sollte man sich mit den notwendigen Impfungen und einer geeigneten Reiseapotheke beschäftigen. Politisch ist es mit Beilegung des Eritreakonflikts im letzten Jahr ruhiger geworden, wobei die Simiens hiervon ohnehin nich betroffen waren.

In diesem Sinn

Martin

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