Kampenwand

Kampenwand Überschreitung

Berge, Klettern , , , ,

Auf die Überschreitung der Kampenwand kam ich durch einen Flyer, den ich bei meinem Besuch der Reel Rock Tour im vergangenen Jahr erhalten hatte  – und da mein Tourenpartner ebenso bei der Reel Rock Tour mit dabei gewesen war und auch den Flyer bekommen hatte, mussten wir nicht lange nach dem nächsten Ziel suchen und waren uns schnell einig. Einzig über die Vorgehensweise mussten wir etwas diskutieren, denn von der Idee die Kampenwandseilbahn zu nutzen hielt ich nicht viel. Am Ende willigte ich allerdings doch ein und unser Plan sah eigentlich recht entspannt aus: Anfahrt mit der Bahn nach Aschau im Chiemgau, Übernachtung unmittelbar neben der Talstation und dann mit der Seilbahn den Zu- und Abstieg bewältigen, um am Ende erneut mit der Bahn nach Hause zu gelangen. Soweit der Plan, doch am Ende kam leider alles ganz anders und eigentlich hätte ich recht schnell merken können, dass dieses mal nicht alles rund laufen würde…

Die erste unangenehme Überraschung des Wochenendes wartete am Bahnhof. Wir kauften rund eine Viertelstunde vor der Abfahrt problemlos am Automat, gingen zum Gleis und mussten direkt wieder feststellen, dass es zwar möglich ist mit der Bahn in die Berge zu fahren, aber leider die Zugfahrt dann meist das größere Abenteuer mit mehr Risiko darstellt, als die eigentliche Bergtour:

Deutsche Bahn
Der DAV predigt zwar das Reisen mit der Bahn, doch wer dies, wie ich, regelmäßig praktiziert, der weiß, dass dies meist ein größeres Abenteuer als die eigentliche Bergtour ist und eine entspannte Anreise anders aussieht.

Kein Zustieg in den Zug, weil ausgelastet?! Angespannt kontrollierten wir am Gleis die Optionen auf dem Smartphone. Die von der Bahn angebotenen „Kulanzleistungen“, sowie die alternativen Verbindungen waren eigentlich keine Option. Wir versuchten es mit Dreißtigkeit und schummelten uns ins Bordbistro. Glück gehabt, wobei sich einige im Bistro die unbequemen Zustände im Zug angenehm getrunken hatten. Egal, Hauptsache im Zug. In Stuttgart stiegen wir dann um und erwischten natürlich einen Zug mit defekter Klimaanlage. Im überfüllten Zug bekamen wir im Kleinkindabteil noch einen Platz und schwitzen vor uns her, bis ich irgendwann feststellen musste, dass von der Hutablage eine angenehm erfrischende Abkühlung tropfte. Schnell stellte ich fest, dass meine Trinkblase ein kleines Loch hatte. Wir hatten eine Glückssträhne…

Mit dem Zug von Prien am See nach Aschau im Chiemgau.
Mit dem Zug von Prien am See nach Aschau im Chiemgau.

Genervt kamen wir in Aschau an, wo wir bei Gaby Mayer ein Zimmer reserviert hatte. Unglaublich herzlich begrüßte Sie uns am Bahnhof und nahm uns im Auto mit zu sich, wodurch uns die etwa drei Kilometer zu Fuß bis zum Zimmer unmittelbar neben der Talstation der Kampenwand erspart blieben. Aschau im Chiemgau ist übrigens das „Bankerldorf“. Über 470 Bänke, im Bayrischen eben Bankerl, stehen in und um Aschau. Mit dabei ein paar ganz besonders bayrische Exemplare:

Bankerldorf
Das Triple-Bankerl. Auch Xabi Alonso war schon ein mal hier…

Doch zurück zum eigentlichen Ziel, der Kampenwand. Von Aschau aus konnten wir sie bereits sehen, die Kampenwand, denn unmittelbar hinter Aschau beginnen die Chiemgauer Alpen.

Kampenwand
Die Kampenwand von Aschau aus betrachtet. Die Wand ist auf dem oberen Bergkamm halb links im Bild.

Am nächsten Morgen waren wir, wie ich im Vorfeld befürchtet hatte, nicht die einzigen mit der Idee, die Kampenwand zu überschreiten: An der Talstation sammelten sich die Seilschaften und da ich wusste, dass die unmittelbar am Einstieg gelegene Kampenwandhütte über das Wochenende ausgebucht war, befürchtete ich das schlimmste. Die gute Nachricht war aber zunächst, dass wir einen schönen Blick auf den Chiemgau hatten.

Kampenwand
Am linken Bildrand die Bergstation der Kampenwandseilbahn.
Kampenwand
Blick nach Süden, von unweit der Bergstation.
Kampenwand
Der Chiemsee im Hintergrund, genau zwischen den Bäumen die Insel Herrenchiemsee.

Am Einstieg machten sich ungefähr zehn Seilschaften bereit, wobei nach uns noch weitere Seilschaften einstiegen und vor uns auch schon einige unterwegs waren. Großer Andrang also. Wir entschlossen uns für eine etwas links gelegene Variante des Einstiegs, so dass wir die erste Seillänge für uns alleine hatten. Es würde neben der zweiten Seillinge die einzige bleiben, bei der wir unsere Ruhe haben würden.

Kampenwand
In der zweiten Seillänge. Da wir uns nicht ganz sicher waren, was wir erwarten würden, waren wir mit Halbseilen unterwegs.

Von Beginn an lief es nicht so richtig rund. Unsere Seile krangelten dauernd und bei meinem Partner lief es irgendwie nicht. Bei ihm kam es zu einer längeren Pause wegen einer Verletzung am Sprunggelenk und ich war auch verunsichert, weil an der Schulter verletzt. Aber wir machten dennoch weiter und immerhin entschädigte der Ausblick für die etwas schwerfällige Kraxelei.

Kampenwand
Blick zurück auf die Bergstation der Kampenwandseilbahn.
Kampenwand
Vor uns Geh- und Kraxelgelände im zweiten auf dem Weg zum Westturm.
Kampenwand
Ganz klein und kaum als einzelner Felszacken zu erkennen: Der Gmelchturm, der nur ungefährt zehn bis zwölf Meter aus dem Grat der Kampenwand herausragt. Dahinter der Teufelsturm und ganz im Hintergrund die höchste Erhebung des Hauptgipfels.

Am Gmelchturm mussten wir erstmals warten bis die Seilschaft vor uns den Felszacken, den man übrigens auch umgehen kann, überklettert hatte, denn im Stand auf dem Gmelchturm war kein Platz für eine zweite Seilschaft. Brav warteten wir und langsam zogen die Quellwolken auf:

Kampenwand
Blick ins Tal, welches von den Quellwolken verborgen wurde.

Im Anschluss starteten wir und die sehr kurze Seillänge ist wirklich schön, etwas echte Verschneidungskletterei, leider im Einstieg etwas speckig. Kalkstein eben.

asd
Die Verschneidung des Gmelchturms, in unserem Topo von Bergsteigen.com mit 3+ bewertet. Gut gesichert, vor allen Dingen auch mit Haken am Einstieg, der den Sichernden vor einem Absturz schützt.

Den Stand auf dem Gmelchturm hatte ich schnell erreicht und ich sicherte meinen Partner nach, doch ab hier hatten wir eine unangenehme Seilschaft hinter uns. Noch während mein Partner im Nachstieg war stieg der sächselnde Kletterer ein und während wir uns zum Abseilen über die Rückseite vorbereiteten, musste ich ihm den Platz zwischen meinen Beinen einräumen, damit er sich noch halbwegs in den Stand einhängen konnte. Warum er nicht am Fuß der Seillänge hätte warten können war sein Geheimnis, bequemer wurde es durch ihn auf jeden Fall nicht. Schlimmer wurde es nur dadurch, dass er auch noch damit begann seine Frau nachzuholen, ob wohl wir noch nicht fertig mit Abseilen waren und immer noch kein Platz am Stand war. Doch auch dies konnt er noch steigern, denn er sicherte seine Frau mit einem gewönlichen Tube, welches nicht als Platte zur Nachsicherung ausgerüstet war. Hätte seine Frau sich einen Ausrutscher geleistet, wäre sie ins Tal abgerauscht… meine Stimmung steigerte sich ins unermessliche.

Nach dem Abseilen überkletterten wir den Teufelsturm und seilten uns in die Scharte dahinter ab. Dabei sahen wir, dass die Seilschaft vor uns unheimliche Schwierigkeiten in der ersten Seillänge am Hauptgipfel hatte. So ganz konnten wir uns das aus der Ferne nicht erklären, denn diese Seilschaft war ja vor uns am Gmelchturm und der vorsteigende Sohn der Vater-Sohn Seilschaft hatte zuvor einen unheimlich souveränen Eindruck gemacht.

Kampenwand
Abseilen in die Scharte vor der ersten Seillänge des Hauptgipfels. Im rechten Bildteil kann man die Rinne erahnen, die man als Notabstieg nutzen kann.

In der Scharte angekommen wurden wir uns schnell des Problems bewusst: Alles war feucht. Hinter uns staute es sich schon und die nächsten Seilschaften, allen voran die unangenehme sächsische Seilschaft, scharrten an der Abseilstelle schon mit den Hufen. Vorsichtig querte ich diagonal zum ersten Haken. Die Linie ist leicht zu erkennen, ein Riss führt in einer minimalen Verschneidung kerzengerade nach oben. Leider ist an dieser Stelle die Linie des geringsten Widerstandes für den Kletterer auch die Linie des geringsten Widerstandes für das Wasser. Für meine linke Seite war alles feucht, sowohl für die Hand, als auch für den Fuß. Langsam schob ich mich nach oben, zwei, drei Züge, wohl überlegt und ich konnte die Exe in den zweiten Haken hängen. Danach ging es weiter, aber immer noch richtig unangenehm feucht. Nach einem weiteren Meter wurde es dann eng und weder für links, noch für rechts konnte ich etwas trockenes zu fassen oder zu treten finden. Kurz überlegte ich, versuchte es weiter und nachdem ich nichts wirklich Vertrauenserweckendes gefunden hatte, beschloss ich an dieser Stelle abzubrechen, zurück zum Haken zu klettern und von dort aus in die als Notabstieg fungierende Rinne abzuseilen.

So eine Situation hatte ich zuvor noch nicht gehabt, aber am Ende waren es glaube ich mehrere Gründe, die ich insgesamt dazu bewegten abzubrechen: Meine Schulter war ein großes Fragezeichen, bei meinem Kletterpartner lief es alles andere als rund, die Route war nass und hinter mir der Druck von weiteren Seilschaften, die es kaum abwarten konnten, sich selbst zu versuchen. Es gibt Tage, da läuft es einfach nicht rund und das sollte man akzeptieren.

Der Abstieg fühlte sich ein wenig wie eine Niederlage an, war aber auch nicht ohne, denn all das Wasser, das die Route zuvor schlecht kletterbar machte, suchte sich seinen Weg durch die Rinne des Notabstiegs ins Tal.

Kampenwand
Rutschig ging es ins Tal, mehrmals knapp davor das Gleichgewicht zu verlieren.

Am Ende kamen wir mit recht verschmiert ins Tal und waren rasch zurück an der Seilbahn, von wo aus wir langsam zurück ins Tal fuhren.

Kampenwand
Die Fahrt in einer der kleinen Gondeln der Kampenwandsseilbahn hinunter zieht sich und dauerte in unserem Fall rund 20 Minuten.

In der kleinen Vierergondel der Seilbahn stellten wir fest, dass wir es unter Umständen noch zu einer früheren Zugverbindung als gedacht schaffen könnten und entsprechend stürmten wir aus der Bergstation heraus und joggten in Zustiegsschuhen und mit Rucksack Richtung Bahnof von Aschau. Dabei hatten wir Glück und eine vorbeifahrende Frau nahm uns spontan mit. Irgendwie war es damit doch ein ganz versönliches Ende…

Ein paar Tipps und Infos zur Tour:

  • Der DAV hat hier ein paar wenige Informationen zum Sichern am Stand mit Tube.
  • Die Kampenwand ist absolut überlaufen und ich kann nur davon abzuraten sie an einem Wochenende zu machen. Wenn, dann unter der Woche und nicht mit der ersten Bahn, sondern früh am Morgen VOR der ersten Bahn vom Kampenwandhaus aus. Oder frühzeitig aufbrechen und zu Fuß aufsteigen, aber in jedem Fall vor der ersten Bahn einsteigen.
  • Zumindest für den Weg vom Einstieg bis zum Hauptgipfel kann ich sagen, dass recht klar ist, wo man im Fels klettern kann. Ein Topo findet sich bei bergsteigen.com, wobei die Detailtiefe etwas supoptimal ist. Macht aber nichts, man sieht, was zu tun ist.
  • Wer in Aschau einfach aber günstig übernachten will, der sollte bei Gaby Mayer nachfragen. Super freundlich, sauber und unmittelbar neben der Seilbahn gelegen. Wer abends ankommen, danach schlafen und morgens weiter ziehen möchte ist perfekt untergebracht.
  • Man kann gut mit der Bahn bis nach Aschau im Chiemgau fahren. Zumindest theoretisch – in der Praxis gilt es eben den ganz normalen Wahnsinn der Deutschen Bahn zu beachten. Der DAV setzt sich zwar für die Fahrt ins Gebirge mit der Bahn ein, aber vielleicht schreibe ich mal bei Gelegenheit einen gesonderten Erfahrungsbericht zu diesem Wunschgedanken – denn aus meiner Sicht ist die Anfahrt mit der Bahn aus mehreren guten Gründe nimmer meine letzte Option.

In diesem Sinne

Martin

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