Auf dem neuen Normalweg zum Piz Buin

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Die Wiesbadener Hütte unterhalb des Piz Buin verbinde ich mit guten Erinnerungen, denn vor vier Jahren absolvierte ich dort mit dem DAV Würzburg meine Hochtourenausbildung. Allerdings war es uns während des Kurses im Jahr 2012 nicht vergönnt auf der Spitze des Piz Buin zu stehen, denn das schlechte Wetter zwang uns damals zu sehr konservativer Tourenplanung und zum frühen Umkehren. Entsprechend stand der Piz Buin schon etwas länger auf der Wunschliste und ich war froh, dass es mir im August dieses Jahres gelungen war meinen Aufenthalt zum Wegebau rund um die Heidelberger Hütte mit einer kleinen Hüttentour von der Heidelberger Hütte über die Jamtalhütte zur Wiesbadener Hütte zu verbinden, um auf letzrerer dann den Rest der Seilschaft zu treffen und den Piz Buin angehen zu können.

Als ich von der Jamtalhütte kommend über den Radsattel zur Wiesbadener Hütte kam, war ich zunächst voller Vorfreude, dann aber doch etwas schockiert: Von der Wiesbadener Hütte aus hat man einen sehr guten Blick auf den gegenüberliegenden Ochsentaler Gletscher, der unterhalb des Piz Buin liegt. Leider musste ich feststellen, dass der Klimawandel auch vor dem Ochsentaler Gletscher nicht Halt gemacht hatte, denn ich konnte leicht erkennen, dass dieser im Vergleich zu 2012 deutlich zurückgegangen war. Leider ist es mir nicht gelungen ein Bild aus einer der Perspektiven von 2012 zu schießen, aber dennoch auf nachstehendem Bild der Versuch eines Vergleichs.

Ochsentaler Gletscher 2012 - 2016
Leider nur bedingt vergleichbar, aber man kann im Ansatz erkennen, wie deutlich der Rückgang des Gletschers links des Wasserfalls ist.

Am Piz Buin hat der Rückgang des Gletschers sehr unmittelbare Auswirkungen auf den Bergsteiger, denn mittlerweile gibt es dort einen neuen Normalweg! Vom Team der Wiesbadener Hütte erfuhr ich, dass der alte Normalweg schon im letzten Jahr nur zu Beginn der sommerlichen Hochtourensaison genutzt und später dann zugunsten der neuen Variante aufgegeben wurde. Auch in diesem Jahr verhielt es sich dem Hüttenteam nach ähnlich. Die alte Variante des Normalwegs teilt damit das Schicksal, dass den früher ebenso durchaus übliche Weg über das Wiesbadener Grätle schon ereilte. Auch dieser Weg wurde durch die Klimaerwärmung nicht mehr nutzbar, denn die Steinschlaggefahr ist mittlerweile einfach zu groß geworden.

Doch wie sieht er aus, der neue Normalweg auf den Piz Buin? Auf nachstehendem Bild habe ich versucht die drei von der Wiesbadener Hütte (früher) üblichen Wege einzuzeichnen. Über den genauen Verlauf der Variante über das Wiesbadener Grätle bin ich mir nicht sicher, aber ich denke es reicht, um zu illustrieren, wo man besser nicht mehr entlang gehen sollte.

Piz Buin - Übersicht von der Wiesbadener Hütte

Piz Buin - Topo
Der Piz Buin und seine (ehemaligen) Aufstiege, von der Wiesbadener Hütte aus betrachtet. Am linken Bildrand ist die Variante über das Wiesbadener Grätle zu erkennen, die früher (bis etwa Anfang der 2000er) ein spannender Weg mit leichter Kletterei war, aber mittlerweile wegen der hohen Steinschlaggefahr nicht mehr begangen wird. Der „alte Normalweg“ führt durch die Bildmitte. Die Grüne Kuppe wird auf ihrem Rücken überschritten und dahinter wird der Ochsentaler Gletscher (immerhin 30 – 35 ° Hangneigung)quer erklommen. Ganz rechts die neue Variante, welche vor der grünen Kuppe quert, um so den Ochsentaler Gletscher zu erreichen.

All die Informationen zum Verlauf des neuen Normalwegs auf den Piz Buin konnte ich sowohl beim fachkundigen Hüttenpersonal, als auch bei den zahlreichen Bergführern erfahren. Zwar wurde die Wiesbadener Hütte neu verpachtet, jedoch waren einige des Hüttenteams, unter anderem Wirt und Wirtin, schon zuvor auf der Hütte tätig. Doch zur neuen Variante des Normalwegs: Man steigt unmittelbar vor der Wiesbadener Hütte den Markierungen (Steinmänner, Holzpflöcke, etc.) folgend zum vom Vermuntgletscher kommenden Bach, quert diesen über eine Brücke (Holzlatte trifft es eher) und steigt zur bewachsenen Moräne vor der grünen Kuppe empor. Von dort aus geht es weiter, vorbei an der schotterigen Moräne vor dem Gletschertor und dann durch einen Felsriegel stellenweise in einfacher Kletterei (I. Grad  UIAA) hinauf zum Einstieg auf den Ochsentaler Gletscher. Auch hier ist der Weg gut markiert, wobei man im Dunkeln schon etwas schauen muss. Der erste Aufschwung des Ochsentaler Gletschers hat knapp mehr als 30 ° Hangneigung und es wird relativ nah zur sich rechts befindlichen Felswand auf die Ebene des Gletschers gequert. Im Anschluss zur Buin Lücke und von dort aus durch den Fels nach oben, wobei ein kurzer Kamin von etwa vier Metern kurz vor Ende mit dem II. Grad (UIAA) als Schlüsselstelle gilt. Am oberen Ende findet sich jedoch ein gebohrter Haken, so dass nachgesichert werden kann.

Für unsere Gipfeltour sagte die ZAMG für den frühen Nachmittag starke Niederschläge voraus und wir enstchlossen uns – im Gegensatz zum Großteil der anderen Gipfelaspiranten – für einen frühen Start. Außerdem legten wir eine klare Umkehrzeit fest – eigentlich eine einfache Methode das Risiko etwas zu minimieren, wenn man bei einer Tour von Anfang an gegen die Zeit läuft.

Den Weg über die Moränenlandschaft fanden wir trotzde Dunkelheit recht leicht, denn es gab zahlreiche Markierungen. Erst nach dem Queren vor dem Gletschertor mussten wir etwas aufpassen, denn durch denFelsriegel gab es zahlreiche Möglichkeiten, aber nur eine markierte Variante. Da wir um Dunkeln aufstiegen, gibt es kaum Bilder vom Aufstieg, aber später beim Abstieg finden sich Bilder zum Gelände.

Auf halber Höhe des Steilaufschwungs bestiegen wir den Ochsentaler Gletschers. Der Aufschwung war aper, so dass wir seilfrei gehen konnten. Erst als die Steigung abgenommen hatte mussten wir wegen der zunehmenden Schneeauflage und der vor uns liegenden Spalten ans Seil, um uns steten Schrittes der Buinlücke zu nähern. Ganz langsam ging im Osten über dem Wiesbadener Grätle die Sonne auf…

Ochsentaler Gletscher
Auf dem Ochsentaler Gletscher in Richtung Buinlücke. Diese, in der Bildmitte, trennt den Großen Piz Buin (links daneben) vom Kleinen Piz Buin (rechts daneben).
Ochsentaler Gletscher
Blick zurück – der Weg über den Ochsentaler Gletscher verläuft nach dem Steilaufschwung zunächst unterhalb der im Bild sich links befindlichen Wand und nach dem ersten Aufschwung recht flach.
Ochsentaler Gletscher
Die Sonne geht über dem Wiesbadener Grätle auf. Am rechten Bildrand der Piz Buin und seine westliche Flanke, durch welche man zunächst steigen muss, um zum Gipfel zu gelangen.
Buinlücke
Von der Buinlücke zurück nach Norden blickend. In der Bildmitte (in etwa) die Silvrettaspitze, die scheinbar größere Erhebung im Kamm links davon das Signalhorn.
Buinlücke
Kurz vor der Buinlücke auf die Westflanke des Piz Buin blickend. Das große Schotterfeld im unteren Bereich wird von der Buinlücke (rechter Bildrand) zum Grat hin gequert, bevor diesem dann gefolgt werden kann.

An der Buinlücke angekommen freuten wir uns darüber, dass wir gut in der Zeit lagen und machten ein kleines Rucksackdepot. Danach stiegen wir durch das Schuttfeld der Westflanke diagonal zum Nordwestgrat.

Piz Buin
Toller Blick vom Nordwestgrat des Piz Buin auf Signalhorn, Silvrettahorn, Schneeglocke und Schattenspitze (von links nach rechts den Kamm entlang).

Die Schlüsselstelle bei der Besteigung über den Normalweg stellt der Kamin kurz vor Ende des Grats dar. Hier muss man rund vier Meter im II. Grat (UIAA) klettern können. Wer jedoch geschickt spreizt wird an dieser Stelle – solange sie schneefrei ist – keinerlei Probleme haben. Die letzten Meter geht es unschwer durch etwas Schutt und dann öffnet sich einem der herrliche Blick über die blaue Silvretta.

Piz Buin
Herrlicher Ausblick vom Piz Buin nach Südwesten.
Piz Buin
Das Wiesbadener Grätle vom Piz Buin aus gesehen. Der kleine helle Fleck in der Bildmitte ist die Wiesbadener Hütte, dahinter das Hohe Rad und der Silvretta Stausee der Bieler Höhe.

Wir konnten den Gipfel ein wenig genießen und machten uns nach etwa einer halben Stunde wieder an den Abstieg. Zwar war das Wetter extrem gut, aber wir hatten immer noch im Kopf, dass die ZAMG ja für den frühen Nachmittag heftige Niederschläge angekündigt hatte. Nachstehend ein paar Fotos vom Abstieg, welchen wir identisch mit dem Aufstieg wählten.

Ochsentaler Gletscher
Auf dem Plateau oberhalb des Wasserfalls (siehe zweites Bild) wird an dieser Stelle der Ochsentaler Gletscher betreten (oder auch verlassen). Zunächst recht steil (am rechten Bildrand) mit etwas mehr als 30 ° Hangneigung, dann zunehmend zahmer und flacher.
Ochsentaler Gletscher
Rechts neben dem Wasserfall wird die Felsstufe in leichter Kraxelei durchquert.
Ochsentaler Gletscher
Blick vom Felsriegel nach Norden. Am mittleren oberen Bildrand das Hohe Rad. Gut zu erkennen die durch den Ochsentaler Gletscher glatt gescheuerten Felsplatten.
Ochsentaler Gletscher
Blick auf die Wiesbadener Hütte. Am rechten oberen Bildrand sieht man den nördlichen Ausläufer der grünen Kuppe, vor welchem man quert.
Ochsentaler Gletscher
Das beeindruckende Tor des Ochsentaler Gletschers. Vorsicht ist geboten, denn quasi minütlich fallen Steine vom oberen Teil durch das Abschmelzen hinab. Man sollte etwas Abstand zum Gletschertor waren.

Die Wiesbadener Hütte erreichten wir nach insgesamt etwas mehr als sechs Stunden Gehzeit und zum Ende hin kam etwas Wind auf. Aber wir kamen dennoch rechtzeitig genug an, um die letzte große Herausforderung des Tages noch bei gutem Wetter anzugehen – die unfassbar große Portion Kaiserschmarrn der Wiesbadener Hütte:

Kaiserschmarrn der Wiesbadener Hütte
Der Kaiserschmarrn der Wiesbadener Hütte ist eine unheimlich mächtige Portion und gibt genügend Kraft für mindestens zwei Dreitausender…

Noch während wir uns stärkten zogen zunehmend die Wolken auf und dann begann es plötzlich stark zu regnen. Die ZAMG hatte recht behalten und wir hatten bei unserer Tourenplanung alles richtig gemacht: Früher Beginn, konzentriertes Gehen, klare Absprachen bezüglich Umkehrzeiten. Dennoch wussten wir, dass noch einige Gipfelaspiranten unterwegs waren, denn bei unserem Abstieg waren wir auf dem Ochsentaler Gletscher noch großen geführten Seilschaften begegnet, die sich noch im Aufstieg befanden. Wir waren am sehr früh beim Frühstück beinahe die einzige Seilschaft – warum steigen geführte Gruppen nur so spät auf? Der Wetterbericht war eigentlich eindeutig, so dass man von einem professionellen Bergführer doch erwarten kann, dass er die Tour entsprechend plant?

Alles in allem ist die neuste Variante des Normalwegs auf den Piz Buin sehr zu empfehlen, denn sie ist wirklich abwechslungsreich. Zunächst etwa im Geröll, dann durch leichten Fels, dann ein bisschen steiler Gletscher, danach etwas flacher Gletscher und zum Abschluss erneut etwas Fels zum Kraxeln. An dieser Stelle auch noch ein Track, auf welchem auch der Zustieg zur Wiesbadener Hütte von der Bieler Höhe, sowie der Abstieg zurück zur Bieler Höhe zu erkennen ist.

Einige Informationen zur Tour:

  • Idealer Stützpunkt für die Tour ist die Wiesbadener Hütte. Sehr zu empfehlen ist der Kaiserschmarrn, den ich für den mit besten der Alpen halte. Für einen Euro bekommt man eineinhalb Minuten heißes Wasser aus der Dusche und das Team ist nicht nur nett, sondern hat auch wichtige Informationen zu Weg und Bedingungen auf Lager.
  • Zur Wiesbadener Hütte startet man am einfachsten – wenn nicht von einer anderen Hütte kommend – von der Bieler Höhe aus. Diese erreicht man nur über die mautpflichtige Silvretta Hochalpenstraße.
  • Die AV Karte 26 deckt die Silvretta im Maßstab 1:25 000 ab. Wer es lieber digital möchte findet bei map.geo.admin.ch Kartenmaterial (zum Drucken und Planen).
  • Der Alpenvereinsführer Silvretta Alpin von Günter Flaig aus dem Rother Bergverlag ist vergriffen. Ohnehin ist dieser in letzer (13.) Auflage aus dem Jahr 2005 und die Informationen sind entsprechend nicht mehr aktuell – wie in diesem Beitrag dargestellt.
  • Zwischen 6 und 7 Stunden sollte man für die Hochtour von der Wiesbadener Hütte zum Piz Buin und zurück einplanen. Die Tour kann auf der SAC Hochtourenskala mit PD oder PD+ bewertet werden: Kletterei bis etwa 2+ (UIAA) im Kamin kurz vor dem Gipfel, vor dem Ochsentaler Gletscher im Felsriegel etwa I. Grat (UIAA), Eis 30 – 35 ° und eine recht übersichtliche Spaltensituation.

In diesem Sinne

Martin

4 thoughts on “Auf dem neuen Normalweg zum Piz Buin

  1. Vielen Dank für die ausführliche Tourenbeschreibung.

    Ich habe auch vor diese Tour in Angriff zu nehmen und da ist es immer schön so etwas zu finden.
    Eine Frage noch wann seit ihr denn an der Wiesbadener Hütte gestartet ? Wir 2 wollen auch wenn es möglich ist dem großen Trubel entgehen und früher Starten. Werden allerdings von unten am Staussee beginnen.

  2. Hallo Matthias,

    zunächst einmal danke für deinen Kommentar. Bezüglich der Zeit unseres Aufbruchs an der Hütte bin ich leider nicht mehr ganz sicher, mein Gedächtnis sagt mir fünf Uhr. Das kommt glaube ich ganz gut hin, denn wenn mich nicht alles täuscht sind wir aufgebrochen, als die ersten der geführten Seilschaften zum Frühstück kamen. Kurze Zeit später war ich ja erneut in der Silvretta und ebenso auf der Wiesbadener Hütte (http://martin-outdoor.de/2016/09/ueberschreitung-von-schneeglocke-und-silvrettahorn/ und http://martin-outdoor.de/2016/09/vermuntkopf-ochsenkopf-westgrat/). Es gibt ein Foto, das ich beim Aufbruch weg von der Hütte aufgenommen hatte und darauf erkennt man die anderen geführten Seilschaften (das zweite Foto in dem letzten der beiden Links, http://martin-outdoor.de/wp-content/uploads/2016/12/02-Wiesbadener-H%C3%BCtte.jpg). Das Foto entstand um 6 Uhr morgens. Das würde ganz gut zusammenpassen, Gedächtnis und Bild. Wenn ihr also dem Trubel entkommen wollt, würde ich behaupten, dass ihr vor 6 Uhr an der Wiesbadener Hütte vorbei müsst, da das die typische Zeit ist, zu der die geführten Gruppen aufbrechen.

    Grüße
    Martin

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