Lenzspitze und Nadelhorn

Gross Bigerhorn, Balfrin, Ulrichshorn, Nadelhorn

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Anfang September hatten wir großes Glück mit dem Wetter und konnten vier stabile Tage nutzen, um in den Walliser Alpen vier Tage lange Berge zu besteigen. Die Höhepunkte unserer Hochtour waren Gross Bigerhorn, Balfrin, Gemshorn, Ulrichshorn und Nadelhorn, aber auch alle Wege dazwischen waren landschaftlich phänomenal, äußerst abwechslungsreich und auch bergsteigerisch ansprechend.

Zustieg zur Bordierhütte

Unser Ziel in der Schweiz war Gasenried über St. Niklaus im Mattertal, wo wir kurz hinter dem Ortseingang auf der rechten Seite parken konnte. Unsere erste Herausforderung war es, eine Parkgenehmigung zu bekommen. Allen die ebenfalls von Gasenried zur Bordierhütte zusteigen wollen: Man bekommt diese für 3 CHF/Tag im Konsum (dem einzigen Lebensmittelgeschäft des Ortes), oder im Restaurant Riederstübli, welches sich am Ortsausgang Richtung Süden zur Bordhierhütte befindet. In 3,5 Stunden stiegen wir zur Bordhierhütte auf und der Weg ist wirklich abwechslungsreich, denn er führt zunächst durch einen Lärchenwald und dann über der Baumgrenze durch etwas Blockwerk, bis letztlich der Riedgletscher kurz gequert werden muss. Alles ist sehr gut markiert und der Zustieg somit kein Problem. Dabei merkt man spätestens beim Verlassen des Riedgletschers, wie sehr dieser geschrumpft ist: Am glattgeschliffenen Fels an dessen Rand zur Bordierhütte hin wurden zahlreichen Steighilfen angebracht, um besser vom Eis auf den Fels und zur Hütte zu gelangen.

Die Bordierhütte selbst ist klein und gemütlich. Sie bietet 44 Gästen Platz und man hat einen wunderschönen Ausblick von der kleinen Terasse. Positiv hervorzuheben ist, dass wir nicht nur bestens versorgt wurden, sondern dass sich die Hüttenwirtin erkundigt, welche Touren geplant sind und vor allen Dingen die aktuellen Bedingungen kennt: Da der Gletscherrückgang der letzten Jahre auch vor dem Wallis nicht haltgemacht hat, sind diese Informationen wirklich wertvoll, um am Abend noch einmal die letzten Details des nächsten Tages zu klären.

Von der Bordierhütte über Gross Bigerhorn, Balfrin, Gemshorn und Ulrichshorn zur Mischabelhütte

Am zweiten Tag starteten wir früh nach einem typisch schweizerischen Hüttenfrühstück (euphemistisch für spartanisch) und wir brachen zur großen Moräne direkt südlich der Hütte auf. Zunächst stiegen wir im Dunkeln, dank reflektierender Katzenaugen sehr gut orientiert, auf und ganz langsam ging um uns herum die Sonne auf.

Gross Bigerhorn
Auf dem Weg zum Gross Bigerhorn geht es durchweg durch einfaches Blockwerk. Ganz rechts am Bildrand erkennt man den Übergang zu p.3782, dem markanten Punkt im Nordwestgrat des Balfrin.
Nadelgrat (Gross Bigerhorn)
In den ersten Lichtstrahlen ganz links das spätere Ziel des Tages, das Ulrichshorn. Rechts daneben bildet das Nadelhorn den höchsten Punkt, zwischen Ulrichshorn und Nadelhorn kann man im Hintergrund noch die Lenzspitze erkennen. Rechts neben dem Nadelhorn findet man den Nadelgrat mit Stecknadelhorn, Hohberghorn, Dürrenhorn und Kleinem Dürrenhorn.
Blick nach Nordosten, langsam geht die Sonne auf.
Die Sonne ist ein weiteres Stück aufgegangen und nun erkennt man noch deutlich schöner die Gipfel von Lenzspitze, Nadelhorn, Stecknadelhorn, Hohberghorn und Dürrenhorn.

Auf dem Weg zum Gipfel passierten wir ein Paar Bergsteiger im Zelt und alles in allem war der Aufstieg durch Blockwerk nicht schwer, zog sich zum Ende hin gefühlt aber doch ein wenig, da noch ein oder zwei mehr Aufschwünge kamen, als wir von unten kommend dachten.

Der Blick vom Gross Bigerhorn zu p.3782 im Nordwestgrat des Balfrin. Der eigentliche Gipfel des Balfrin ist durch diesen markanten Punkt verdeckt und wer keine Lust auf bis knapp über 40° Blankeis hat, kann das Eis rechts im Fels umgehen.

Direkt hinter dem Gipfel des Gross Bigerhorn in Richtung Balfrin wird es kurz etwas knifflig und es müssen zwei Platten abgeklettert werden (II. UIAA). Das war für uns bei idealen Bedingungen kein Problem, aber wenn es nass ist, kann dies durchaus heikel werden. Im Anschluss ging es weitgehend eben zum Aufschwung zu p.3782, den wir direkt im Eis nahmen.

Der Aufschwung zu p.3782. Zunächst flach, doch im Hintergrund erkennt man, dass es nach rechts steiler wird. Knapp über 40° hatte das blanke Eis, das früher noch von Schnee und Firn bedeckt und damit auch flacher war. Eine Umgehung rechts im Fels gibt es auch, zumindest berichtete uns das später eine andere Seilschaft.

Laut früheren Beschreibungen fand sich an dieser Stelle ursprünglich eine etwas flachere Firnflanke, aber wir mussten uns mit Blankeis begnügen, was bei den guten Bedingungen jedoch kein Problem war. Etwa 150 Höhenmeter stiegen wir durch griffiges Eis nach oben.

Zunehmend steil ging es hoch zu p.3782 im Nordwestgrat des Balfrin.
In der steilen Flanke zeigt sich, wer über eine gute Steigeisen- und Pickeltechnik verfügt.
Auf der östlichen Seite der Flanke zu p.3782 vorbei sahen wir im Hintergrund den Balfrin.
Traumhaftes Panorama im Rücken: Die markente Pyramide im linken Bereich ist das Bietschhorn, unterhalb dessen Westgrat ich noch einige Wochen zuvor biwakierte.

Von p.3782 aus stiegen wir nach Südosten durch leichten Fels etwas ab und traversierten weiter zum Balfrin, der kurz vor dem Gipfel noch ein kurzes mäßig steiles Firnfeld hatte. Dabei konnten wir uns fast immer am Grat halten, nur ab und zu bot es sich an, leicht nach links oder rechts abzuweichen.

Auf dem Weg zwischen p.3782 und Balfrin, den man am linken Bildrand sieht. Ganz im Hintergrund kann man schon das Ulrichshorn und noch weiter dahinter die Nordwand der Lenzspitze erkennen.

Vom Balfrin stiegen wir durch leichten Fels hinab zum Reidpass, hielten uns allerdings durchweg im Fels, bis wir das Gemshorn erreichten. Der Gletscher war hier deutlich weiter zurückgegangen, als in der Karte verzeichnet, der Weg jedoch klar und durch leichtes Blockwerk. Es folgte der Aufstieg zum Ulrichshorn, der über die Nordflanke erfolgte. Hier ging es über Gletscher mit ein paar wenigen aber dennoch auf jeden Fall vorhandenen Spalten hinauf zu Gipfel, von wo aus wir nicht nur einen tollen Blick zurück auf Gross Bigerhorn und Balfrin hatten…

Gross Bigerhorn Balfrin (Ulrichshorn)
Blick zurück vom Ulrichshorn auf Balfrin, p.3782 und Gross Bigerhorn (leicht dahinter, von rechts nach links).

… sondern auch auf die Nordwand der Lenzspitze, die mit dem Nadelhorn eine spektakuläre Arena bildet. Die Nordwand, im Sommer mittlerweile quasi unmöglich zu begehen, sah einfach nur senkrecht und unbezwingbar aus, hat aber in der Tat eine Steigung von etwa 55°.

Lenzspitze und Nadelhorn
Die Lenzspitze (links) sowie das Nadelhorn (rechts) vom Ulrichshornaus gesehen. Unverkennbar die Nadelhorn Nordwand, die ihre besten Zeiten sicherlich schon hinter sich hat. Wer Eiswände klettern will, muss mittlerweile im Frühjahr anrücken.

Vom Gipfel aus stiegen wir hinab zum Hochbalmgletscher, der in der Flanke zum Windjoch hin noch einige große Spalten hatte, und stiegen über eine Felsrippe hinab zur Mischabelhütte. Mit Eis bis etwa 40°, viel leichter Kraxelei (an einer Stelle bis etwa II. UIAA) und unheimlich tollen Ausblicken in alle Richtungen war der Übergang von der Bordierhütte zur Mischabelhütte wirklich eine tolle Tour.

Auch auf der Mischabelhütte wurden wir gut versorgt und es wurde sich erkundigt, was wir am nächsten Tag vorhatten. Auch hier bekommt jeder Bergsteiger, sofern er nicht mit dem Bergführer unterwegs ist, noch ein Update bezüglich der durch den Gletscherrückgang aufgetretenen Veränderungen.

Auf das Nadelhorn

Die Mischabelhütte ist im Besitz des Akademische Alpen-Club Zürich, kurz AACZ, über den man auf der Webseite der Mischabelhütte erfahren kann:

1896 haben Studenten der Zürcher Hochschulen, gleichzeitig begeisterte Alpinisten, den AACZ gegründet. Die meisten von ihnen waren bereits Mitglieder anderer alpiner Vereine, hatten aber den Wunsch, mit gleichgesinnten studierenden Kollegen in die Berge zu gehen – und nicht, wie damals fast ausschliesslich üblich, am Seil professioneller Bergführer. Diese hundertjährige Tradition des „führerlosen Bergsteigens“ hat sich bis in die Zeiten des Internet erhalten.

Eigentlich sympathisch, aber auch der AACZ und seine Mischabelhütte wurden von der Realität eingeholt, denn ein großzügiges Lager mit gerade einmal elf Betten ist ausschließlich für Bergführer reserviert und wir waren zumindest gefühlt auch die einzigen, die sich am nächsten Tag ohne Bergführer zum Nadelhorn aufmachten. Um dem ganz großen Ansturm zu entgehen, standen wir eine halbe Stunde vor den meisten Seilschaften auf und machten uns auf den Weg.

Im Dunkeln stiegen wir den uns bekannten Felsriegel zum Hochbalmgletscher auf, querten diesen und stiegen zum Windjoch weiter, wo wir in den Nordostgrat des Nadelhorns einstiegen. Entgegen dem Namen war es im Windjoch überhaupt nicht stürmisch und die ohnehin schon warmen Temperaturen namen zu, als langsam im Osten die Sonne aufging.

Während wir in Richtung Gipfel aufstiegen, ging im Hintergrund langsam die Sonne auf. Ein phänomenales und wahrlich erhabenes Gefühl. Da ich nur die GoPro mitgenommen hatte leider nur schlecht zu erkennen: Im Hintergrund liegt Italien unter einer Wolkendecke der Inversion.
Kurz vor dem Gipfel, die Sonne ist aufgegangen und Norditalien liegt unter einer Wolkendecke.

Auf dem Weg zum Gipfel fanden wir, erwartungsgemäß an einem vielbegangenen Viertausender, eine gute Spur. Vor dem felsigen Gipfelaufbau galt es insgesamt drei kleine Felsriegel zu überqueren, wobei man je nach genauer Wahl des Weges an mindestens einer Stelle bis in den II. Grat UIAA gefordert wird. Außerdem galt es auf dem Weg zum Gipfelaufbau eine kurze Eisplatte zu queren, die steil zum Riedgletscher hin abfiel. Hier kam uns zugute, dass Stufen in das Eis gehackt waren, was die Querung recht einfach machte. Andernfalls hätte sich hier eine kurze Fixpunktsicherung im Eis angeboten.

Am Gipfelaufbau selbst blieben wir zunächst zu lange zu weit rechts und mussten erneut ein paar gehackte Stufen durch eine recht steile Eisplatte. Auf dem Rückweg jedoch erkannten wir, dass diese im Fels links des eigentlichen Grats einfacher zu umgehen gewesen wäre. Hier führten uns die Stufen auf die falsche Fährte… doch am Gipfel angekommen war uns das egal, denn wir waren damit beschäftig, trotz der Enge auf dem Gipfel ein bisschen das Panorama zu genießen.

Der Dom, mit 4545 m der höchste Berg, der komplett in der Schwiez steht, als unmittelbarer Nachbar des Nadelhorns.
Ganz links der Dom, im Hintergrund der Bildmitte der berühmteste und wohl auch überlaufenste Berg der Schweiz.

Laut Hüttenwirtin waren lediglich 36 Gäste auf der Mischabelhütte, die immerhin 130 Plätze hat. Der Großteil davon bestieg mit uns das Nadelhorn und es war eine gute Entscheidung gewesen, etwas früher aufzustehen, denn am Gipfel wurde es mit den nachkommenden Seilschaften rasch gemütlich. Wir stiegen wieder zum Windjoch ab und genoßen noch einmal das Panorama.

Vom Nordostgrat des Nadelhorns sah die Wand der Lenzspitze zwar immer noch unfassbar steil, aber immerhin nicht mehr senkrecht aus.
Der Blick entlang des Nordostgrats des Nadelhorns, hinab zum Ulrichshorn in der Bildmitte. Kurz davor das Windjoch, links dahinter der Balfrin.

Vom Windjoch aus stiegen wir über das Ulrichshorn in Richtung Bordierhütte ab. Direkt über das Windjoch abzusteigen erschein uns objektiv zu gefährlich: Es hatte ein Schneeauflage und Spalten (spricht für ein Seil), war jedoch äußerst steil (spricht dagegen) und je nach Spur unter einem Serac. Die wenigen Höhenmeter über das Ulrichshorn gingen wir daher gerne. Auf dem Riedgletscher mussten wir rund um den Bereich unterhalb von p.3527 sehr gut aufpassen: Es gibt unterhalb des Punktes sehr viel Steinschlag, so dass man eigentlich möglichst weit westlich hinab zur Bordhierhütte möchte, gleichzeitig nötigt einen der Gletscherbruch jedoch, recht weit östlich sein Glück zu suchen. Der Ausstieg des Gletschers lag etwas östlich von p.3210.

Am letzten Tag ging es gemütlich von der Bordierhütte dem Weg des Aufstiegs folgend zurück nach Gasenried, wo unmittelbar nach dem Schließen des Kofferraumdeckels der Regen einsetze. Wir hatten ganz großes Glück mit dem Wetter und zwei richtig tolle Tourentage, die wir aufgrund der Abwechslung und der Ausblicke im Gedächtnis behalten werden: Wir empfanden die Tour als eine Möglichkeit, alle Aspekte einer Hochtour zu erleben: Gehen in Weglosem Gelände, in Blockwerk und in leichter Kletterei, Gletscher mit und ohne Spalten, teilweise mit Schneeauflage, teilweise aper, sowie mit flachen und mit steilen Flanken. Das alles in beeindruckender Umgebung mit phänomenalem Panorama. Was will man mehr?

Ein paar Informationen zur Tour:

  • Wie immer in der Schweiz bekommt man aktuellstes Kartenmaterial bei https://map.geo.admin.ch. Wer Papier mitnehmen möchte, der braucht die Schweizer Landeskarten Randa und St. Niklaus (LKS 1328 und 1308).
  • Parkberechtigungen in Gasenried gibt es im Riederstübli oder beim Konsum, dem Lebensmittelhändler (letzterer macht Mittagspausen und hat dann geschlossen – das Riederstübli hat bessere Öffnungszeiten)
  • Wir starteten meist flott, stellten fest das wir gut in der Zeit lagen und nahmen uns diese dann auch – inklusive aller Pausen (Gipfeltoblerone auf der Bank des Ulrichshorngipfels) kamen wir auf 3,5 h für den Zustieg zur Bordierhütte, 9,5 h für den Übergang zur Mischabelhütte, 9 h für den Weg über das Nadelhorn zurück zur Bordierhütte und 2,5 h für den Abstieg nach Gasenried.
  • An Schwierigkeiten gab es kurz hinter dem Gross Bigerhorn hinüber zum Balfrin zwei Platten (II. UIAA), sowie den steilen Aufschwung zu p.3782 im Blankeis bei knapp über 40°. Diese Passage lässt sich der Auskunft einer anderen Seilschaft nach (wir hatten es nicht probiert) im Fels westlich leicht umgehen. Auf dem Weg zum Nadelhorn gibt es eine Stelle, die ich ebenfalls mit II. (UIAA) bewerten würde. Je nach Verhältnissen muss mit stellenweise Eisplatten gerechnet werden, wobei dank der zahlreichen Begehungen ja meist eine sehr gute Spur liegen sollte.
  • Die Verhältnisse auf dem Riedgletscher sind schlechter als früher. Konkret heißt das, dass man vom Windjoch besser nicht direkt auf den Riedgletscher absteigt, sondern über das Urichshorn. Außerdem ist der Gletscherbruch westlich unterhalb von p.3527 kritisch: Der Bruch drängt nach Osten an den Fels, doch dieser ist steinschlaggefährdert. Die Wahrheit liegt also irgendwo dazwischen. Betreten wird der Gletscher, von der Bordierhütte aus kommend, etwas östlich von p.3210. Auf dem Rückweg sollte man diesen Punkt auch zum Verlassen des Gletschers anpeilen.
  • Die Verhältnisse und Gletscherbedingungen verändern sich sehr rasch und aufgrund des schnellen Gletscherrückgangs zeigt selbst die aktuellste Karte (die online verfügbare offizielle Karte der Schweiz unter https://map.geo.admin.ch) einige Abweichungen. Es empfiehlt sich daher auf den Hütten die aktuellen Verläufe der Wege zu erfragen, denn beide Hütten kennen die Probleme und geben gute Informationen.
  • Ein Tipp für alle Schwaben: Ein Liter Teewasser kostete 4 CHF, ein Liter Tee 8 CHF. Wer also sein Teebeutelchen schlepp, kann bares Geld sparen…

In diesem Sinne

Martin

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