Das Tannheimer Tal ist weithin bekannt für seine alpine Kletterei – oder vielmehr für die Kletterei in alpinem Gelände, denn der Großteil der Routen an Gimpel, Roter Flüh, Hochwiesler, Zwerchwand und co. ist gut mit Bohrhaken abgesichert und daher gar nicht so sehr alpin. Lediglich die Länge, sowie das Panorama und die Errechbarkeit der Routen unterscheiden sich von Sportkletterngebieten mit Kalkfelsen. Vom Tannheimer Tal hatte ich viel gehört und da ich noch nie vor Ort gewesen war, befand ich, dass die Zeit gekommen war diesen Umstand zu ändern. Mit meinem Kletterpartner aus Schwaben fuhr ich also gemeinsam ins Tannheimer Tal, um mir selbst ein Bild von der Kletterei zu machen. Das Wetter war halbwegs stabil angekündigt und mir schwarnte schon von Anfang an, dass viele Kletterer die schönen Herbsttage nutzen wollten und es in den Routen etwas Betrieb geben könnte.

asd
Blick vom Parkplatz an der Talstation der Seilbahn zur Versorgung des Gimpelhauses. Die höchste Erhebung im Bild ist die Rote Flüh, dahinter liegt der Gimpel, den man allerdings nicht erkennen kann. Rechts daneben der Hochwiesler und auf der Schulter weiter rechts kann man die Bettenburg des Gimpelhauses erkennen.

An der Seilbahn zur Versorgung des Gimpelhauses parkten wir und nach etwa 45 Minuten erreichten wir auch das Gimpelhaus, wo wir später noch zu nächtigen gedachten. Das Gimpelhaus ist gigantisch groß, bietet Platz für zahlreiche Übernachtungsgäste und es gleicht einem Ameisenhaufen, denn alles ist am Wuseln. Alpine Einsamkeit sieht anders aus, doch die unweit gelegene Tannheimer Hütte war leider schon ausgebucht gewesen. Vom Gimpelhaus aus waren wir in etwa einer halben Stunde am Fuß des Gimpelvorbaus, an dem wir eine erste Route klettern wollten.

asd
Der Gimpel (links), mit seinem Vorbau. Mit etwas Fantasie kann man das schräge Band erkennen, auf dem es aus dem Tal kommend über den Normalweg zum Gipfel geht. Davor, quasi unterhalb des schrägen Bands, die Kletterrouten des Südostvborbaus. Ganz rechts der westliche Teil der Zwerchwand.
Unser
Noch einmal der Gimpel, mit der in rot angedeuteten Route Paradies (6+) am Südostvorbau.

Zwar waren wir schon oft gemeinsam klettern, aber noch nie zuvor alpin und daher wollten wir es zunächst langsam angehen lassen. Nicht zu schwer, nicht zu lang. Unser Ziel war die Route Paradies (6+), mit rund 130 m eher kurz, jedoch genau richtig zum Einstieg. Außerdem beschlossen wir über die Schrofen des Vorbaus zum Normalweg vorzustoßen, um weiter auf den Gimpel zu gelangen. Wer kein Seil parat hat, findet hier übrigens eine Beschreibung, wie es auch ohne Kletterei aber dennoch recht alpin auf den Gimpel geht.

Die Kletterei im Paradies war gut, der Fels typisch Kalk und entsprechend stellenweise auch mal nicht ganz so fest. In einer kurzen Querung vor der letzten Seillänge  hatte ich einen Griffausbruch, was jedoch kein Problem war, da ich sehr stabil stand. Problematisch hingegen war der Andrang, denn zwei Seilschaften waren unmittelbar hinter uns unterwegs. Trotz größter Sorgfalt beim Greifen und Treten herrscht nämlich stets ein latentes Steinschlagrisiko und mir persönlich ist es ein Rätsel, wie man sich freiwillig diesem Problem so aussetzen kann, wie die meisten es machen. Doch sei es drum, diese Entscheidung muss jeder für sich treffen. Wir gingen am Ende der Route über Schrofen zum Normalweg und dann weiter zum Gipfel, wo wir mit einem schönen Panorama belohnt wurden.

asd
Blick nach Nordosten, zwischen Aggenstein (links) und der gerade noch am rechten Bildrand zu erkennenden Köllen- oder Kellenspitze (siehe peakfinder.org).
asd
Das Tannheimer Tal im Ausblick vom Gimpel nach Süden. Ganz links im Vordergrund die Köllenspitze, rechts im Vordergrund mit gut erkennbarem Wanderweg die Rote Flüh (siehe auch peaklfinder.org)
asd
Die Kellenspitze, östlich des Gimpels und mit diesem über die Zwerchwand verbunden. Dahinter das Wettersteinmassiv mit der Zugspitze (siehe peakfinder.org).
asd
Vom Parkplatz im Tal sah sie noch mächtig aus, vom Gimpel herabblickend dann nicht mehr: Die Rote Flüh.

Zurück im Tal war es schon etwas zu spät für eine weitere Route, aber früh genug, um auf dem Gimpelhaus noch lecker Kuchen zu essen und den späten Nachmittag beziehungsweise den Sonnenuntergang zu genießen. Ein Update bezüglich des Wetterberichts versprach für den nächsten Tag Regen zur Mittagszeit und daher planten wir dann erneut keine ganz lange Tour, sondern einen Ausflug zur Linie 2005 (6-) an der Zwerchwand.

Die Route ist nicht ganz so schön wie das Paradies, aber lohnend ist sie allemal. Einzig die erste Seillänge führt durch Schrofen, nach oben hin wird es dann aber ab der zweiten Seillänge besser. Am ersten Stand hängend konnte ich dann sehen, wie vom Gimpelhaus kommend die Kletterer wie die Ameisen zu den Zustiegen pilgerten. Entsprechend nervig war hier erneut der Andrang, denn der Vorsteiger der Seilschaft nach uns kletterte im Abstand von maximal zwei Metern unserem Nachsteiger hinterher. Überholen wollte er aber auch nicht, erst in der letzten Seillänge und auch erst nachdem unser Vorsteiger schon oben war wollte er sich plötzlich durchschieben. Überholen am Stand ist ja OK, aber zwischendrin?! Muss man nicht verstehen. Der Fels in der Zwerchwand war deutlich loser als am Tag zuvor und umso weniger konnte ich verstehen, wie man direkt hinter oder unter einer Seilschaft herklettern kann, zumal in der Route die Stände meist seitlich versetzt und ganz gut vor Steinschlag geschützt waren. Warum stehen die Leute nicht früher auf oder warten ein wenig?! In festem Gestein wie Gneis und Granit kann man das vielleicht noch machen, doch im nicht immer festen Kalk halte ich das für fahrlässig.

Richtig nervig wurde der Andrang dann aber beim Abseilen zurück zum Einstieg, denn als ich im zweiten Abseilstand wartete bis das Seil frei war, schlug neben mir ein von den nächsten Kletteren über mir losgetretener kopfgroßer Stein ein. Gerade weil man Steinschlag trotz größter Sorgfalt nicht immer vermeiden kann, sollte man beim Abseilen etwas Warten und Abstand lassen.

Obwohl es zwischenzeitlich richtig windig gewesen war und dunkle Wolken am Horizont standen, blieb es trocken. Für eine weitere Route war es trotzdem zu spät, denn es stand ja noch die Heimfahrt an. Also versorgten wir uns am Gimpelhaus mit Kuchen und stiegen ab, wo dann mit dem Zuziehen der Autotür doch noch der angekündigte Regen einsetzte. An das Tannheimer Tal werde ich mich mit gemischten Gefühlen erinnern. Sicherlich wird es nicht mein letzter Besuch gewesen sein, denn es gibt noch zahlreiche tolle Routen dort. Aber es war sicherlich das letzte mal, dass ich an einem Wochenende dort war, denn der Trubel auf dem Gimpelhaus und der Andrang in den Routen war mir doch zu viel.

Ein paar Informationen zum Gebiet

  • Panico hat auch hier einen Führer im Angebot, der Alpinkletterführer Allgäu und Ammergauer deckt alles ab. Auch Toni Freudig hat einen Führer im Angebot.
  • Die Tannheimer Hütte ist mit 18 Lagern geradezu winzig, verglichen mit dem Gimpelhaus, in dem rund 230 Gäste übernachten können. Allerdings ist es problemlos möglich, bis nachts um 22 Uhr am Gimpelhaus anzukommen. Aus der Kurpfalz kommend schafft man es also noch nach Feierabend bis ins Lager.
  • Die Kletterei ist meist gut gesichert, der Führer weißt daraufhin, wann ein Satz Keile oder Klemmgeräte Sinn macht. Geklettert wird an Kalk – der ist zwar weitgehend gut, aber dennoch nicht immer so fest, dass man Steinschlag vernachlässigen sollte.
  • Wer nicht klettern will kann im Tannheimer Tal auch wandern oder klassische Bergtouren unternehmen – zum Beispiel über den Normalweg auf den Gimpel.
  • Am Parkplatz der Materialseilbahn zur Versorgung des Gimpelhauses braucht man Münzen. Wir hatten natürlich keine da und mussten erstmal beim Bäcker in Nesslwängle wechseln. Mit 4 EUR für zwei Tage super günstig.
  • Früh aufstehen, früh am Enstieg sein und dann als erste Seilschaft einsteigen. Am besten an einem Werktag.

In diesem Sinne

Martin

P.S: Dieser Beitrag enthält Werbelinks.

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.