Bietschjoch

Lehrgeld am Bietschhorn

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Mitte Juli wollten wir das Bietschhorn in den Berner Alpen auf seinem Westgrat ersteigen und hatten uns dafür einen schlichten Plan zurecht gelegt: Am Samstag gemütlich in die Schweiz fahren, an der Bietschhornhütte vorbei bis hinter das Bietschjoch aufsteigen, dort biwakieren, um am nächsten Tag über den Westgrat den Gipfel des Bietschhorns zu erreichen und anschließend nach Abstieg über den gleichen Weg zurück in die Kurpfalz zu fahren. Mit viel Ausrüstung im Gepäck machten wir uns auf den Weg und unser Plan sah vor, dass wir am frühen Abend im Bietschjoch sein wollten. Entsprechend fuhren wir nicht extrem früh los, denn wir hatten ja Zeit, doch kaum unterwegs korrigierte das Navi unsere Ankunftszeit immer wieder nach hinten, so dass wir am Ende aufgrund des vielen Verkehrs beinahe doppelt so lange unterwegs waren wie ursprünglich geplant. Immerhin hatten wir Glück und verloren beim BLS Autoverlad Lötschberg keine Zeit, als wir mit dem Auto auf dem Zug ins Lötschtal transportiert wurden.

Autoverlad Lötschberg
„Bitte nehmen Sie den Autozug“ – Worte, die man selten von seinem Navi gesagt bekommt. Je nach Richtung ist der Autoverlad Lötschberg der einfachste Weg ins Lötschtal zu kommen, für uns hieße ein Verzicht rund 90 km, zwei Pässe und eineinhalb Stunden Reisezeit mehr…

Wir parkten in Ried, wo man im Gegensatz zu Wiler am dem Talende näheren Ortsende kostenlos parken kann und machten uns mit erheblicher Verspätung um 17:45 Uhr an den Aufstieg zum Bietschjoch. Richtig gelesen, Aufbruch zu einer Bergtour um 17:45 Uhr. Ging schon gut los. Meine Stimmung war nicht gerade euphorisch, denn eigentlich war geplant zu diesem Zeitpunkt schon zu abend zu essen und den Ausblick zu genießen, aber vor uns lagen noch 1650 Höhenmeter. Nach etwa zweieinhalb Stunden steten Steigens erreichten wir die Bietschhornhütte und gingen auf der Terasse an den Bergsteigern vorbei, die gerade ihr Abendessen gegessen hatten und mit uns am nächsten Tag den Gipfel erreichen wollten. Kurz hinter der Bietschhornhütte steilte sich das Gelände zum Schafbärg hin noch weiter auf und die letzten rund 600 Höhenmeter wurden noch einmal richtig anstrengend, denn es ging sehr gut markiert aber weglos durch felsiges und verblocktes Gelände. Eigentlich eine anstrengende, aber schöne Kraxelei, doch mit unserer Verspätung, der zunehmenden Kälte, unserem Hunger und dem doch recht schweren Rucksack war es einfach nur noch sehr anstrengend. Der Weg Parkplatz bis zum Joch ist kurz, aber geht permanent steil bergauf.

Um 21:10 Uhr erreichten wir das Bietschjoch und fünf Minuten später machten wir uns daran, uns für die Nacht vorzubereiten. Wir hatten uns für eine Übernachtung im Zelt entschieden und suchten einen ebenen Fleck, den wir in einem Schotterfeld südlich des Schafbärgs fanden. Dort ebneten wir den Platz etwas ein und bauten gut gegen den mittlerweile recht kräftig und kalt wehenden Wind gesichert unser Zelt auf. Die Sonne war mittlerweile untergegangen und dadurch war die Temperatur auf einen Schlag noch weiter Gefallen. Nur langsam konnten wir unsere eiskalten Finger bewegen, die Gelenke waren steif, aber zum Fädeln der Laschen am Zelt mussten die Hände ab und zu aus den Handschuhen. Im letzten Dämmerlicht schlüpften wir ins Zelt, wo es sofort merklich wärmer war.

Bietschjoch
Das Foto entstand am nächsten Tag: Unser Zelt knapp unterhalb des Bietschjochs, auf der Südseite. Im Hintergrund die Massive des Monte Leone/Breithorns, sowie Fletsch- und Lagginhorn und die Mischabelgruppe (von links nach rechts).

Nachdem wir uns eingerichtet hatten, sprich Isomatten und Daunenschlafsäcke hergerichtet waren, war endlich die Zeit für das Abendessen gekommen, für welches wir auf einem Jetboil SOL in der Apsis des Zelts Wasser zum Kochen brachten. An dieser Stelle zwei Hinweise an alle, die vom Zelt aus kochen wollen: Moderne Zelte sind nicht nur extrem leicht zu tragen, sondern auch extrem leicht zu entzünden und es ist daher sehr vorsichtig mit Kochern jeder Bauart in der Umgebung von Zelten zu hantieren – niemals direkt im Zelt kochen und immer mit festem Stand auf ebenem Untergrund. Man braucht nicht viel Fantasie um zu erkennen, dass es ein Funke schneller schafft das Zelt komplett abzubrennen, als man selbst zunächst aus dem Schlafsack und dann aus dem Zelt braucht. Idealerweise kocht man daher im Feien, wobei je nach Zelt mit der Apsis noch ein Zwischending als Alternative vorhanden ist. Auch hier gilt jedoch Vorsicht vor einer weiteren Gefahr: Kohlenstoffmonooxid, kurz Kohlenmonoxid. Verläuft die Verbrennung des Kochers, egal ob Gas oder Benzin, unvollständig, so besteht in unbelüfteten Räumen stets die Gefahr einer Kohlenmonoxidvergiftung. Kohlenmonoxid bindet rund 300 mal besser an Hämoglobin als Sauerstoff und entsprechend reichen geringste Gaskonzentrationen für maximale gesundheitliche Probleme. Das Gas ist farb-, geruchs- und geschmacklos, so dass man keine Chance hat, dieses wahrnzunehmen. Also sollte man immer für gute Belüftung sorgen – auch wenn man aus dem Schlafsack heraus in der Apsis kocht und es draußen sehr windig oder auch regnerisch ist!

Um noch etwas Schlaf zu bekommen, legten wir uns unmittelbar nach dem Abendessessen schlafen und hatten davor abgemacht, am nächsten morgen kurz zu frühstücken, die leeren Wasservorräte für die anstehende Tour aus dem Firn zu schmelzen und dann schnell aufzubrechen. Das Zelt wollten wir erst auf dem Rückweg abbauen, um Zeit zu sparen.

Nach einer sehr kurzen Nacht wurden wir unsaft vom Alarm der Uhr geweckt und holten anschließend mit dem Eispickel den hart gefrorenen Firn, um ihn sofort zu schmelzen. Es war für uns beide das erste mal, dass wir unser Wasser aus Firn schmelzen mussten, denn bisher war stets ein kleiner Bach oder Flußlauf in der Nähe gewesen. Am Vorabend waren wir beim Zubereiten des Abendessens wohl nicht sehr aufmerksam gewesen, denn rasch stellten wir am sehr frühen Morgen fest, dass das Schmelzen des Firns recht lange dauerte. Ließt man im Internet Testberichte, so wird der von uns verwendete Kocher überall gelobt: extrem schnell, extrem effizient. Die im Netz auffindbaren Angaben für die Zeit, die er benötigt um einen halben Liter Wasser zum Kochen zu bringen, schwanken zwischen zwei und drei Minuten. Was uns aber in keinster Weise klar war: Das Schmelzen von Eis oder Firn zu Wasser, benötigt deutlich mehr Energie und entsprechend deutlich mehr Zeit. Dazu kommt, dass die meisten dieser Tests bei Raumtemperatur im Garten gemacht wurden – und auch nicht auf über 3100 m Höhe mit Temperaturen unter Null Grad. Der Topf fasste 800 ml und um diesen zu ungefähr drei Vierteln gefüllt mit Wasser zu bekommen, mussten wir rund elf bis zwölf Minuten schmelzen. Dazu kam das Umfüllen und Nachfüllen mit Firn, so dass wir rund eine Viertelstunde benötigen, um einmal den Topf halbwegs mit Wasser zu füllen. Während wir Firn schmelzten verging die Zeit und langsam aber sicher ging die Sonne auf…

Ganz langsam wurde es heller, während wir damit beschäftigt waren, Firn zu schmelzen.
Bietschjoch
Fantastisches Panorama vom Bietschjoch über diverse bekannte Walliser Gipfel (siehe Peakfinder.org).
Langsam wurde es heller. Das war ein Problem, denn damit war klar, dass wir im Zeitverzug waren, bevor wir die Tour überhaupt gestartet hatten.
Das Bietschhorn vom Bietschjoch aus gesehen. Wir waren heiß auf den Einstieg – nur das Wasser war noch gefroren.

Irgendwann zogen im Hintergrund die von der Bietschhornhütte kommenden Seilschaften an uns vorbei, hinauf zum Westgrat des Bietschorns. Wir waren immer noch nicht fertig. Bedingt durch den Stau bei der Anreise war der Zustieg viel zu spät gewesen, entsprechend wollten erst um vier Uhr aufstehen und wir waren optimistisch gewesen, spätestens um fünf Uhr aufbrechen zu können – doch dieser Plan ging nicht auf. Das Problem war, dass das Schmelzen langsam aber sicher unsere für die Tour geplanten zeitlichen Sicherheitsreserven aufbrauchte und so rechneten wir alles mehrfach durch, kamen letztlich aber zu dem einzigen Schluss, dass das alles lieber unter Lehrgeld abhaken wollten, als eine Tour mit immensem Zeitdruck und ohne Reserven zu starten. Wir wären von Anfang an unserem Zeitplan hinterher gerannt. Die Ironie dieser Enstcheidung lag darin, dass wir mit dem Beschluss die Tour doch nicht zu starten plötzlich sehr viel Zeit hatten – und auch nicht mehr so viel Wasser benötigten. Also nahmen wir gegen sechs Uhr den letzzten Firn, brachten ihn zum Kochen und bereiteten uns frischen Kaffee und Tee zu, um den wenigstens Ausblick genießen zu können.

Mit der plötzlich gewonnenen Zeit wurde die Tour zur Genießertour.
Bietschjoch
Morgendlicher Kaffee mit viel Ausblick.

Wir packten langsam ein, ärgerten uns über uns selbst und hatten wieder etwas gelernt, als wir zurück zum Bietschjoch marschierten, wo vor uns der steile Abstieg hinab zur Bietschhornhütte lag. Am Tag zuvor hatte ich zu keinem Zeitpunkt nach unten geschaut, da ich einfach nur hoch wollte, doch jetzt viel mir auf, dass es doch einen guten Grund gab, warum die Beine ein bisschen schwer waren.

Der Blick direkt vom Bietschjoch hinab ins nördlich gelegene Lötschtal. Der schlecht zu erkennde kleine Fleck in der Mitte ist die Bietschhornhütte.
Bietschjoch
Blick aus der Flanke des Schafbärg hinauf zum Bietschjoch. Der Weg ist sehr gut markiert (siehe rechter Bildrand)

Wir stiegen hinab zur Bietschhornhütte, wo seit dieser Saison neue Pächter die Verantwortung für die gemütliche und urige Hütten übernommen haben. Da wir ja keinen Zeitdruck mehr hatten, legten wir eine kleine Pause für ein zweites Frühstück mit Brownie und Aprikosencrumble ein.

Die urige und sehr kleine (22 Schlafplätze!) Bietschhornhütte, im Jahr 2017 mit neuen Pächtern.
Zweites Frühstück auf der Terasse der Bietschhornhütte – Brownie und Aprikosencrumble.
Der Blick von der Bietschhornhütte über das Lötschtal.

Drei Stunden nach Aufbruch waren wir zurück am Auto und um einiges an Erfahrung reicher. Zukünftig wird die Wasserbereitung mit sehr viel Zeit in die Tourenplanung einkalkuliert. Manchmal muss man eben erst seine eigenen Erfahrungen machen und so werden wir erneut zurückkehren, um das Bietschhorn letztlich auch noch zu besteigen.

Einige Informationen:

  • Eisschmelzen braucht Zeit. Auch ein Kocher mit modernem Hightech ändert nichts an der Physik und man sollte wirklich großzügig Zeit zum Auffüllen der Wasservorräte einkalkulieren. Diese Lektion haben wir definitv gelernt.
  • Der Autoverlad durch den Lötschberg kostet am Wochenende 29,50 CHF (einfacher Weg) für ein Auto mit maximal 3,5 t Gewicht und die Wartezeiten betragen maximal 30 Minuten. Wer sein Ticket online bucht, kann schneller zum Zug und ein ganz klein wenig sparen (1,50 CHF pro Fahrt am Wochenende).
  • Das Geoportal bietet wie immer in der Schweiz perfektes Kartenmaterial. Alle Freunde von Papier werden mir der Schweizer Landeskarte LKS 1268 Lötschental, 1:25 000 glücklich.
  • Die Bietschhornhütte hat neue Pächter, sehr gutes Gebäck und man muss kein Wasserschmelzen. Man kann online den Reservierungsstand einsehen und wenn man will, auch das Bietschhorn Berg sein lassen und lieber Burger essen und Bier trinken

In diesem Sinne

Martin

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