Vom Parkplatz der Bad Kissinger Hütte in Grän/Enge aus konnten wir das Ziel schon gut erkennen: Der Aggenstein, mit seinem markant geteilten Doppelgipfel, verbunden durch eine kleine Scharte. Auch die Südwand konnten wir von dort breits ausmachen, durch welche wir auf den Vorgipfel (und letztlich auch auf den Hauptgipfel) steigen wollten.

Aggenstein
Die Aggensteinsüdwand, sowie rechts im Bild auf dem Bergrücken die Bad Kissinger Hütte.

Den Zustieg gingen wir gemütlich an und drehten uns immer wieder um, denn der Kontrast war stark: Trotz Aufstieg im leicht schattigen Wald merkten, wie viel Kraft die Sonne schon hatte und konnten beim Blick nach Süden (und damit auf die Nordwände der anderen Talseite) sehen, dass der Winter in den Bergen noch nicht lange zurück lag. Noch immer lag einiges an Schnee.

Aggenstein
Während wir schneefrei auf der Südseite aufstiegen, konnten wir auf der gegenüberliegenden Nordseite des Tals noch einiges Weiß sehen.

Auf dem Sattel vor der Bad Kissinger Hütte angekommen lag das Allgäu mit den bayrischen Voralpen uns zu Füssen (Füßen) und nur wenige Meter später waren wir auch schon vorbei an der Hütte, auf dem Weg zu den Einstiegen am Fuß der Südwand.

Aggenstein
Der Bergrücken bei Füssen, zwsichen Österreich und Deutschland, durch den der Grenztunnel als notorisches Nadelöhr vor dem Fernpass, dem zweiten notorischen Nadelöhr auf dem Weg nach Österreich, führt.
Zustieg zur Südwand des Aggensteins. Unter das Schneefeld würden wir später von der Scharte zwischen Vor- und Hauptgipfel hinab abseilen.

Am Wandfuß angekommen sahen wir direkt ein aufgeregtes Treiben, denn zahlreiche Seilschaften waren schon in der Wand und weitere waren dabei sich bereit zu machen. Die einfachen und vor allen Dingen gut gesicherten Routen hatten zahlreiche Kletterer angelockt und es war entsprechen viel in der Wand los. Erschreckend war dass wir Zeugen wurden, wie gleich in mehreren Routen Seilschaften unterwegs waren, in denen der Vorsteiger sich über die erste Seillänge hinweg lautstark durch den Sichernden erklären lies, wie ein Stand zu bauen ist. Das hätte man auch etwas früher klären können. Dazu warnte gefühlt jeder zweite Schrei vor Steinschlag, so dass wir in gebührendem Abstand zunächst ein kleines Päuschen machten, um den anderen Seilschaften einen ordentlichen Vorsprung zu lassen und nicht ins Kreuzfeuer der umherfliegden Steine zu geraten.

Aggensteinsüdwand
Die Südwand des Aggenstein, mit einigen Seilschaften verteilt in den Routen.
Die Aggensteinsüdwand besticht durch leichte Kletterei in griffigem aber lockeren Fels an geneigten Platten.

Nach unserer Pause stiegen wir in den Franz-Haff-Weg auf der östlichen Seite ein. So waren wir die am weitesten östlich gelegene Seilschaft und etwas vom Trubel, sowie dem Steinschlag im Herzen des Südwand entfernt. Die ersten beiden Längen waren sehr leichte Kraxelei, die dritte überraschte durch eine abdrängende Platte und vor allen Dingen den fehlenden Stand an deren Ende. Während ich in aller Ruhe nach der besten Lösung für einen zuverlässigen Stand suchte, hörte ich die Diskussionen in den unweit entfernten Ständen der Nachbarrouten. Ob man denn „diese beiden Haken“ irgendwie gemeinsam nutzen müsse (mit den beiden Haken war der Stand gemeint), wenn ja, wie man diese denn am besten verbinden könne. Ganz erklären konnten wir uns nicht, warum diese Fragen nicht vor Anfang der ersten, sondern erst Ende der dritten Seillänge diskutiert wurden. Wir schlossen die Route mit den beiden letzten und schönsten Seillängen ab –  dank Seilkommandos beinahe geräuschlos, verglichen mit den über die Seillängen hinweg diskutierenden und schreienden Nachbarn.

Oben angekommen entschlossen wir uns dazu nach zeitlichen Abwägungen noch eine kurze Route, die Oststangente, anzuhängen. Wir seilten dazu auf diewirklich als steil zu bezeichnende Grasflanke ab und landeten hierzu direkt unterhalb des oben im Bild erwähnten Schneefelds. Das Queren der Grasflanke war weniger schön, denn das ohnehin nicht griffige Gras war durch das sich darüber befindliche Schneefeld nass und glitschig, während das Schneefeld selbst sulzig und daher gefühlt keine wirklich Alternative war.

Abseilen für den Nachschlag: Vom Vorgipfel aus gingen wir in die Scharte Richtung Hauptgipfel, wo die Abseilstelle uns auf das Grasband brachte. 50 m Halbseile sind ausreichend.
Tolles Panorama, aber ungemütliche Querung zum Einstieg in die Osttangente, welche hinter der kleinen Einschartung in der Bildmitte liegt.

Unsere zweite Route war etwas brüchiger als die erste, alles in allem aber ebenso gut gesichert und in griffigem Fels. Während wir nach oben kletterten fiel mir auf, wie lange es her war, dass ich an Kalkstein klettern war, denn das Gestein an dem ich früher oft unterwegs war, kam mir seltsam fremd vor. Ein wenig fremdelte ich mit den Platten.

Mit den letzten Metern zogen ein paar Wolken auf, die einige wenige Tropfen, sowie eine tolle Kulisse abgaben. Es frischte auf und wir merkten, dass es eben doch erst der Anfang der Saison war. Schnell wurde es frisch, wenn die Sonne sich ein wenig zurückzog.

Ausblick vom Aggenstein in Richtung Süden.
Blick auf den Vorgipfel, an dem die Routen der Südseite enden.

Gemütlich stiegen wir über den Hauptgipfel und den Normalweg zur Bad Kissinger Hütte ab, bevor es erstaunlich staufrei wieder zurück in die Kurpfalz ging.  Was man übrigens sehr gut vom Aggensgtein aus sehen kann: Der Forggensee ist ein Stausee und in diesem Jahr werden einige Arbeiten an ihm durchgeführt, sehr zum Leidwesen der örtlichen Tourismusbranche.

Der trockengelegte Forggensee vom Aggenstein aus gesehen.

Insgesamt hatten wir einen schönen Tag am Aggenstein. Er bietet sehr leichte Kletterei in alpinem Gelände, wobei der Ausdruck Alpinklettern vielleicht etwas zu viel des Guten wäre, denn verglichen mit Alpinkletterei im engeren Sinne finden sich am Aggenstein einfach zu viele Bohrhaken. Der Fels ist durchweg griffig, aber nicht immer fest. Durch die vielen leichten Routen, die Nähe zur Bad Kissinger Hütte und die sehr gute Absicherung, finden sich am Aggenstein auch zahlreiche Anfänger – zumindest standen wir den Dialogen in den benachbarten Seillängen zu urteilen unter diesem Eindruck. Wer die ultimative alpine Herausforderung sucht, ist am Aggenstein sicherlich falsch, aber wer in guter Absicherung das Klettern in Mehrseillängen erproben oder einfach nur einen schönen Genussklettertag in den Alpen verbringen will, der wird am Aggenstein fündig.

Einige Infos:

  • Wir waren außerhalb der Öffnungszeiten der Campingplätze mit einem Camper unterwegs, so dass wir den Wohnmobilstellplatz in Pfronten als gute Alternative empfehlen können. Er hat saubere sanitäre Einrichtungen und ist ansonsten nicht mehr als eine geschotterte, ebene Fläche. Aber wer wirklich nur eine Nacht mit dem Camper verbringen will oder noch außerhalb der Öffnungszeiten anderer Campinplätze unterwegs ist und sich am Charme eines Gewerbegebiets nicht stört, findet hier einen Stellplatz – und direkt angeschlossen im Wirtshaus Wiesele auch etwas zu essen und trinken. Besetzt ist die Rezeption täglich von 18-19 Uhr, ansonsten nutzt man das Kässchen auf der Rückseite.
  • Der Zustieg vom Parkplatz der Bad Kissinger Hütte dauert gemütlich gehend zwei Stunden bis an den Wandfuß der Südwand. Den Pausenplatz sollte man mit Sorgfalt wählen, denn wenn viele Seilschaften in der Wand sind, bröselt es durchaus konstant.
  • Die Bad Kissinger Hütte bietet sich als Basislager an; sie wird nach gut 1:40 h:mm vom Parkplatz aus erreicht und der Weg ist wirklich gut beschildert.
  • Karte braucht man eigentlich nicht… wenn doch hilft die Tannheimer Tal Karte von Kompass im Maßstab 1:35 000.
  • Topos findet man bei Panico im Führer für die Ammergauer und Allgäuer Alpen, sowie bei Toni Freudig, der die Routen auch saniert hat. Im Gegensatz zu Panico bietet Toni Freudigs Führer auch gleich noch mehr als 100 weitere Routen an den Felsen rund um den Aggenstein.

In diesem Sinne

Martin

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