Ausblick

Der letzte Streich am Muttekopf

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Ende August fuhr ich mit meinem Kletterpartner in die Lechtaler Alpen, um dort am Muttekopf, genauer gesagt am Oberen Mutteturm in dessen Nordostgrat, Alpinklettern zu gehen. Zwar klettern wir schon eine ganze Weile gemeinsam und waren auch schon oft am Fels, doch im Gegensatz zu mir war er bisher noch nie alpin klettern. Diesen Umstand wollten wir ändern und die Route Der letzte Streich (5) war das Ziel, denn ohne sie zu kennen schien sie mir für den alpinen Einstieg geeignet: Gebohrte Stände, ab und zu mal ein Bohrhaken, nicht zu lang, gut erreichbar und dank schattiger Exposition ideal für ein heißes Augustwochenende. Leider wurde der Name für uns beinahe zum Programm…

Wir fuhren zunächst zum Hahntennjoch, wo wir das Auto auf der Passhöhe beim Parkplatz abstellen konnten. Unzählige Motorradfahrer brettern über den 1894 m Pass, welcher das obere Inntal mit dem Lechtal zwischen Imst und Elmen verbindet. Das Wetter war zunächst gut und wir stiegen den schmalen Pfad in Richtung Scharnitzsattel beziehungsweise Muttekopfhütte empor. Nach etwa einer halben Stunde konnten wir schon die Wand erkennen, in welcher unsere Route liegen würde.

Muttekopf
Blick auf die norseitige Wand des Muttekopfs, wo sich auch unsere Route befand. Die Nordwandrouten am Mutteturm befinden sich im Bild auf der linken Seite. Dort erkennt man Scharnitzsattel und im Grat weiter rechts erkennt man einen schwarzen Riss. Hierbei handelt es sich um eine Verschneidung, in welcher die Route Kurz und glatt (7-) verläuft.

Wie in quasi allen Beschreibungen (mehr Informationen hierzu am Ende) angegeben bogen wir am Beginn der Versicherungen zum Scharnitzsattel nach rechts ab und querten unterhalb der Wand durch Schotter und Schrofen, bis wir den Einstieg zu unserer Route erreichten. Hierfür benötigten wir mit 1,5 Stunden ein wenig länger, als sonst in Beschreibungen angegeben.

Muttekopf

Muttekopf - Topo
Der grobe Verlauf der Route Der letzte Streich. Sehr markant die Verschneidung rechts daneben, die Route Kurz und glatt (7-), welche auch als Abseilpiste dient.

Am Einstieg bereiteten wir uns vor und bekamen Besuch von einer Dreierseilschaft, welche in der Route links neben uns, Quere Welt (6-), einstieg. Mein Kletterpartner war ob seiner ersten alpinen Unternehmung höchst motiviert und begann damit, die erste Seillänge vorzusteigen, während ich ihn neben der kleinen Höhle eines überdimensionierten Felsblocks stehend sicherte.

Muttekopf
Blick vom Einstieg nach Norden. In der Bildmitte das Hahntennjoch.

Zunächst verlief alles ohne Probleme, gab langsam Seil aus, aber irgendwann stellte ich fest, dass ich schon längere Zeit kein Seil mehr ausgegeben hatte. Leider konnte ich nichts sehen und fragte die benachbarte Seilschaft, welche immer noch in den Vorbereitungen steckte, ob sie etwas erkennen könnten. Schnell konnten sie ihn ausmachen und nach ein paar Rufen war klar, dass er sich nicht sicher war, wo genau die Route verläuft. Der Kletterer der Dreierseilschaft versuchte von Boden aus den ein oder anderen Tipp zu geben, als plötzlich von oben ein markerschütternder Schrei kam, der uns vor Steinschlag zu warnen versuchte.

Während die benachbarte Seilschaft noch nicht eingebunden war und schnell zur Seite springen konnte, bliebt mir nicht fiel übrig, als das Seil fest umfassend zu versuchen unter den Felsblock zu springen. Es gelang mir und das war auch gut so, denn nur den Bruchteil einer Sekunde späte schlug an genau der Stelle an der ich zum Sichern gestanden war ein runder Felsblock von rund einem halben Meter Durchmesser ein. Hätte mich dieser erwischt wäre es mit Sicherheit aus gewesen, denn bei dieser Größe hilft auch kein Helm mehr.

Schnell stellten wir fest, dass alles glimpflich ausgegangen war: Mein Kletterpartner stand etwa 7 m über der letzten Sicherung, als sich ein rund ein Kubikmeter großer Felsblock aus der Wand löste. Im Nachhinein ging alles so schnell, dass er gar nicht mehr mehr richtig rekonstruieren konnt, wie er sich noch seitlich fangen konnte und nicht mit dem Felsblock in die Tiefe gezogen wurde. Der Felsblock ist bei seinem Flug in die Tiefe an der Wand zerschellt und ein Teil seiner Trümmer hatte mich nur knapp verfehlt. Auch die Dreierseilschaft war unversehrt geblieben. Wir hatten Glück gehabt.

Mein Kletterpartner – und dafür zolle ich ihm höchsten Respekt – zog die erste Seillänge bis zum Stand durch und holte mich nach. Der Stand der ersten Seillänge war glücklicherweise äußerst bequem, da auf einem breiten Band gelegen, und wir konnten in aller Ruhe das zuvor passierte, sowie das weitere Vorgehen durchsprechen. Wenn mir in meiner ersten alpinen Seillänge gefühlt der halbe Berg entgegengekommen wäre, hätte ich wahrscheinlich aufhöhren und umkehren wollen – aber er meinte hingegen er wolle mal schauen, wie es sich entwickelt und wir beschlossen, nach jeder Seillänge zu überprüfen, ob wir die nächste angehen wollten.

Gesagt, getan und ich machte mich daran, die zweite Seillänge vorzusteigen. Das Gestein war für alpine Verhältnisse fest, griffig und die Wegfindung war auch kein Problem, denn ich konnte ein paar Haken sehen, die mir den Weg wiesen.

Zweite Seillänge
Mein Kletterpartner am ersten Stand auf einem breiten Felsband, im Hintergrund die benachbarte Seilschaft.

Die dritte Seillänge war die Schlüsselseillänge und mein Kletterpartner hatte den Felsausbruch so gut verdaut, dass er sie vorsteigen wollte. Er meinte, dass eine glatte Fünf beim Sportklettern am Fels ja keine große Herausforderung sei und vielleicht sei es ja auch psychisch ganz gut, die Konfrontationstaktik anzuwenden. Schon vom zweiten Stand aus konnten wir die Crux ausmachen, eine kleine Wulst, welche es zu überklettern galt.

Schlüsselstelle
In etwa in der Bildmitte kann man die Crux erkennen, eine kleine Wulst, welche man überklettern muss. Im Anschluss geht es die Wasserrille entlang immer gerade aus.

Ohne Probleme stieg er vor, sicherte mich nach und schon waren drei Seillängen geschafft. Die letzten beiden Seillängen waren nicht ganz so gut einsehbar, so dass ich beide vorsteigen durfte und uns hoch zum Ausstieg brachte – ein Reitergrat, denn auf der anderen Seite des Muttekopf-Nordostgrats geht es steil ins nächste Tal.

Mutteturm
Auf dem „Gipfel“ des Mutteturms im Nordostgrat des Muttekopfs nach Westen fotografiert.
Ausblick
Blick auf den Nordostgrat des Muttekopfs, hinüber zum Maldonkopf. Im Hintergrund sieht man auf der linken Bildhälfte das Wettersteinmassiv mit der Zugspitze im Schatten.

Als letzte Übung stand nun der geordnete Rückzug an und wir entschlossen uns dazu, über die Route abzuseilen. Das war supoptimal, weil zwei Bänder Steinschlaggefahr bargen, allerdings wurden die Quellwolken von Sekunde zu Sekunde größer und mein Gefühl sagte mir, dass es zuviel Zeit kosten würde, zur Abseilpiste zu queren (3. UIAA Grad auf dem Nordostgrat), abzuseilen, erneut zu queren und dann den Rest abzuseilen.

Wir kamen recht schnell wieder am Hahntennjoch an, wo mit dem Schließen der Kofferraumklappe die ersten Regentropfen fielen. Kaum waren wir los gefahen, brach die Sintflut über uns und es regnete so heftig, dass die Motorradfahrer in den Tunnels anhielten, weil sie sich nicht mehr zu fahren trauten.

Ein spannender Tag ging so zu Ende. Mit dem Felsausbruch hatten wir großes Glück, denn es hätte sowohl meinen Kletterpartner, als auch mich oder die drei umstehenden Kletterer der benachbarten Seilschaft beinahe erwischt. Ansonsten war der Fels eigentlich fest – so fest, wie Kalk im Alpinen eben sein kann. Ganz ausschalten kann man diese Gefahr aber eben nie.

Einige Informationen zur Tour:

  • Wie erwähnt gibt es zahlreiche Quellen mit Informationen zu den Routen am Muttekopf. Unter anderem kostenfrei bei Panico, den Münchner DAV Sektionen, den Erstbegehern/Einrichtern und bergsteigen.com. Die Informationen sind weitgehend ähnlich, nur bei der Abseillänge gibt es wie zuvor geschrieben einige Unterschiede.
  • Die Schwierigkeit mit 5 passt und wer mehr drauf hat oder will kann in den benachbarten Routen noch etwas mehr Gas geben.
  • Auch wenn der Ausbruch vielleicht etwas abschreckend sein sollte – die Route eignet sich meiner Meinung nach tatsächlich für den Einstieg ins Alpinklettern: Gute Felsqualität (nicht ganz immer, aber so ist das eben), klare Linie, ein paar Haken, feste Stände, Ausgangspunkt gut erreichbar, kurzer Zustieg, nicht zu schwer
  • Kartenmaterial braucht man eigentlich nicht, wer es dennoch will: AV-Karte 3/4 Lechtaler Alpen „Muttekopfgebiet und Heiterwand“

In diesem Sinn

Martin

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