Ein kleiner Nachtrag zu einer Tour, die ich beinahe vergessen hätte, denn sie stand quasi am Beginn der alpinen Saison 2015 und liegt damit schon eine ganze Weile zurück: Mit dem Zug ging es aus der Kurpfalz in 4,5 Stunden nach Musau unterhalb des Raintals und ein bisschen hatte ich ja schon das Gefühl, in der Wildnis ausgesetzt zu werden: Von Kempten aus fuhr uns ein Dieseltriebzug der Baureihe 642 Richtung Reutte und unseren Haltewunsch in Musau mussten wir, wie in einem Bus, durch Drücken eines Knopfs mitteilen… In Musau gibt es nur ein Gleis, keine Bank, keinen Fahrkartenautomat, kein Wartehäuschen, keine Überdachung, einfach nichts, außer einer Bundesstraße neben dem Bahngleis. Entsprechend brachen wir zügig auf und stiegen im unmittelbar hinter dem Bahnhof (820 m) befindlichen Wald zur Musauer Alm (1290 m) auf. Unser Weg führte uns über die Achsel (1148 m) auf den Achselsteig und während man die erste Hälfte auf wurzeligen Steigen gehen darf, muss man die zweite Hälfte auf Fahrwegen gehen.

Gehrenspitze
Kurz vor der Musauer Alm mit Blick auf die Gehrenspitze und deren Westgrat (im Bild leicht rechts).

Nach einer Stunde, vom Musauer Bahnhof aus, erreichten wir die Musauer Alm am frühen Abend und verpflegten uns erstmal ausgiebig. Zwar war der Großteil des Weges zur Alm im schattigen Wald gewesen, dennoch schwitzten wir ordentlich und mussten unsere Flüssigkeitsreserven auffüllen, bevor wir nach einer ordentlichen Portion Kaspressknödel, beziehungsweise Speckknödel mit Kraut und einem Apfelstrudel weiter zum Gehrenjoch aufstiegen. Dort wollten wir nämlich biwakieren.

Gehrenspitze
Aufstieg zum Gehrenjoch. Links im Bild die Gehrenspitze mit dem Westgrat.
Gehrenspitze
Biwakplatz im Gehrenjoch mit Blick auf die Köllespitze im Hintergrund.

Das Gehrenjoch (1858 m) erreichten wir nach gut einer Stunde von der Musauer Alm aus über den Weg 416 und außer uns war weit und breit kein Mensch zu sehen. Es war sogar weitgehend windstill und es herrschte absolute Stille. Einzig eine Gruppe Gemsen schein es sich zu überlegen, mit uns das Nachtlager teilen zu wollen. Wir bauten rasch das Tarp auf und ich nutzte auch die Gelegenheit, meinen neuen selbstgenähten Biwaksack zu testen, als die Nacht einbrach. Richtig dunkel wurde es allerdings nicht, da wir fast Vollmond hatten.

Gehrenspitze
Blick vom Gehrenjoch  nach Südosten Richtung Reutte.
Gehrenspitze
Und langsam geht die Sonne unter…

Am nächsten Morgen standen wir früh auf und packten gemütlich unser Biwak ein. Mein Biwaksack hatte in Sachen Atmungsaktivität voll überzeugt, denn er war knochentrocken. Kein Kondenswassser auf der Innenseite, nichts! Damit war ich schon vor den ersten Metern Kletterei bestens gelaunt.

Vor uns lag nun der Westgrat (4-), der in mehreren Varianten gemacht werden kann. Wir entschieden uns für die kurze Variante, die unmittelbar über unserem Biwakplatz startet. Es ist schwer zu sagen, wie viele Seillängen der Westgrat hat, denn es gibt immer wieder Gehgelände im ersten Grad und wir seilten aus Bequemlichkeit nicht immer ab, so dass wir nicht so richtig mitzählen konnten.

Gehrenspitze
Der Westgrat der Gehrenspitze, sowie der Blick auf das Gehrenjoch mit dem Biwakplatz genau in der Mitte auf dem hellen Fleck.
Gehrenspitze
In weiten Teilen geht man am Westgrat der Gehrenspitze in sehr leichtem Gelände, unterbrochen von kurzen Stellen im vierten Grad. Um uns etwas Arbeit zu sparen übten wir das Gehen am laufenden Seil.

Wir starteten mit der kurzen Variante knapp überhalb des Gehrenjochs, unweit des Normalwegs und die ersten Meter im ersten Grad waren einfach zu kraxeln, bevor in der zweiten Seillänge dann erstmals der untere vierte Grad gefordert war und wir dann doch mal das Seil auspackten. Diese erste Stelle ist im Gegensatz zu den beiden nachfolgenden Schlüsselstellen im unteren vierten Grad nicht gesichert, lies sich dennoch problemlos klettern – trotz des großen und mit Biwakausrüstung ziemlich gut gefüllten Rucksacks. Die Kletterschuhe hatten wir übrigens zu Hause gelassen, der vierte Grat ist das Paradegelände für Zustiegsschuhe! In der dritten Seillängen entschärften zwei Bohrhaken sie Schlüsselstellten und insgesamt war damit klar, dass die Bewertung sehr moderat war.

Es folgten einige hundert Meter absoluter Genusskletterei, bis wir auf eine kleine Wand stießen, die durch zwei Bohrhaken gesichert die nächste Stelle im unteren vierten Grad markierte. Doch auch diese Stelle war schön zu klettern, auch mit großem Gepäck auf dem Rücken. Ein wenig später folgte der Reitergrat. In diese Seillänge ist es insgesamt recht luftig, aber umso freier und ausgesetzter fühlt man sich. Wir hatten herrliche Bedingungen und großen Spaß!

asd
Immer wieder schöne Passagen mit viel Panorama. Der Westgrad ist leicht und von Anfang bis Ende eine absolute Genusstour.

Der Westgrat führte uns vor dem Gipfel auf den Normalweg, der irgendwo im zweiten Grad angesiedelt ist. In lockerer Kletterei ging es, nun ohne Seil, zum Gipfel der Gehrenspitze (2163 m), den wir nicht ganz für uns alleine hatten, denn das gute Wetter zog noch andere über den Normalweg auf den Gipfel. Am Westgrat waren wir zuvor komplett alleine gewesen.

Gehrenspitze
Blick vom Normalweg kurz unterhalb der Gehrenspitze nach Westen zur Köllespitze.

Nach ausgiebiger Rast ging es in einer Stunde hinunter zur Gehrenalpe (1610 m). Dort wurden wir mit einem Willkommensschnaps begrüßt und im Anschluss aßen wir auch dort Kaspressknödel. Mittlerweile war es ziemlich heiß geworden und der Schnaps, das Essen und die Hitze liesen mich ziemlich müde werden. Zu gerne hätte ich mich hingelegt, doch wir wollten noch einen frühen Zug bekommen und so stiegen wir dann, zunächst zügig, dann von der Hitze geschlaucht, hinab zum Bahnhof in Reutte. Diesen erreichten wir nach etwa 1,5 Stunden, gerechnet ab der Gehrenalpe. Bei weniger Hitze, ohne kiloweise Kaspressknödel und vor allen Dingen ohne den Begrüßungsschnaps kann man sicherlich ein wenig flotter absteigen…

Nach erneuter Zugfahrt von etwa 4,5 Stunden waren wir in der Kurpfalz und hatten zwei herrliche Tage hinter uns, die vor allen Dingen durch die Anfahrt mit dem Zug und das Biwak sehr entspannt waren: Mittags um 12 Uhr waren wir in Heidelberg gestartet, am Tag danach waren wir um 19:30 Uhr wieder zurück und hatten eine herrliche alpine Kletterei hinter uns.

 Informationen zur Tour

  • Ein Topo findet sich bei bergsteigen.com. Während das Topo gut, hilfreich und ausreichend ist, sollte man die Beschreibung mit Vorsicht genießen, denn dort heißt es: „Bis auf die ersten drei Seillängen mit Bohrhaken gesichert. Die Abstände sind aber alpin. Ab dem Grat haben die Stände immer 2 Bohrhaken.“ Das ist so nicht richtig, denn es sind zwar durchaus Zwischenstände gebohrt, allerdings sind in den meisten Seillängen keine Bohrhaken. Lediglich, mit einer Ausnahme zu Beginn, an den Schlüsselstellen, finden sich Haken, aber sonst herrscht zwischen den Ständen alpines Gelände ohne Haken (die man aber auch nicht benötigt). Sehr schön übrigens das Übersichtsfoto mit Einstieg und Wegführung.
  • Auch der Panico Verlag hat einen Führer im Angebot, den Alpinkletterführer Allgäu und Ammergaue inkl. Tannheimer Tal. Dort findet sich auch die lange Variante.
  • Schlüsselstellen laut Topo 4- (UIAA) an drei Stellen. Die erste ungesichert, die anderen beiden mit Borhaken abgesichert. Hier und da eine Schlinge reicht; wir hatten Friends und Keile zu Hause gelassen. Längste Seillänge hat 60 m, wir waren mit 2x 50 m Halbseilen unterwegs – geht auch, wenn man diese lange Seillänge etwas kürzt, in dem man den Stand aus der Seillänge zuvor kommend recht spät macht oder die Seillänge in der Schlüsselstelle teilt.
  • Eine Wanderkarte findet man bei Kompass; digital im Rahmen der Vorbereitung kann man sich auch hier bei Kompass umschauen.
  • Der Bahnhof in Reutte hat keinen Fahrkartenautomat und der Schalter hat bis 16 Uhr geöffnet (zumindest an Werktagen). Dort wird ausschließlich Bargeld akzeptiert. Laut Schalterbeamten hat es im Supermarkt 100 m in Sichtweite vom Bahnhof einen Geldautomaten (Bankomat).
  • Gehzeiten: Musau (820 m) – Musauer Alm (1290 m): 1 Stunde (eher flott), Musauer Alm – Gehrenjoch (1858 m): 1 Stunde (eher flott), Gehrenjoch – Westgrat – Gehrenspitze (2163 m): 3,5 Stunden (gemütlich); Gehrenspitze – Normalweg – Gehrenalpe (1610 m):1 h (eher flott); Gehrenalpe – Reutte Bahnhof (850 m): 1,5 h (anfangs flott, dann von Hitze, Kaspressknödeln und dem Begrüßungsschnaps der Hütte gezeichnet…)
  • Auf der Musauer Alm sind die Specknödel besser als die Kaspressknödel; auf der Gehrenalpe ist es umgekehrt.

In diesem Sinne

Martin

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