In beinahe identischer Besetzung wie vor einem Jahr brachen wir auch in diesem Jahr erneut ins Ötztal auf, in der Hoffnung in diesem Jahr nicht nur durch die Wolken zu stapfen, sondern vielleicht auch einen Gipfel sehen oder gar besteigen zu können. Der Wetterbericht stimmte uns optimistisch und bei richtig sommerlichen Temperaturen stellten wir unser Auto auf dem Parkplatz am Ortseingang des Bergsteigerdorfes Vent ab. Unser erstes Ziel war das Hochjochhospiz, welches wir nach zweieinhalb Stunden gemütlicher Wanderung erreichten. Von Vent aus mussten wir etwas mehr als 500 Höhenmeter zurücklegen, aber der Anstieg war wirklich sehr sanft und so kamen wir entspannt an, um beim Abendessen unseren ursprünglich gefassten Plan noch einmal etwas durcheinander zu bringen und am nächsten Tag nicht auf die Mutspitze, sondern auf die Vordere Hintereisspitze zu steigen.

Nach einem recht späten Frühstück verliesen wir das Hochjochhospiz Richtung Nordwesten und hatten zu Beginn wunderschöne Eindrucke der aufgehenden Sonne, während wir langsam Richtung östlichem Kesselwandferner stiegen.

Hochjochhospiz
Morgendlicher Eindruck der aufgehenden Sonne vom Hochjochhospiz aus.
Hochjochhospiz
Direkt hinter dem Hochjochhospiz stiegen wir stetig nach aufwärts Richtung östlichem Kesselwandferner.
Hochjochhospiz
Blick von oberhalb des Hochjochhospizes Richtung Rofenhöfe und Vent.

Die morgendliche Stimmung war zunächst gut, immerhin versprach das Wetter großartig zu werden, doch nach den ersten Höhenmetern und Aufschwüngen machte uns das, was wir sahen, sehr nachdenklich: Der Blick auf den Hintereisferner und vor allen Dingen auf den östlichen Ausläufer des Kesselwandferners führte uns vor Augen, wie schnell sich unsere Umwelt derzeit verändert und wie schnell die Gletscher schmelzen und kleiner werden: Wo auf der AV Karte 30/2 mit Gletscherstand aus dem Jahr 2010 noch ein mächtiger Gletscherbruch im Kesselwandferner eingezeichnet ist, kann man nur acht Jahre später davon nicht mehr viel erkennen – blanker Fels statt Eis und Firn.

Hintereisferner
Der Hintereisferner war früher deutlich näher an der Hütte und ein Blick auf die Karte vermittelte einen Eindruck, wie schnell er sich in den letzten Jahren zurückgezogen hat.
Kesselwandferner
Auf der AV Karte 30/2 Ötztal Weisskugel aus dem Jahr 2013 mit Gletscherstand 2010 war noch ein mächtiger Gletscherbruch an dieser Stelle eingezeichnet – geblieben ist davon kaum noch etwas.

Diese Veränderungen der Gletscher haben auch starken Einfluss auf die Tourenplanung, denn Übergänge sind teilweise nur noch schlecht machbar, Normalwege verändern sich und zuvor recht einfache Passagen werden schwerer gangbar oder unmöglich. Doch dazu später noch etwas mehr. Bevor wir auf etwas über 3000 m Höhe vom markierten Pfad auf den Gletscher gingen, konnten wir im Westen unser Tagesziel erkennen: Die Vordere Hintereisspitze.

Mutspitze und Vordere Hintereisspitze
Blick auf Mutspitze (links) und Vordere Hintereisspitze (rechts daneben). Im Vordergrund das Überbleibsel des Eisbruchs am Kesselwandferner. Über den Nordgrat der Vorderen Hintereisspitze (im Bild nach rechts weg) würden wir ein paar Stunden später zum Gipfel gelangen.

Wir marschierten in einem groß angelegten Bogen nördlich um den Ausläufer des Nordgrats der Vorderen Hintereisspitze herum, vorbei an unserem später letzten Tagesziel, dem Brandenburger Haus.

Brandenburger Haus
Das Brandenburger Haus thront über dem Kesselwandferner. Wir freuten uns beim Vorbeigehen schon auf die spätere Einkehr.

Der eigentliche Normalweg zur Vorderen Hintereisspitze verläuft durch dessen westliche Flanke, doch aus einem initialen Orientierungsfehler meinerseits heraus (Orientierung, mein Spezielgebiet…) und weil wir eine absteigende Seilschaft im Nordgrat sahen stiegen wir zu einer kleinen Scharte fast am nördlichen Ende des Nordgrats auf die Grathöhe auf. Dabei mussten wir kurz ein etwa 5 m langes Steilstück überwinden, was dank guter Verhältnisse kein Problem war, bevor wir auf dem Grat waren.

Nordgrat Vordere Hintereisspitze
Ein kurzer Aufschwung auf die Grathöhe am Nordgrat der Nordgrat Vorderen Hintereisspitze
Nordgrat Vordere Hintereisspitze
Firn – Fels – Firn – Fels – in solch abwechslungsreichem Gelände stiegen wir nach Süden dem Gipfel der Vorderen Hintereisspitze entgegen.

Vom Grat aus hatten wir einen tollen Blick über Gepatschferner hinüber zu Weißseespitze, mussten aber auch sehen, dass die Wolken doch etwas dunkler waren, als wir es vom Wetterbericht her erwarteten. Doch es erschein mir vertretbar weiter zu steigen und so gingen wir zunächst im Firn zur ersten einfachen Felspassage…

Weißseespitze
Der Blick vom Nordgrat der Vorderen Hintereisspitze zur Weißseespitze hinüber. Die Wolken mussten wir etwas im Blick haben, aber wir konnten weiter steigen.
Nordgrat Vordere Hintereisspitze
Wie zuvor erwähnt sehr abwechslungsreich mit zwei Firn- und zwei Felsabschnitten: Der Nordgrat der Vorderen Hintereisspitze
Nordgrat Vordere Hintereisspitze
Kurz vor dem Ende der ersten Felspassage und vor dem zweiten Firnabschnitt.

… um anschließend nach einer zweiten Firnpassage erneut in wenig schwererem Fels weiter nach oben zu steigen. Im ersten Felsabschnitt sind die Schwierigkeiten nicht größer als I (UIAA), im zweiten Abschnitt wartet eine etwa fünf Meter hohe Platte im Aufstieg (kann an Felsblock von oben gesichert werden), sowie ein etwa ebenso hoher kurzer Abschnitt im Abstieg im Bereich II (UIAA).

Nordgrat ordere Hintereisspitze
Beim Vorbereiten der Absicherung der kurzen Platte, unweit des Gipfels. Die dunklen Wolken waren weg und wir hatten alle Zeit der Welt, um sicher Richtung Gipfel zu steigen.
Nordgrat Vordere Hintereisspitze
Von links nach rechts die Hintere Hintereispitze, die Weißseespitze mit Gepatschferner, der Felsriegel mit Brandenburger Haus in der Bildmitte und am linken Bildrand die weiße Rampe zum Fluchtkogel.
Vordere Hintereisspitze
Die letzten Meter zur Gipfelstange.
Vordere Hintereisspitze
Richtig gelesen und gesehen: Kein Gipfelkreuz, sondern eine Gipfelstange…

Bei Erreichen der Gipfelstange kam mir die Idee über den Normalweg nach Südwesten abzusteigen, doch vom Gipfel aus sahe der Abruch sehr steil aus und einen richtigen Weg durch den Fels konnt ich von oben leider nicht ausmachen. Entsprechend entschied ich über den Nordgrat zurück zu gehen, um vom Einstieg aus über Kesselwandferner zum Brandenburger Haus zu gehen.

Kesselwandferner
Zurück auf dem Kesselwandferner mit Marschrichtung Brandenburger Haus (Bildmitte).
Brandenburger Haus
Das Brandenburger Haus vom Kesselwandferner, der Einstieg ist gut markiert und man muss nicht lange suchen (auch wenn man auf dem Bild nichts davon erkennen kann).

Nach etwas weniger als 9 Stunden lief unsere Fünferseilschaft auf dem Brandenburger Haus ein, von dem ich im Vorfeld schon wusste, dass die Pächter neu auf der Hütte waren. Beide waren sehr freundlich, aber so ganz stimmten die Abläufe noch nicht. Das Halbpensionsessen war nur preislich deutlich vom Bergsteigeressen am Nebentisch zu unterscheiden und ein frühes Frühstück war auch nicht drin. Stattdessen wurde uns für den nächsten Morgen ein sehr übersichtliches Lunchpaket bereitgestellt – immmerhin, aber alles in allem etwas mager, wo wir doch keinen großen Luxus, sondern nur anständig große Portionen zum Glücklichsein gebraucht hätten. Aber das gibt sich sicherlich noch mit etwas mehr Routine.

Der dritte und letzte Tag begann ebenso mit einer Planänderung. Durch den Rückgang des Kesselwandferners erscheint es aus meiner Sicht nicht mehr oder nur noch sehr umständlich möglich über das Untere Guslarjoch zur Kesselwandspitze aufzusteigen. Der Übergang vom Gletscher auf den Fels sah auch sehr steinschlaggefährdet aus, so dass wir uns kurzerhand für den Fluchtkogel entschieden, den wir über den Kesselwandferner und das Obere Guslarjoch erreichten. Beim Weg dorthin hatten wir herrliche Bilder des frühen morgens in den Bergen:

Fluchtkogel
Die Sonne ist gerade aufgegangen, während wir auf dem Kesselwandferner Richtung Fluchtkogel marschieren.
Fluchtkogel
Herrlicher Blick über den Kesselwandferner auf dem Weg zum Fluchtkogel

Über den für etwa hundert Höhenmeter etwas steileren Firnaufschwung ab dem Oberen Guslarjoch erreichten wir nach etwas weniger als zwei Stunden den Fluchtkogel, wo wir allerdings nur wenig Aussicht hatten.

Fluchtkogel
Dies Aussicht vom Fluchtkogel hätte etwas besser sein können…

Nach kurzer Gipfelrast gingen wir hinab zum Oberen Guslarjoch und stiegen von dort aus über den Guslarferner Richtung Vernagthütte ab.

Guslarferner
Blick über den Guslarferner.
Guslarferner
Im Abstieg vom Oberen Guslarjoch auf dem Guslarferner.
Guslarferner
Blick von der Moräne zwischen Vernagthütte und Guslarferner zurück auf letzteren. Noch war von der Sonne nicht viel zu sehen.

An der Vernagthütte, die an einem Montagvormittag sehr einsam wirkte, vorbei stiegen wir ins grüne Tal in Richtung Rofenhöfe ab, wo wir sieben Stunden nach Start am Brandenburger Haus zurück am Ausgangspunkt waren.

Rofenache
Das lebhaft grüne Tal der Rofenache stand in starkem Kontrast zum tristen Grau, welches wir noch kurz zuvor am Gipfel des Fluchtkogels hatten.

Hinter uns lag eine alles in allem sehr abwechslungsreiche Tour, insbesondere durch den Nordgrat der Vorderen Hintereisspitze mit schönen Fels- und Firnpassagen sehr kurzweilig und jedem zu empfehlen, der im II. Grad UIAA steigen kann und schwindelfrei ist.

Infos zur Tour

  • Am Parkplatz im Ortseingang von Vent kann man für 5 EUR pro Tag parken und auch mit Karte zahlen.
  • Das Hochjochhospiz liegt auf 2413 m und wir erreichten es nach 2:30 h:mm in gemütlichem Tempo, wobei es sich empfiehl bis zu den Rofenhöfen südlich der Rofenache zu gehen und nicht entlang und auf der asphaltierten Straße zu den Rofenhöfen.
  • Wer auf der höchsten Hütte des DAV nächtigen will, muss auf das Brandenburger Haus, welches nur über Gletscher zu erreichen ist und auch von Mountain Wilderness in seinem Büchlein Wilde Hütten gewürdigt wurde. Das Team mag noch nicht eingespielt und das frühe Fühstück noch nicht etabliert sein, aber man kommt in den Genuss einer klassischen DAV Hütte ohne unnötigen Schnickschnack.
  • Der Nordgrat der Vorderen Hintereisspitze hat im Fels Einzelstellen im II. Grad, besteht aber ansonsten aus leichtem Blockwerk und Firn. Bei letzterem muss man am Anfang teilweise etwas auf Überwechtung achten. In großer Seilschaft mit teilweise weniger Erfahrenen etwa neun Stunden ab Hochjochhospiz mit Übergang zum Brandenbuger Haus.
  • Der Fluchtkogel ist über das Obere Guslarjoch leicht (L) zu erreichen. Vom Brandenburger Haus aus benötigt man zwei Stunden.
  • Als Karte kann man die AV Karte 30/2 Ötztal Weißkugel zurate ziehen, doch man sollte beachten, dass aufgrund der alten Gletscherstände sich durchaus einiges getan hat. Auch bei der Wahl geeigneter Führerliteratur sollte man Vorsicht walten lassen – fünf Jahre alte Angaben zu wenig begangenen Zielen sollte man kritisch hinterfragen und zur Not einen Plan B im Gepäck haben.

In diesem Sinne

Martin

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