Obere Ochsenscharte

Graue Silvretta: Von der Jamtalhütte zur Wiesbadener Hütte

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Nach zwei wetterbedingt abgesagten Touren fand ich mich in bereits erprobter Begleitung Ende August auf der Bieler Höhe wieder. Nachdem wir im Ötztal aufgrund schlechter Sicht keinen Gipfelerfolg hatten, wollten wir einen weiteren Versuch wagen. Dieses mal in der Silvretta und mit hoffentlich besserem Wetter. Doch als wir von der Bieler Höhe starteten erwartete uns ein bekanntes Bild, denn die Wolken hingen tief und hüllten die uns umgebenden Gipfel ein, so dass vom Parkplatz am Stausee aus keiner der bekannten Gipfel zu sehen war. Weder Piz Buin, noch Silvrettahorn oder das direkt am See gelegene Hohe Rad waren sichtbar.

Silvrettastausee Bieler Höhe
Erneut tiefhängende dichte Wolken. Am rechten Bildrand sieht man normalerweise das Hohe Rad, in der Bildmitte Silvrettahorn und Piz Buin.

Wir brachen Richtung Bieltal auf, denn unser erstes Ziel war die Getschnerscharte, über welche wir die Jamtalhütte erreichen wollten. Den Großteil des Weges hatte ich im letzten Jahr im Alleingang erwandert, als ich von der Jamtalhütte zur Wiesbadener Hütte gegangen war. In diesem Jahr ging es in umgekehrter Richtung zur Getschnerscharte, die sich wie die Gipfel im Nebel versteckte.

Nach Aufbruch in Richtung Bieltal der Blick in Richtung Kleinvermunt. Die Wolken hängen tief.
Bieltal
Ganz am Anfang des Bieltals in Richtung Getschnerscharte gehend wird der Bieltalbach gequert

Die ersten Meter konnten wir noch in sattem Grün gehen, doch mit jedem Höhenmeter nahm die Vegetation ab und wir näherten uns der Wolkendecke. Entsprechend konnten wir die Scharte aus der Ferne nicht sehen und verschwanden selbst langsam in den Wolken, als wir uns ihr näherten. Immerhin ist der Weg sehr gut markiert, so dass wir keine Probleme hatten, die Scharte zu finden.

Getschnerscharte
In der Bildmitte würde man eigentlich die Getschnerscharte erkennen…
Getschnerscharte
Dank guter Merkierung war der Weg zur Getschnerscharte auch bei schlechter Sicht leicht zu finden.

Der Aufstieg zur Scharte von der Bieler Höhe erfolgt zunächst auf einem schmalen Wanderweg und zur Scharte hin geht es weglos durch leichtes Blockgelände hinauf zum Übergang. Ab dort geht es dann in Blockwerk bergab, hier und da muss man etwas auf Steinschlag aufpassen und an zwei Stellen muss man in leichter Kraxelei bergab weiter.

Getschnerscharte
Abstieg von der Getschnerscharte in Richtung Jamtalhütte
Getschnerscharte
Man sollte beim ostseitigen Abstieg von der Getschnerscharte zur Jamtalhütte stets darauf achten, keinen Steinschlag auszulösen.
In Sicht: Als wir aus den Wolken kommend nach unten abstiegen, zeigte sich ganz kurz die Jamtalhütte.

Aus dem Vorjahr wusste ich schon, dass der Empfang an der Jamtalhütte nicht freundlich sein würde und ich wurde nicht enttäuscht. Da ich am Folgetag noch zur Heidelberger Hütte gelangen musste, wollte ich sehr früh aufbrechen und bat die Wirtin höflichst um ein Thermofrühstück. Widerwillig erkundigte sie sich danach, was wir vorhätten und notierte es auf ihrem Zettel. Nach dem Abendessen kam sie erneut, fragte nach ob wir wirklich so früh aufbrechen wollten und lief wortlos und kopfschüttelnd davon, als ich ihr bestätigte, dass ich mit unserer Gruppe gerne früh und damit vor dem Frühstück aufbrechen wollte. Erneut fühlte ich mich in der zu groß geratenen Hütte, eigentlich eher ein Hotel als eine alpine Schutzhütte, nicht sehr wohl und für mich steht fest, dass dies mein letzter Besuch auf der Jamtalhütte war. Was die Freundlichkeit angeht führt die Jamtalhütte gemeinsam Münchner Haus und Mönchsjochhütte mein Ranking der schlechtesten Hütten an.

Am nächsten Morgen fanden wir trotz des Widerwillens der Hüttenwirtin ein vorbereitetes Thermofrühstück vor, an dem wir uns stärkten. Zwar gab es nicht wie mit ihr besprochen Marschtee zur Verpflegung unterwegs, aber immerhin Kaffee und ein paar Scheiben Brot. Wir starteten Richtung Jamtalferner und näherten uns erneut langsam der Nebeldecke. Schnell wurde mir klar, dass es unter Umständen nicht möglich sein würde unser Ziel, die Tiroler Scharte und damit den Nordgrat zum Ochsenkopf, zu finden.

Auf dem Weg zum Jamtalferner stellten wir schnell fest, wie sehr der Gletscherrückgang in der Silvretta zugeschlagen hatte. Wir konnten trotz der schlechten Sicht aufgrund der tiefen Wolken einige Felszungen ausmachen, die auf unserer Karte (kurz zuvor bei geo.map.admin.ch gedruckt und damit aktuell) nicht verzeichnet waren. Im Geiste legte ich mir einen Plan B zurecht, denn schon als wir im Nebel anseilten war klar, dass die Kombination aus schlechter Sicht und Abweichungen zur Karte keine gute sein würde.

Jamtalferner
Einmal mehr ohne Sicht auf dem Jamtalferner
Jamtalferner
Bei schlechter Sicht auf dem Gletscher ist die Orienterung schwer und man sollte wirklich wissen, was man macht.

Das Problem war in der Tat, dass durch den starken Gletscherrückgang Felsenformationen an Stellen hervorkamen, an denen eigentlich laut Karte keine hätten sein sollen. Den Aufstieg zur Tiroler Scharte zu finden war mir daher zu unsicher, denn der in der Karte verzeichnete Einstieg war ohnehin schon schmal und da ich nicht sicher sein konnte, ob er überhaupt noch vergletschert war, wäre es mir ohne Sicht schwer gefallen, ihn auszumachen. Also arbeiteten wir uns langsam auf dem oberen Jamtalferner Richtung Dreiländerspitze vor, wo wir den Übergang auf den Vermuntgletscher über die Obere Ochsenscharte wählten.

Obere Ochsenscharte
Die Dreiländerspitze in den Wolken. Die Aussicht wäre entsprechend gewesen…

Mit der schlechten Sicht entschieden wir uns gegen einen Gipfel (wir hätten ohnehin nichts gesehen) und stiegen zur Wiesbadener Hütte ab. Dabei verglichen wir erneut Karte mit Realität und mussten feststellen, dass auch der Vermuntgletscher sehr unter dem Klima der letzten Jahre gelitten hatte. Es gab Seen zu entdecken, die es vor wenigen Jahren noch nicht gab und die auch in der Karte noch nicht verzeichnet sind.

Vermuntgletscher
Als ich 2012 meinen Hochtourenkurs in der Silvretta absolvierte, existierte dieser See noch nicht und der Gletscher reichte weiter ins Tal.
Vermuntgletscher
Von Jahr zu Jahr schrimpft der Vermuntgletscher.

Auf und entlang der Moräne unterhalb des eigentlichen Tourenziels, des Ochsenkopfs, stiegen wir hinab zur Wiesbadener Hütte. Auch der Vermuntkopf, Hausberg der Wiesbadener Hütte, war in Wolken gehüllt.

Die Wolken hatten alles im Griffauch den Vermuntkopf.

Auf der Wiesbadener Hütte, im Gegensatz zur Jamtalhütte durch sehr freundliches Team bewirtet, stärkten wir uns kurz, bevor wir erneut aufbrachen und weiter zur Bieler Höhe abstiegen. Dabei lockerte es kurzzeitig sogar etwas auf und wir bekamen noch etwas Sonne ab – leider zu spät.

Eisenhut am Wegesrand im Ochsental. Vorsicht, er ist richtig giftig.
Während wir abstiegen klarte es langsam etwas auf. Leider zu spät für uns…
Am Ende kam ganz kurz sogar noch die Sonne zwischen den Wolken hervor.

Auch wenn es erneut keinen Gipfel für uns gab, wir hatten eine Menge Spaß und mit dem erneuten Führen auf dem Gletscher bei schlehter Sicht habe ich auch wieder wichtige Erfahrungen gemacht. Statt der blauen gab es für uns die graue Silvretta, aber das tat unserer Stimmung keinen Abbruch. Ein paar Eckdatenzur Tour:

In diesem Sinne

Martin

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