Wissen – Überleben in der Gletscherspalte

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Vor kurzem bin ich bei anderweitiger Recherche über einen interessanten Fall gestoplert: 2013 berichteten Peter Paal und Kollegen in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet vom Spaltensturz eines 70jährigen, der auf etwa 3000 Metern Höhe in den österreichischen Alpen rund zehn Meter tief in eine Gletscherspalte gefallen war. Dies kam nicht sehr überraschend, denn er querte alleine, ohne Seil, Eispickel oder Steigeisen einen Gletscher. Verwunderlich ist hingegen die Tatsache, dass er nach sechs Tagen in einer Spalte sitzend noch lebend gerettet werden konnte.  Nach seinem Sturz hatte er keinen Mobilfunkempfang und musste in der Spalte kauern, einzig von einer dünnen Rettungsdecke, wie man sie aus dem Verbandskasten kennt, umhüllt. Es ist das längste bisher dokumentierte Überleben in einer Spalte.

Da der Abgestürzte seine Entfernung zur nächsten Hütte kannte schrie er um Energie zu sparen nur zwischen 10 Uhr und 16 Uhr ab und an nach Hilfe, da er davorn ausging, dass nur zu diesem Zeitpunkt auch jemand auf ihn aufmerksam werden könnte. Am vierten Tag verlies in die Hoffnung auf Rettung, doch nach sechs Tagen wurden andere Bergsteiger tatsächlich auf ihn aufmerksam und er konnte in verhältnismäßig gutem Zustand geborgen werden, auch wenn ihm letztlich beide großen Zehen amputiert werden mussten. Die Autoren des Fallberichts erklären das Überleben zum einen damit, dass er im wärmsten Sommer Österreichs seit 1811 abgestürzt war und die Temperatur in der Spalte während seiner Zeit in dieser mutmaßlich nicht unter 0 °C gefallen war. Zum anderen aber auch mit der Verwendung der oben erwähnten Rettungsdecke:

The rescue foil might have been the most important factor to avoid excessive moisture penetration and preserve our patient’s body temperature.

Persönlich sehe ich die Sache eher so, wie Chris Imray und Kollegen, die den Artikel Paals wie folgt kommentierten:

Although we recognise that rescue foils might be life saving in some circumstances, particularly in low winds, we feel prevention with a rope, crampons, ice axe, and companion(s) would be more conventional and evidence-based advice for crossing a glacier.

Man sollte sein Glück also besser nicht herausfordern. Denn unter schlechten Umständen kann es auch sein, dass ein Spaltensturz mit relativ zeitnaher Bergung fatal endet, wie ein tragischer Fall über den das Österreichische Kuratorium für alpine Sicherheit in der Sommer 2016 Ausgabe von Analyse:Berg berichtet zeigt: Zwei Deutsche waren auf dem Rückweg ihrer Hochtour und stiegen in ihrer Aufstiegsspur ab. Im aperen Bereich waren beide nicht mehr durch ein Seil verbunden und es passierte – einer der beiden stürzte etwa fünf Meter tief in eine Spalte. Nach dem Absetzen eines Notrufs mit schlechter Sprachqualität sicherte der Kamerad den Gestürzten mit dem Seil von oben gegen weiteres Abrutschen. 22 Minuten nach dem ersten Notruf folgte ein zweiter, der auch verstanden wurde und die Rettung in Gang setzte. Die Bergung gestaltete sich kompliziert, da der Verunfallte im Eis verklemmt war. Am Ende konnte der Gestürzte erst zwei Stunden nach dem Sturz aus der Spalte geborgen werden. Kurz nach der Bergung erfuhr er einen Kreislaufzusammenbruch infolge der Unterkühlung und verstarb nach Reanimation. Ihm wurde zum Verhängnis, dass er an einer Stelle eingeklemmt war, in der Schmelzwasser des Gletschers permanent auf ihn herabfloss.

Wasser hat bei 0 °C eine um den Faktor 21 höhere Wärmeleitfähigkeit als Luft, Eis bei -10 °C sogar eine um den Faktor 90 höhere Wärmeleitfähigkeit. Entsprechend schnell kann es zu Unterkühlungen kommen. Dies sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man bei kalten Temperaturen nass geworden ist. Es macht nämlich mehr Sinn, sich für die kurze Zeit beim Wechsel der Kleidung starker Kälte zu exponieren, statt dies zu vermeiden und in nasser Kleidung auf das Aufwärmen zu warten. Genau dies dauert nämlich dramatisch länger, wenn die Kleidung nass ist.

In diesem Sinne

Martin

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