Ochsenkopf

Vermuntkopf & Ochsenkopf Westgrat

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Nach der Überschreitung von Schneeglocke und Silvrettaspitze saßen wir auf der Wiesbadener Hütte und mussten uns für den nächsten Tag eine Tour überlegen. Sie sollte nicht allzu lange dauern und mehr oder minder halbwegs auf dem Weg zurück zur Bieler Höhe liegen, so dass wir uns letztlich dazu entschlossen zunächst den Vermuntkopf, den Hausberg der Wiesbadener Hütte, sowie danach den Ochsenkopf über den Westgrat zu besteigen. Da wir noch am gleichen Abend zurück wollten, standen wir früh auf und konnten von der Terasse aus sehen, wie die frühe Sonne den Piz Buin anstrahlte und sich die ersten Aspiranten für den Piz Buin bereit machten.

Piz Buin
Die ersten Sonnenstrahlen beleuchten den oberen Teil des Piz Buin.
Wiesbadener Hütte
Auf der Wiesbadener Hütte machen sich die Aspiranten für den Piz Buin bereit.

Das morgendliche Getummel war etwas irritierend, denn viele der Gäste schienen nicht nur mit der Ausrüstung zu fremdeln (Steigeisen und Gurt waren den meisten offensichtlich fremd), sondern wussten offensichtlich noch nicht einmal, wer sie auf den Berg führen würde, denn sie fragten uns, ob wir ihre Bergführer seien… nein, das maßten wir uns nicht an.

Den Weg zum ersten Ziel, dem Vermuntkopf, konnten wir kaum verfehlen, denn schon hinter der Weisbadener Hütte führt ein Wegweiser bergauf nach Nordosten und nach kurzer Zeit erreichten wir einen Abzweig nach rechts. Wer geradeaus läuft kann über die Gletscherreste der Tiroler Scharte die Jamtalhütte erreichen, doch wir bogen am auf einen kleinen Kamm, der direkt auf den gut sichtbaren Vermuntkopf zuführt.

Vermuntkopf
Der Vermuntkopf – in der Bildmitte – ist gut von der Wiesbadener Hütte aus zu sehen und schnell erreicht.
Tiroler Scharte
Die ärmlichen Reste des Tiroler Gletschers unterhalb der Tiroler Scharte.

Am Vermuntkopf selbst ist relativ klar, was zu tun ist und in leichter Kraxelei geht es dem einfach ersichtlichen Weg des geringsten Widerstands nach oben. Wer geübt in ungesicherter Kraxelei ist und ab und an Hand an den Fels liegt, erreicht den Gipfel rasch und ohne großen Hindernisse.

Vermuntkopf
Immer der Nase nach – die Rinne führt direkt zum Gipfel des Vermuntkopf.
Vermuntkopf
Die letzten Meter am Vermuntkopf, im Hintergrund die Silvrettakette mit Silvrettahorn, Schneeglocke, Schattenspitze und vielen mehr.

Oben angekommen eröffnet sich ein unfassbar schönes Panorama, denn der Vermuntkopf steht recht frei und erlaubt den freien Blick nach Osten über den Süden bis Westen.

Vermuntkopf
Blick vom Vermuntkopf nach Süden über das Vermuntjoch hinweg. Links im Bild die Dreiländerspitze, rechts im Bild der Piz Buin.

Nach einem kurzen Gipfelfoto traten wir den Rückweg an und erreichten schnell wieder den Einstieg zum „Gipfelaufbau“ des Vermuntkopfs, welchen wir auf der nördlichen Seite durch großes Blockwerk steigend umrundeten. An einem kleinen See vorbei gingen wir zum kleinen Rücken, der zum Einstieg am Fuß des Ochsenkopf Westgrats führt. Der vergriffene Alpenvereinsführer Silvretta alpin von Günter Flaig bewertete die Tour mit dem II. Grad UIAA und gab vor, dass wir zunächst direkt durch den Aufschwung zum eigentlichen Grat klettern sollten.

Vom Sattel am W-Gratfuß über Blockwerk und Firnflecken auf den breiten Steilaufschwung, den man direkt erklettert (II).

Zweiter Grad sollte kein Problem sein und der einfachste Weg würde sich schon finden lassen – dachten wir zumindest.

Ochsenkopf
Der Aufschwung zum Westgrat des Ochsenkopfs. Bis zum Einstieg, etwa in der Bildmitte, fanden wir immer wieder Trittspuren, im Anschluss dagegen nichts was darauf hindeutete, dass in jüngster Zeit sich jemand diesem Grat gewidmet hätte.
Ochsenkopf
Blick zurück vom Einstieg zum Westgrat des Ochsenkopfs. Mitten im Bild die Silvrettaspitze.
Ochsenkopf
Der Einstieg am Westgrat des Ochsenkopfs. Aus Ermangelung von Begehungsspuren mussten wir uns selbst einen geeigneten Weg suchen…

Aus der Ferne hatten wir über mögliche Aufstiegsvarianten gesprochen und das ein oder andere Merkmal als Ziel auserkoren. Unser erstes Ziel war der direkt Aufstieg zu einem sich weiter oben und leicht links befindlichen Riß. So kletterten wir los und schon am Einstieg fanden wir nach wenigen Metern keine Variante, die sich im zweiten Grad, sondern eher im dritten Grad abspielte. Davon ließen wir uns nicht irritieren, kletterten weiter und weiter oben wollte ich nach links zum Riß queren, während mein Kletterpartner weiter rechts eine andere Option verfolgte. Rasch zeigt sich, dass ich (zumindst nicht ohne Seilsicherung) weiterkommen würde und da der eingeschlagene Weg meines Kletterpartners vielversprechend zu sein schien, schlug er vor zu ihm herüber nach rechts zu queren. Gesagt getan, doch plötzlich fand ich mich in einer misslichen Situation und hatte mich in eine plattige Sackgasse geklettert. Einzig ein Handriss führte etwa vier Meter senkrecht nach oben, scheinbar zu einem Plateau. Handriss und zweiter Grat… dies war sicherlich nicht der im Führer angedachte Weg.

Mit viel Luft unter dem Hintern überlegte ich meine Optionen. Mir missfiel vor allen Dingen die Tatsache, dass das Gestein zunehmend loser und bröckeliger geworden war. Abklettern an der Platte empfand ich als schlechte Option und so enstchied ich mich dazu, mein Glück in der Flucht nach vorne zu versuchen – dem Handriss folgend. Nach zwei Zügen bereute ich diese Entscheidung: Mit Kletterschuhen wäre es kein Problem gewesen dem Riss zu folgen, aber meine schweren Bergstiefel konnte ich nicht in dem Riss und nur schlecht außerhalb des Risses positionieren. Langsam zog mir der schwere Rucksack die Kraft aus den Armen. Zwei Züge bis zum Ausstieg, irgendwie musste das doch möglich sein?!

Nach viel sorgsamen Tasten konnte ich meine Hand im Riss sehr fest verklemmen und traf eine „alles oder nichts“-Entscheidung für den nächsten Zug und das Aufstehen auf das kleine Plateau – es war knapp, aber es ging gut und ich konnte mich auf dem bröseligen Plateau aufrichten. Da das Seil auf meinem Rücken gewesen war (und es auch keine Sicherungsmöglichkeiten weit und breit gab), musste mein Kletterpartner meinem Tanz am Abgrund aus rund zehn Metern Entfernung tatenlos zuschauen. Insgesamt war der Riss deutlich schwerer als II. UIAA und ich hatte meine unfreiwillige Dosis Nervenkitzel für die Tour bekommen.

Wir stiegen dennoch weiter und der Charakter der Wand änderte sich. Es gab zwei Wandstufen vor uns, wobei der Fels nicht gerade ideal zum Steigen war: Der Fels war kompakt genug, um uns das Anbringen mobiler Sicherungen zu versagen, gleichzeitig aber immer wieder mit Gras durchzogen und alles was wir an Zacken und Griffen anfassten war zunehmend loser. Hätte es ein paar eingebohrte Haken gegeben, hätten wir sicherlich eine Menge Spaß gehabt, aber so war ein gewisses Maß an Vorsicht notwendig.

Ochsenkopf
Sieht kompakt aus, bildet aber die schlechte Kombination aus wenig Struktur, Gras und brüchigen Griffen und Tritten. Schwer zu beschreiben.

Wir stiegen weiter nach oben, das Gelände wurde glücklicherweise zunehmend einfacher und am Ende befanden wir uns auf dem breiten Gratrücken, welcher uns zum Gipfel führen sollte. Zuvor konnten wir im Westen hinter uns noch einen Blick auf den Vermuntkopf erhaschen:

Vermuntkopf
Der Vermuntkopf vom Westgrat des Ochsenkopf aus gesehen. Im Schatten der kleine Rücken zum Einstieg, mehrere dutzend Meter unter uns.

Der Westgrat war zunächst von Schutt bedeckt und sehr breit, wurde aber zunehmend schmaler. Nach Süden hin konnten wir noch einen Blick in Richtung Piz Bernina erlangen, bevor der Westgrat abrupt vor unseren Füßen endete.

Ochsenkopf
Der Westgrat war zunächst sehr breit und voller Schutt…
Ochsenkopf
… wurde dann aber zunemhend schmaler. Auf diesem Bild schlecht in der Bildmitte zu erkennen die tiefe Scharte, die sich kurz hinter dem Steinmannl auftat.
Blick auf das Berninamassiv im Süden, vorbei am Piz Buin am rechten Bildrand.

Eine Tiefe Scharte trennte uns vom eigentlichen Gipfel. Zu unserer Seite fiel sie senkrecht ab, auf der gegenüberliegenden Seite war der finale Anstieg zum Gipfel weniger steil. Die Tiefe war schwer zu schätzen, aber unser 50 m Seil war offensichtlich zu kurz, dessen konnten wir uns sicher sein. Davon abgesehen gab es keine Möglichkeit abzuseilen – alles um uns herum schien bei Berührung sofort zu zerbröseln. Beim Versuch die Scharte genauer zu inspizieren kletterte ich rückwärts eine kleine Felsstufe ab, wobei ich mit der linken Hand einen massiv aussehenden Griff fasste. Auch dieser gab plötzlich der Belastung nach und ich hatte Glück mit den Füßen stabile Tritte gehabt zu haben – in meinem Rücken gähnte der Absturz der nördlichen Wand des Grates.

Schnell war uns klar, dass wir die Scharte umgehen mussten, so stand es schließlich auch im Führer. Dort wurden wir auf die Südseite verwiesen:

[…] hinab zur Scharte vor dem Hauptgipfel, wobei ein Abbruch rechts auf Bändern der S-Flanke umgangen wird

Doch ein Abstieg in die Flanke, schien uns zu gefährlich: Alles bröckelte vor uns ab und es fiel uns schon schwer genug im Schutt nur leicht in die Flanke einzusteigen um mögliche Wege zu suchen. Auch ein gutes Stück vor der Scharte ergab sich keine sinnvolle Möglichkeit in die Flanke abzusteigen.

Ochsenkopf
Dort vielleicht? Wir waren auf der Suche nach der im Führer erwähnten südlichen Umgehung der Scharte, konnten aber keinen geeigneten Weg entdecken.

Wir hatten mit der Flanke zwei Probleme, welche einzeln für sich genommen in Ordnung gewesen wären, in der Kombination uns jedoch stoppten: Zum einen kannten wir den Weg nicht und konnten ihn auch nicht erkennen, zum anderen war das Gestein brüchig und die recht steile Flanke von Schutt überzogen. Nach langem Suchen und Überlegen mussten wir zu dem Schluss kommen, dass wir zwar in die Flanke hätten absteigen können, allerdings nicht sicher sein konnten, ob wir durch den Schutt auch wieder hätten zurück aufsteigen können. Da wir auch keinen Weg erkennen konnten, entschlossen wir uns gegen einen Versuch, denn wir wollten nicht in der Flanke stecken bleiben und weder nach vorne, noch zurück gehen können.

Wir waren also zum umdrehen gezwungen, denn letzlich erlaubte uns nur die Himmelsrichtung aus der wir gekommen waren ein Weiterkommen, auch wenn dies der Rückweg war: Nach Osten zum Gipfel die tiefe und unüberwindbare Scharte, nach Norden eine steil abfallende Wand und nach Süden die mit Schutt überhäufte und unübersichtliche Flanke. So gingen wir auf der Gradhöhezurück zum Aufschwung, durch den wir auf den Grat geklettert waren und begannen den Abstieg.

Zunächst war das kein Problem, durch sehr vorsichtiges Steigen konnten wir den oberen kompakten Teil der Wand gut bewältigen. Auf dem unteren der beiden Bänder entschlossen wir uns dazu, den Abstieg weiter südlich als den Aufstieg zu versuchen, da uns der Weg des Aufstiegs für den Abstieg ungeeignet schien und es im lockeren Fels auch keine guten Möglichkeiten zum Abseilen gab. Wir stiegen also vorsichtig ab, standen aber plötlich vor einem Hinderniss, denn die letzten 25 m fiel die Wand senkrecht bis leicht überhängend ab. An abklettern war nicht zu denken.

Ein bisschen Glück hatten wir dennoch, denn in Richtung unserer Aufstiegsvariante fanden sich ein paar große Felsblöcke. Hier witterten wir unsere Chance abzuseilen und machten uns daran, Sanduhren oder Köpfel zu finden. Das Gestein war in diesem Bereich wie erwähnt nicht absolut fest und bestand aus großen zusammengewürfelten Blöcken. Das Gute daran war, dass wir so recht einfach zum Abseilen um einen Block fädeln konnte, das Schlechte allerdings, dass wir nicht sicher waren, inwiefern wir diese wirklich belasten konnten. Wir fingen also an zu basteln und hintersicherten unseren Abseilstand.

Ochsenkopf
Unser Abseilstand. Sowohl der Keil (oben) als auch die Reepschnur um den großen Block (unten) waren belastet, wobei jeweils beide hätten Reißen können, da das Seil jeweils beide einzeln erfasste.

Danach begann die vorsichtige Abseilfahrt, bei der wir komplett bis an den Wandfuß gelangen konnten.

Abseilfahrt
Der Abseilstand hielt und die Abseilfahrt reichte bis ins Tal.

Dort angekommen sortierten wir uns und traten den Weg zurück zur Wiesbadener Hütte an. Nach einer kurzen Stärkung gingen wir weiter zurück zur Bieler Höhe und traten die Heimreise zurück in die Kurpfalz an.

Topo
In rot der von uns versuchte Aufstieg, in blau der von uns gewählte Abstieg. Der gerade Strich am Ende der blauen Route markiert die Abseilfahrt.

Auf dem Rückweg unterhielten wir uns noch einmal in aller Ruhe über die Tour und ob wir etwas hätten anders machen können oder sollen. Letztlich kamen wir aber zu dem Entschluss, dass wir die für uns richtigen Entscheidungen getroffen hatten. Wir sind umgedreht, als es für uns keine erkenn- und abschätzbare Option zum Erreichen des Gipfels mehr gab und uns dir Risiken aufgrund von Gesteinsqualität und nicht erkennbarem Weg zu groß waren. Sicherlich gibt es einen Weg im II. Grad UIAA durch den Aufschwung auf den Westgrat und auch einen Weg auf der Südseiteunterhalb der Scharte, denn sonst würde dies nicht im Führer stehen. Aber da es keinerlei Spuren gab, mussten wir unseren Weg selbst suchen und unsere Entscheidungen entsprechend selbst treffen. Zweimal war es für mich heikel gewesen und am Ende des Tages waren wir nicht unzufrieden damit den Gipfel nicht erreicht zu haben, sondern zufrieden damit, eine Reihe schwerer Entscheidungen für uns richtig getroffen zu haben.

Einige Informationen:

  • Zur Ausgangsort, der Bieler Höhe und der Wiesbadener Hütte, habe ich bereits an dieser Stelle ein paar Anmerkungen gemacht.
  • Kartenmaterial gibt es online bei map.geo.admin.ch oder auch als AV Karte 26 Silvretta (1:25 000).
  • Der Weg zum Vermuntkopf ist einfach und erfolgt in leichter Kraxelei – schwindelfrei sollte man natürlich sein. Insgesamt braucht man von der Wiesbadener Hütte aus etwa 45 bis 60 Minuten bis zum Gipfel.
  • Der Alpenvereinsführer Silvretta Alpin von Günter Flaig aus dem Rother Bergverlag ist vergriffen. Ohnehin ist dieser in letzer (13.) Auflage aus dem Jahr 2005 und die Informationen sind entsprechend nicht mehr aktuell. Allein schon in puncto Gletschersituation hat sich einiges getan – so mancher dort beschriebene Zustieg sollte nicht mehr gewählt werden (siehe auch hier).
  • Von der Wiesbadener Hütte zum Vermunkopf benötigt man etwa eine Stunde, wobei der Weg bis zum Wandfuß markiert ist und man erst dann etwas Gespür für alpine Wegfindung braucht. Einfach dem Weg des geringsten Widerstands und den Trittspuren folgend ist dieser ein sehr lohnender Aussichtsgipfel, der recht leicht erkraxelt werden kann.
  • Der Ochsenkopf ist (den veralteten Informationen aus zuvor erwähntem Führer nach) am einfachsten von der Tiroler Scharte aus zu erreichen, alternativ auch über den Südgrat von der unteren Ochsenscharte. Zumindest der von uns gewählte Westgrat scheint kaum begangen, Spuren gib es bis zum Einstieg, danach nichts mehr. Immerhin haben wir ein bisschen Material beim Abseilen zurückgelassen…

In diesem Sinne

Martin

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