Überschreitung der Hammerspitzen: Fifty Shades of Grey

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Eigentlich war eine völlig andere Tour geplant, aber das Wetter im Alpenraum war dann doch eher bescheiden vorhergesagt und so skalierten wir langsam aber sicher unsere geplante Hochtour mit Gletscherbiwak mit jeder Aktualisierung des Wetterberichts herunter, bis wir uns am Ende für die Überschreitung der Hammerspitzen entschieden hatten. Für den Oberstdorfer Raum konnten wir ein eventuell brauchbares Wetterfenster von etwa sechs Stunden im Wetterbericht ausmachen und so fuhren mein Tourenpartner und ich Ende Juni zu früher Stunde von Heidelberg aus ins Allgäu, um drei Berge zu überschreiten und noch am selben Tag wieder zurück nach Heidelberg zu fahren. Diesen „Oberstdorf-Express“ hatten wir vor drei Jahren schon einmal gemacht, damals den Bärenkopf und Kleinen Widderstein überschritten, um am gleichen Tag wieder zurück zu fahren. Bergsüchtig, das scheint hier der richtige Ausdruck zu sein…

Rund 50 km vor dem Zielort begann es zu regnen. Alles umsonst gefahren? Ein Blick in das Wetterradar des DWD offenbarte, dass dies nur kurz andauern würde. Jedoch sollte nach der kurzen Pause erneut ein kleiner Schauer folgen, bevor das von uns anvisierte Wetterfenster kommen würde. Wir waren gespannt und am Parkplatz Schwendle (3 EUR/Tag) machten wir uns fertig, um pünktlich mit dem angekündigten zweiten Regenschauer zu starten. Glücklicherweise lies dieser, wie auf dem Regenradar zuvor schon vorherzusehen war, rasch nach und wir marschierten nach wenigen hundert Metern schon wieder ohne Regenschutz unserem ersten Ziel, dem Fiderepass mit der Fiderepasshütte, entgegen. Die Wolken machten uns allerdings ein paar Sorgen, denn die Sicht war eher bescheiden:

Wildental
Aufstieg vom Parkplatz Schwendle Richtung Fiderepasshütte. Vom Wildental aus konnten wir noch nicht so richtig erkennen, wo es entlang gehen sollte.

An der Fiderepasshütte wollten wir entscheiden, ob das Wetter die Überschreitung letztlich zulies, oder nicht. Immerhin war die geringe Sicht ein Problem für die Orientierung im weglosen Gelände. Bis zur Hütte allerdings würden wir gefahrlos gehen und zur Not auch nach einer heißen Suppe wieder unverrichteter Dinge ins Tal absteigen können. Sicher ist sicher – und weil wir ja Gefahr liefen nicht weiter als bis zur Hütte gehen zu können, nahmen wir den Anstieg zumindest zu zwei Dritteln sportlich, um im schlechtesten Fall am Ende des Tages wenigstens ein gutes Training gehabt zu haben: Bereits nach eineinhalb Stunden standen wir an der Hütte, bei deren Namen wir ins Grübeln gerieten. Wie genau spricht man diesen eigentlich aus? Wir wechselten kurz die Oberteile, denn diese waren klatschnass. In einer Wolke gehend kondensierte die Feuchtigkeit der übersättigten Luft an uns und wir waren auch nichzt zuletzt dank des flotten Tempos gut durchgeschwitzt. Doch zunächst einmal musstem wir eine Entscheidung treffen: Steigen wir in die Tour ein, oder nicht? Immerhin sollte direkt neben der Hütte der Einstieg zum Grat der Oberstdorfer Hammerspitze liegen, so dass wir quasi am Einstieg eine Entscheidung treffen können sollten. Doch die Wolken machten uns einen Strich durch die Rechnun:

Fiderepasshütte
Die Fiderepasshütte in den Wolken, die Sichtweite hätte die Nutzung einer Nebelschlussleuchte am Auto zugelassen…
Der Blick Richtung Wildental, hinab nach Mittelberg, dem Ausgangsort. Glaube ich zumindest, denn grob aus dieser Richtung kamen wir her.
Normalerweise sieht man hier im Hintergrund den Südgrat der Oberstdorfer Hammerspitze, welcher den Einstieg zur Überschreitung der Hammerspitzen markiert.

Nachdem wir den Einstieg in unmittelbarer Hüttennähe nicht sehen konnten, stärkten wir uns kurz und beschlossen, zumindest mal in die Richtung des Einstiegs zu spazieren, um dann dort erneut zu überlegen, was wohl das Vernünftigste sein mag. Dabei hatten wir Glück und für einen Moment öffnete der Wind die Wolken, so dass wir den Einstieg erahnen konnten.

Fiderepasshütte
Der Einstieg zum Südgrat der Oberstdorfer Hammerspitze von der Fiderepasshütte aus. Fernsicht und Kaiserwetter sehen sicherlich anders aus.

Mit jedem Meter den wir uns dem Südgrat näherten, nahm der Wind ab und wir standen erneut in den Wolken. Eine Entscheidung musste her, weiteres Herauszögern war zwecklos, denn hier musste weitergegangen oder umgedreht werden. Wir wägten ab und überlegten, kamen aber zu dem Entschluss, dass wir es versuchen wollten, so lange wir uns anhand von Steigspuren im Notfall zurück zur Fiderepasshütte orientieren konnten. „Teilweise deutliche Steigspuren“ hieß es immerhin im Alpenvereinsführer… also stiegen wir los und drehten uns sehr regelmäßig um, um uns den Weg einzuprägen. Rasche waren wir auch schon mittendrin in leichter Kraxelei und kamen gut voran, immer den gut erkennbaren Steigspuren des Wegs des geringsten Widerstands folgend.

Oberstdorfer Hammerspitze
Irgendwo zwischen Fiderepasshütte und Oberstdorfer Hammerspitze, mit Blick zurück Richtung Fiderepasshütte.

Ein Vorteil unserer Richtung (von der Fiderepasshütte nach Norden und nicht umgekehrt) war der, dass wir die wohl schwerste Stelle laut Dieter Seiberts Alpenvereinsführer „Allgäuer Alpen und Ammergauer Alpen“ des Bergverlag Rother recht schnell nach dem Einstieg erreichen würden. Dort könnten wir dann immer noch umdrehen. In der Tat standen wir dann sehr schnell vor der kleinen Wand kurz vor dem Gipfel der Oberstdorfer Hammerspitze, zu der es in erwähntem Alpenvereinsführer in letzter Auflage von 2013 wie folgt heißt:

[…] an ausgezeichneten Griffen über ein fast senkrechtes Wändchen (III) direkt zum Kreuz.

Die Wolke in der wir uns befanden sorgte dafür, dass ich mich überhaupt nicht ausgesetzt fühlte und so stieg ich beherzt in die Schlüsselstelle ein, um schon im nächsten Moment festzustellen, dass vom Schwierigkeitsgrad III nicht mehr gesprochen werden kann, da drei massive und große Trittbügel die Stelle deutlich entschärften.

Oberstdorfer Hammerspitze
Die Schlüsselstelle der Tour, die Platte in der Bildmitte mit der seitlich rechts erkennbaren Kante war früher mit III bewertet. Was wir, im Gegensatz zur Kante, nicht erkannt hatten, sind die stählernen Steigbügel, die diese Stelle mittlerweile sehr deutlich entschärften. Mit viel Fantasie kann man sie im Bild erkennen – viel Spaß beim Suchen!

Diese Steighilfen hatten wir bei der schlechten Sicht unter der Schlüsselstelle nicht erkannt und so waren wir im Nu über die ehemalige Crux hinweg, am ersten Gipfel, der Oberstdorfer Hammerspitze.

Oberstdorfer Hammerspitze
Am Gipfel der Oberstdorfer Hammerspitze, das Panorama hielt sich in Grenzen. Dank der Beschilderung wussten wir aber, dass wir richtig waren…

Am Gipfel führte ich eine kurze Risikoabwägung durch: bis zum Gipfel beinahe durchgängig Steigspuren gut erkennbar, Gewitterneigung konnte am Vormittag vernachlässigt werden, wir lagen mehr als gut in der Zeit und die (entschärfte) Schlüsselstelle lag auch schon hinter uns. Wir marschierten weiter…

Immer wieder leichte Kraxelei, welche rückblickend nirgends schwerer als II war. An dieser Stelle, wir hatten sie im Abstieg zu bewältigen, sogar mit einem Hauch von Tiefblick.
Hammerspitzenüberschreitung
Wir hatten durchgehend eine Sichtweite von gefühlt 50 m. Immerhin ist am Grat die Orientierung am Grat etwas einfacher, denn es gibt  nur vorne und hinten, kein rechts und links…

Abgesehen von den zwischenzeitlich angebrachten Steighilfen führten uns die Angaben im Alpenvereinsführer gut entlang des Weges, erst etwa ab der Hälfte des Weges zwischen Oberstdorfer Hammerspitze und Hochgehrenspitze konnten wir die Angaben nicht mehr mit der Realität zur Deckung bringen. Rechts und links schienen vertauscht, doch wir erkannten trotz der immer noch sehr eingeschränkten Sicht, wo sich die Abbrüche am einfachsten umgehen liesen und standen nur wenig später nach erreichen des ersten Gipfels schon auf dem zweiten, der Hochgehrenspitze.

Hochgehrenspitze
Der Blick vom Gipfel der Hochgehrenspitze.

Mit der Hochgehrenspitze endete leider auch die Kraxelei, wobei wir Glück hatten und ein wenig Wind den Grat zur Walser Hammerspitze etwas freilegte, die wir ohne weitere Schwierigkeiten eineinhalb Stunden nach Einstieg an der Fiderepasshütte erreichten.

Der Grat zwischen Hochgehrenspitze und Walser Hammerspitze wurde vom Wind etwas freigelegt.
Der Pfad scheint leicht, allerdings steht das ein oder andere Kreuz in Gedenken an Verunfallte am Rande des Weges. So auch in der Bildmitte.

An der Walser Hammerspitze verschlechterte sich zum Abschluss noch einmal die Sicht und wir stiegen rasch ab zur Wannenalpe, um von dort aus zurück zum Ausgangspunkt zu gelangen. Natürlich nicht ohne auf der Fluchtalpe noch eine kurze Pause für frische Allgäuer Buttermilch und einen Kaffee einzulegen.

Hammerspitzenüberschreitung
Kurz vor der Walser Hammerspitze, Blick zurück Richtung Hochgehrenspitze. Über den Abbruch blies der Wind etwas die Wolken hinweg.
Hammerspitzenüberschreitung
Die Walser Hammerspitze markierte den Endpunkt der Überschreitung – und am Hintergrund kann man erkennen, dass die Sicht nur unwesentlich besser geworden war.
Fluchtalpe
Ein Haferl Kaffe, sowie frische Buttermilch auf der Fluchtalpe.

Der Abstieg kostete uns weitere eineinhalb Stunden und so erreichten wir nach insgesamt viereinhalb Stunden unseren Ausgangspunkt wieder. Von dort aus fuhren wir direkt zurück nach Heidelberg. Rund sieben Stunden Fahrt für viereinhalb Stunden Kraxelei, dabei das Wetterfenster allerdings gut genutzt, denn als wir einstiegen hörten wir plötzlich ein dunkles Grollen am Himmel…

Ein paar Infos:

  • Man sollte sich sehr gut überlegen, ob man bei solchen Witterungsverhältnissen einsteigt oder nicht, denn es versteht sich von selbst, dass man bei solchen Sichtverhältnissen im Notfall auf sich alleingestellt ist, da kein Helikopter starten kann. Entsprechend ist die Notfallausrüstung, mindestens ein Biwaksack, zu wählen.
  • Im Alpenvereinsführer „Allgäuer Alpen und Ammergauer“ Alpen des Rother Verlag findet man die Tour zwar beschrieben, wie ich finde aber ab der Hälfte eher von mäßiger Genauigkeit (kann natürlich sein, dass weder ich, noch mein Tourenpartner die Angaben verstanden haben). Wer alpine Erfahrung im Allgäu und in Kraxelei im II-III Grad hat, findet den Weg des geringsten Widerstands auch leicht von alleine – nicht zuletzt dank fast durchgehender Steigspuren.
  • So richtig beschreiben kann ich es nicht, aber für mich verliert die Tour durch die Steighilfen in der Schlüsselstelle etwas. Schade eigentlich, denn an allen anderen „kritischen“ Stellen hat man sich damit begnügt lediglich Haken zur schnellen Standplatzsicherung anzubringen. Hätte dort doch eigentlich auch gereicht…
  • Die AV Karte BY2 „Kleinwalsertal – Hoher Ifen, Widderstein“ im Maßstab 1 : 25 000 hilf bei der Orientierung im Zu- und Abstieg.
  • Outdooractive beschreibt die Tour (Als Variante mit Nutzung der Kanzelwandbahn) als „aussichtsreich“, Festivaltour ebenso. Dort findet man auch ein paar schöne und weniger graue Bilder der Überschreitung, ebenso natürlich bei Ulligunde.
  • Bei Festivaltour findet man die treffenden Worte zur Zusammenfassung: Für den Allgäu-Kenner und Könner eine echte Plaisir-Unternehmung, immer anspruchsvoll, aber eigentlich nie unangenehm oder gar heikel, binnen weniger Stunden durchführbar […] richtet sich an absolut sichere und erfahrene Bergsteiger, die mit steilem, teils brüchigem Gelände vertraut und dem oberen zweiten/unteren dritten Schwierigkeitsgrad (frei) gewachsen sind.
  • Wer weiß, wie man „Fiderepass“ ausspricht darf mir gerne einen Kommentar hinterlassen. Wir hatten beim Zu- und Abstieg, sowie bei der Pause in der Fluchtalp  insgesamt sechs Varianten mitgehört…

In diesem Sinne

Martin

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