Überschreitung von Schneeglocke und Silvrettahorn

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Bei meinem Besuch in der Silvretta wurde ich nach der Besteigung des Piz Buin auf der Wiesbadener Hütte sitzend auf die Überschreitung von Schneeglocke und Silvrettahorn aufmerksam. Diese Tour wird in  umgekehrter Reihenfolge regelmäßig von der Wiesbadener Hütte aus durch die lokalen Bergführer angeboten und da man von der Sonnenterasse der Hütte einen schönen Blick auf fast die gesamte Tour hat, konnte ich mir gut vorstellen, dass dies ein schönes Vorhaben sei. Nur rund zwei Wochen nach der Besteigung des Piz Buin fand ich mich mit einem langjährigen Seilpartner entsprechend erneut auf der Bieler Höhe wieder, wo wir später als ursprünglich geplant gegen 22 Uhr im Stockdunkeln unser Auto abstellten. Immerhin mussten wir keine Maut für die Silvretta Hochalpenstraße zahlen, da wir diese so spät passierten.

Nach unserer späten Ankunft begannen wir direkt mit dem Zustieg zur Klostertaler Umwelthütte. Wir hatten ohnehin vorgehabt dort zu übernachten und da es sich bei der Klostertaler Hütte um eine selbstversorger Hütte handelt, war unsere späte Ankunft entsprechend auch kein Problem. Mit dem im Vorfeld bei der DAV Sektion Heidelberg ausgeliehenen Schlüssel konnten wir etwas mehr als eine Stunde nach unserem Aufbruch die Tür zu einer Hütte öffnen, die zwar noch recht jung ist, aber dennoch bereits jetzt eine bewegte Geschichte hinter sich hat: Der Bau der Hütte wurden in den 1970er Jahren durch die DAV Sektion Wiesbaden begonnen und sie hätte eine weitere bewirtschaftete Hütte in der eigentlich schon gut erschlossenen Silvretta werden sollen. Jedes der benachbarten Täler hätte seine eigene Hütte gehabt: Im Kromerl die Saarbrücker Hütte, im Klostertal die Klostertaler Hütte, im Ochsental die Wiesbadener Hütte, im Jamtal die Jamtalhütte und im Fimbatal die Heidelberger Hütte. Doch während des Baus kam es zu Protesten gegen die Klostertaler Hütte und am Ende wurde der Bau durch die DAV Sektion Stuttgart erst 1993 soweit abgeschlossen, dass sie seither Selbstversorgerhütte und Bergrettungsstützpunkt genutzt wird.

Das Gebäude befindet sich zum größten Teil im Rohbau und man kann die Hütte zunächst problemlos und auch ohne Alpenvereinsschlüssel betreten. Da wir im Dunkeln unseren Weg ins Herz der Hütte suchen mussten, hatte dies schon etwas teilweise Gespenstisches, den man betritt die Hütte durch den Keller und dieser ist klar erkennbar noch nicht ausgebaut und verlassen steht noch Werkzeug umher. Im Inneren findet man aber rasch das, was mal der Vorraum der Hütte hätte werden sollen und es gibt in diesem Vorraum zwei Notbetten mit Decken, zahlreiche Hüttenschuhe, eine Kasse, zahlreiche Informationen, sowie Zugang zu Toiletten und zwei verriegelte Türen. Eine davon ist für die Bergrettung vorgesehen, die andere hingegen kann mit dem Alpenvereinsschlüssel geöffnet werden und es öffnet sich eine unerwartet gemütliche Stube.

Klostertaler Umwelthütte
Das Herz der Klostertaler Umwelthütte. Urig gemütlich und wir konnten die Hütte in hervorragendem Zustand vorfinden. Allerdings war laut Hüttenbuch am Tag vor uns auch eine Hüttenkontrolle zugegen.
Klostertaler Umwelthütte
Der Schlafraum der Klostertaler Umwelthütte mit Platz für etwa 15 Personen, wenn es sein muss sicherlich auch ein paar mehr.
Erst am nächsten Tag konnten wir die Klostertaler Umwelthütte bei Tageslicht von außen sehen. Das Gebäude sieht gut aus und der Stein fügt sich wunderbar in die Landschaft.

Wir starteten mit dem Tageslicht in unsere Tour und konnten sehen, wie die ersten Sonnenstrahlen die Berge im Westen beleuchteten, als wir ins hintere Klostertal aufbrachen. Unser erstes Ziel war der nördliche Teil des Klostertaler Gletschers, genauer gesagt die große Schuttmoräne direkt unterhalb des Klostertaler Egghorns, auf der wir zum Klostertaler Gletscher aufsteigen wollten.

Klostertal
Die Sonne strahlt die Berge im Westen an.
Klostertal
Blick aus dem hinteren Klostertal nach Norden. Gut zu erkennen die Klostertaler Umwelthütte in der Bildmitte.
Moräne des Klostertaler Gletschers
Ein trauriger Anblick, denn wo früher noch ein Gletscher war, muss man mittlerweile ein ganz schönes Stück auf der Moräne aufsteigen.
Moräne Klostertaler Gletscher
Wie weit der Klostertaler Gletscher einmal reichte kann man an den abgeschliffenen Steinflächen erkennen. Natürlich füllte der Gletscher zur letzten Eiszeit das ganze Klostertal, aber mittlerweile ist der Rückgang der Gletscher so schnell, dass man eigentlich jährlich das Kartenmaterial aktualisieren müsste.

Früher hätte man schon deutlich früher die Steigeisen anschnallen müssen, doch bedingt durch den Klimawandel dauert es eine Weile, bis es soweit war. Nachstehend zwei Karten, die das verdeutlichen. Die erste illustriert das Jahr 1900, die zweite Karte das Jahr 2013 und ist eigentlich auch schon nicht mehr aktuell.

Knapp unterhalb von p.2922 querten wir auf den Gletscher und konnten, weil aper, zunächst ohne Seil aufsteigen. Erst kurz vor dem Aufschwung zur Scharte zwischen Schattenspitze und Schneeglocke trafen wir auf Spalten und Schneeauflage, so dass wir uns ans Seil nahmen. So erreichten wir dann auch die Scharte.

 

- Schneeglocke - Schattenspitzer
Blick von der Scharte zwischen Schattenspitze und Schneeglocke nach Südosten. In der Bildmitte die Dreiländerspitze, deutlich rechts daneben der erkennbar der Piz Buin.
- Schneeglocke - Schattenspitze
Die Idee für eine weitere Tour schon im Blick: Von der Scharte zwischen Schattenspitze und Schneeglocke erblickt man das Gross Seehorn, welches eine spannende Überschreitung bietet.

Von der Scharte aus stiegen wir ein kurzes Stück, rund 150 m, steil durch rutschigen Schutt zum Gipfel der Schneeglocke. Der Abschnitt ist nicht schwer, aber macht auch keinen Spaß, da man im Bruch doch gut aufpassen muss, ohne dass das Gelände sehr reizvoll wäre. Doch dies ist der einzige hässliche Abschnitt der Tour, denn nach dem Gipfel der Schneeglocke wird man mit einem bombastischen Panorama belohnt, welches man den ganzen Bergrücken bis zum Silvrettahorn lang hat.

Schneeglocke
Der Gipfel der Schneeglocke und leicht links im Bild den Rücken, den es entlang bis zum Silvrettahorn geht (leicht links, dahinter der Piz Buin noch weiter links zu erkennen)

Der Bergrücken bis zum Silvrettahorn ist leicht zu gehen und bietet immer wieder nette Kraxelei, welche allerdings nicht mehr als den I. Grad (UIAA) und damit ab und zu eine Hand am Fels fordert. Dennoch dank des Panoramas und eben jener leichten Kraxelei unheimlich schön und zum Genießen!

Leichte Kraxelei beim Übergang von der Schneeglocke über den Piz Grambola (p.3189) zum Silvrettahorn.

Zum Ende hin muss man auch am Silvrettahorn unter Umständen noch einmal kurz an den Fels greifen, bevor sich einem ein wunderbarer Blick in alle Richtungen offenbart.

Silvrettahorn
Die letzten Meter vor dem Gipfel des Silvrettahorns.
Wiesbadener Hütte
Blick vom Silvrettahorn auf die Wiesbadener Hütte – der Kaiserschmarrn wartet schon…
Bieler Höhe und Silvrettastausee
Bieler Höhe und Silvrettastausee
Silvrettahorn
Blick vom Silvrettahorn nach Süden, zu den beiden Piz Buin und auf den Ochsentaler Gletscher, über den es im Abstieg hinab zur Wiesbadener Hütte geht.

Wir machten eine kleine Pause, genossen das Panorama und im Anschluss folgte der Abstieg zum Ochsentaler Gletscher über den Südgrat das Silvrettahorns. Der Weg ist einfach, geht nicht über den I. Grad UIAA hinaus und an ein oder zwei Stellen haben die lokale Bergführer sogar Haken gebohrt, um ihre Gäste einfacher ablassen oder hinaufsichern zu können. Der Abstieg zum Ochsentaler Gletscher ist schön, weil einfach und abwechslungsreich.

Silvrettahorn
Abstieg vom Gipfel, der Südgrat am Silvrettahorn.
Ochsentaler Gletscher
Auf dem Ochsentaler Gletscher, rechts im Bild die beiden Piz Buin.

Auf dem Ochsentaler Gletscher wird die Felsnase bei p.2905 großzügig durch einen Bogen nach Süden umkurvt und im Anschluss schwenkt man auf den (neuen) Normalweg vom Piz Buin ein, um so die Wiesbadener Hütte zu erreichen. Von dort aus hat man übrigens wie anfangs erwähnt einen tollen Blick zurück auf fast die gesamte Tour.

Überschreitung Silvrettahorn Schneeglocke
Die gesamte Überschreitung von Silvrettahorn und Schneeglocke im Blick: Von der Klostertaler Umwelthütte im hinter dem Kamm liegenden Klostertal erreicht man zunächst einmal die tiefe Scharte zwischen Schattenspitze und Schneeglocke, fast mittig und nur leicht rechts im Bild. Danach geht es über die Schneeglocke nach Süden (links im Bild) immer auf dem Bergrücken bleibend bis zum Silvrettahorn. Noch weiter nach links steigt man auf den Ausläufer des Ochsentaler Gletschers ab und steigt diesen über westliche Flanke zur Wiesbadener Hütte hinab, immer dem (neuen) Normalweg des Piz Buin folgend.

Auf der Hütte angekommen hatten wir eine wirklich tolle und nicht allzu schwere Tour hinnter uns, die ich nur jedem empfehlen kann. Die Abschnitte im Fels erfordern zwar etwas übliche Vorsicht, aber sind nicht sonderlich schwer und man hat fast auf der gesamten Tour ein beeindruckendes Panorama.

Einige Infos zur Tour:

  • Die Klostertaler Umwelthütte wurde von Mountain Wilderness Deutschland e.V. in das kleine Büchlein Wilde Hütten – 20 einzigartige Bergrefugien ohne Duschen oder WLAN aufgenommen. Sie wird direkt vom Alpenverein betrieben und man kann sich ganz modern über das neue Reservierungsportal des DAV auf der Hütte einen Schlafplatz reservieren. Vor der Hütte spendet ein Brunnen frisches Wasser und in der Hütte findet sich alles außer Essen und Klopapier, was man für eine Übernachtung benötigt (Ofen inklusive Ofenrohr, Geschirr, Besteck, Hüttenschuhe, Decken, ein paar Geschirrtücher, …). Bitte tragt Sorge, dass die Hütte in so tollem Zustand bleibt!
  • Die Hütte kann zur Not auch ohne AV Schlüssel betreten werden, jedoch befinden sich Ofen und gemütlicher Schlafraum hinter einer Tür, die nur mit AV Schlüsel geöffnet werde kann. Der Vorraum ist karg, bietet aber für den Notfall zwei Betten und Decken. Erhältlich ist der AV Schlüssel bei allen DAV Sektionen, in der Regel kostenfrei gegen Pfand.
  • Kartenmaterial gibt es online bei map.geo.admin.ch oder auch als AV Karte 26 Silvretta (1:25 000).
  • Der Alpenvereinsführer Silvretta Alpin von Günter Flaig aus dem Rother Bergverlag ist vergriffen. Ohnehin ist dieser in letzer (13.) Auflage aus dem Jahr 2005 und die Informationen sind entsprechend nicht mehr aktuell. Allein schon in puncto Gletschersituation hat sich einiges getan – so mancher dort beschriebene Zustieg sollte nicht mehr gewählt werden (siehe auch hier). Ersatzweise kann man den SAC Clubführer „Silvretta/ Unterengadin / Münstertal: Davos bis Müstair“ nutzen, geschrieben von Peter Gujan und Gian Andrea Hartmann.
  • Die Tour dauert bei üblichen Gehzeiten etwa 6-7 Stunden, es gibt ein kurzes Steilstück Gletscher im Abstieg mit 30-35 ° Hangneigung und die Kletterei spielt sich im ersten Grad ab. Alles in allem WS.
  • Informationen zur Wiesbadener Hütte und zum Abstieg über den Normalweg des Piz Buin habe ich hier schon einmal zusammengefasst.

In diesem Sinne

Martin

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