Make Your Own Gear – Biwaksack

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Wenn man eine alpine Tour angeht gehört ein Biwaksack in jeden Rucksack. Ein Wetterumsturz kann trotz mittlerweile guter Prognosen immer auftreten und auch wenn das Wetter stabil bleibt kann es durchaus sein, dass man etwas mehr Schutz benötigt. Zum Beispiel wenn es zu einem Unfall kommt und ein Abtransport des Verletzten nicht sofort möglich ist. Bricht dann die Nacht ein, ist man um jede Lage Stoff, die vor der Außenwelt schützt, dankbar. Da ich bei meinen Hochtouren bisher immer in Hütten übernachtet habe, hatte ich stets nur einen kleinen Notfallbiwaksack dabei, den ich – toi toi toi – bisher noch nie gebraucht habe. Die Anforderungen an solch eine Notfallösung sind einfach: Möglichst klein, möglichst leicht. Die wohl am weitesten verbreitete Lösung stellt der Mountain Equipment Ultralite Biwaksack dar, den auch ich habe: Das Gewicht liegt nur knapp über 100 g und mit 20 EUR ist er auch ausgesprochen günstig. Es gibt sogar eine Variante für zwei Personen. Der Haken an der Sache: Der Sack ist aus einem ähnlichen Material gefertigt wie Notfalldecken im Erstehilfekoffer. Daher kann man darin zwar ganz gut im Notfall eine Nacht verbringen, mehrfach nutzen kann man diesen Sack jedoch nicht.

Wenn es darum geht eine Tour zu unternehmen, bei der ein geplantes hochalpines Biwakansteht, liegt das Anforderungsprofil hingegen etwas anders. Da auch ich mich künftig etwas unabhängiger von Hütten bewegen möchte, war es also an der Zeit mich nach einem Biwaksack umzuschauen. Dabei sind folgende Kriterien für mich am wichtigsten:

  • Wasserdichtigkeit
  • Atmungsaktivität
  • Robustheit
  • genügend Platz für Schlafsack und Isomatte, auch in Seitenlage
  • Gewicht
  • Preis

Wasserdichtigkeit, Atmungsaktivität und Robustheit sind für mich absolut essentiell und teilen sich auf der Prioritätenliste den ersten Platz. Wasserdichtigkeit und Robustheit sind sicherlich jedem auf Anhieb klar, doch Atmungsaktivität scheint vielleicht zunächst nicht für jeden verständlich. Allerdings sei an dieser Stelle gesagt, dass der Mensch im Schnitt etwa 0,5 l Wasser durch Schweiß pro Nacht verliert und wer am nächsten Morgen nicht im eigenen Saft aufwachen möchte, der greift lieber zu einem atmungsaktiven Biwaksack. Außerdem möchte ich natürlich, dass der Sack so weit geschnitten ist, dass ich samt Schlafsack und Isomatte darin Platz finde, sprich die Isomatte auch etwas Schutz bekommt. Um nicht wie eine Wurst in der Pelle darin zu liegen, sollte soviel Platz sein, dass ich auch in Seitenlage darin schlafen kann, beziehungsweise auch ohne großen Aufwand in den und aus dem Sack gelangen kann. Das Gewicht ist ebenso ein nicht zu vernachlässigender Faktor, jedoch spielt dies für mich eine untergeordnete Rolle. Jedes Gramm mehr ist gutes Training und am meisten Gewicht spart man schließlich nicht am Material, sondern an der Hüfte. Zu guter Letzt freue ich mich natürlich auch, wenn der Sack auch noch halbwegs günstig ist.

Mit all diesen Kriterien im Hinterkopf habe ich mir das angeschaut, was auf dem Markt verfügbar ist und nachstehend findet sich eine kleine Übersicht über die ersten Biwaksäcke, die man bei diversen bekannten Händlern im Netz bekommt. Die Liste ist natürlich bei weitem nicht vollständig, gibt aber eine Idee, was derzeit verfügbar ist und wo diese Biwaksäcke bezüglich Gewicht, Funktion und Preis rangieren.

  • Rab Survival Zone Bivi – 440 g – 150 EUR
  • Rab Alpine Bivi (atmungsaktiv) – 470 g – 270 EUR
  • MSR AC-Bivy (atmungsaktiv) – 450 g – 200 EUR
  • Carinthia (atmungsaktiv) – 1000 g – 350 EUR
  • Mountain-Equipment Ion Bivi (atmungsaktiv) – 280 g – 140 EUR

Während ich also die verfügbaren Modelle verglich, kam mir plötzlich eine Idee: Einer meiner Partner bei Hochtouren hatte sich im Jahr zuvor ein Tarp geschneidert und war in etwa zeitgleich dabei, sich eine Kletterhose zu nähen. Eigentlich müsste es doch möglich sein, selbst einen Biwaksack zu nähen? Angepasst, an die eigenen Vorstellungen, ganz nach meinen persönlichen Vorlieben. Das Make Your Own Gear (MYOG) Projekt Biwaksack war geboren und ich machte mich an die Planungen.

Jedes gute Projekt bedarf einer guten Planung.
Jedes gute Projekt bedarf einer guten Planung.

Als absoluter Neuling auf dem Gebiet der Textilverarbeitung stellte mich das ganze vor zwei Herausforderungen: Die erste war die Auswahl des Materials und die wesentlich größere Herausforderung war ein passender Schnitt. Das Material war ein einfach lösbares Problem: Bei extremtextil.de bestellte ich diverse Stoffmuster atmungsaktiver und wasserdichter Stoffe und konnte danach in aller Ruhe aussuchen. Meine Wahl viel letztlich auf ein ultraleichtes 2-Lagen Laminat für die Oberseite (50 g/m²), sowie robusteres 3-Lagen Laminat für die Unterseite (90 g/m²). Beide Stoffe sind mit Ripstop gegen Durchreißen geschützt. Zusätzlich erstand ich noch Seamtape, um später die Nähte abdichten  zu können. Zugegeben, es gibt deutlich leichtere Stoffe als die beiden von mir gewählten Laminate, aber an dieser Stelle sein erwähnt, dass in meiner Prioritätenliste die Funktion vor dem Gewicht stand. Form follows function, wenn man so will. Denn was nützt mir der leichteste Biwaksack, wenn ich darin im eigenen Schweiß ertrinke oder er nicht wirklich wasserdicht ist?

Die einzelnen Stoffe zum Schneidern des Biwaksacks: In rot das dünne 2-Lagen Laminat für die Obderseite, in schwarz die robustere 3-Lagen Variante für die Unterseite. Dazu noch eine Stoffbahn Tyvek, die ich als Unterlage zu nutzen gedenke. Ganz rechts am Rand das Seamtape, zum Abdichten der entstehenden Nähte.
Die einzelnen Stoffe zum Schneidern des Biwaksacks: In rot das dünne 2-Lagen Laminat für die Obderseite, in schwarz die robustere 3-Lagen Variante für die Unterseite. Dazu noch eine Stoffbahn Tyvek, die ich als Unterlage zu nutzen gedenke. Ganz rechts am Rand das Seamtape, zum Abdichten der entstehenden Nähte.

Das deutlich größere Problem war das Schnittmuster, denn meine Erfahrung beim Nähen war gleich Null. Meine Erinnerungen an Textiles Werken in der Grundschule waren verblasst und mit der Nähmaschine hatten wir damals ohnehin nicht gearbeitet. Da ich noch nie an einer Nähmaschine saß, wollte ich den Schnitt so einfach wie möglich gestalten und entschied mich für einen einfachen rechteckigen Schnitt mit einem Kordelzug am Kopfteil.

Schnittmuster für meinen Biwaksack. Die farbigen Ränder geben an, welche Seiten jeweils mit welcher Seite vernäht wurden.
Schnittmuster für meinen Biwaksack. Die farbigen Ränder geben an, welche Seiten jeweils mit welcher Seite vernäht wurden.

Vor der eigentlichen Aktion half mir mein Tourenpartner noch beim Ausmessen und am Tag danach ging es zu dessen Eltern, um dort gemeinsam an der Umsetzung dessen zu arbeiten, was mir so vorschwebte – denn schließlich hatte ich ja weder Nähmaschine noch Ahnung von deren Gebrauch. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank für all die Hilfe, ohne die das alles nicht möglich gewesen wäre!

Zurück zum Schnittmuster: Das Oberteil wird am Fußteil zu einem „Kasten“ vernäht und anschließend auf die Unterseite „aufgesetzt“. Allein an meiner professionellen Beschreibung dieser Schritte kann man schon meine Erfahrung beim Nähen abschätzen. Zunächst nahmen wir also Maß und trugen die oben eingezeichneten Maße auf den Textilien ab. Dabei muss man beachten, dass Schneiderkreide nur sehr bedingt auf Laminat zeichnet. Besser ist hierzu ein Fasermaler geeignet. Das Kopfende des Bodenteils rundete ich am Ende zu den Seiten hin ab. Das ganze würde es hinterher komplizierter machen, einen Tunnelzug einzubauen, aber so viel Erfahrung hatte ich nicht, dass mit das zu diesem Zeitpunkt eingefallen wäre.

Im nächsten Schritt musste ich lernen, mit der Nähmaschine umzugehen. Im Grunde ist die Bedienung überschaubar, dennoch braucht man Fingerspitzengefühl und wenn es genau werden soll auch etwas Erfahrung. Die war bei mir natürlich Fehlanzeige, aber das Gute am Projekt Biwaksack war sicherlich, dass ein Biwaksack ein sehr dankbares Vorhaben ist, bei dem letztlich nicht die höchstmögliche Präzision erforderlich ist.

Höchste Konzentration beim Nähen. Mein erstes Mal an der Nähmaschine.
Höchste Konzentration beim Nähen. Mein erstes Mal an der Nähmaschine.

Nachdem Ober- und Unterseite fest miteinander vernäht waren, musste ich noch den Kanal für den Kabelzug am Kopfteil nähen. Danach die Nähte mit Seamtape abdichten und eine elastische Kordel inklusiver Kordelstopper anbringen – fertig war der Sack!

 

Der fertige Biwaksack, leer und ohne Schlafsack oder Isomatte.
Der fertige Biwaksack, leer und ohne Schlafsack oder Isomatte.

Nach dem Fertigstellen wollte ich natürlich testen, ob der Biwaksack meinen Erwartungen entspricht. Zunächst probierte ich also aus, ob alles in den Sack passt und ob ein problemloser Einstieg möglich ist, beziehungsweise ob man sich im Biwaksack auch dann noch bewegen kann, wenn man im Schlafsack auf einer Isomatte liegt.

Biwaksack gefüllt mit Isomatte und Schlafsack.
Biwaksack gefüllt mit Isomatte und Schlafsack.

Beides war überhaupt kein Problem: Über die verlängerte Unterseite kann man bequem alles in den Sack schieben und im Anschluss auch selbst einsteigen. Das Schließen des Kordelzugs klappte nicht ganz so leicht wie ich mir das vorstellte, vor allen Dingen weil der Stoff so leicht ist. Dennoch taugt es zum Abschließen des Sacks. Im Sack hat man dann dank des weiten Schnitts noch genügend Platz zum Drehen und Wenden. Auch das Öffnen des Schlafsacks ist noch möglich und man fühlt sich nicht wie in einer Wurst. Ein engerer Schnitt hätte sicherlich ein paar Gramm gespart, aber wäre definitiv auf Kosten der Funktionalität gegangen.

Ausreichend Platz: Durch den weiten Schnitt findet sich genügend Platz im Biwaksack, um Isomatte (hier die Therm-A-Rest NeoAir Xtherm) und dicken Schlafsack (Mountain Equipment Helium 800) im Biwaksack unterzubringen. Das Kopfteil ist weit genug, um bewuem einzuschlüpfen und gleichzeitig mit dem Kordelzug den Sack nach oben hin zu verschließen.
Ausreichend Platz: Durch den weiten Schnitt findet sich genügend Platz im Biwaksack, um Isomatte (hier die Therm-A-Rest NeoAir Xtherm) und dicken Schlafsack (hier der Mountain Equipment Helium 800) im Biwaksack unterzubringen. Das Kopfteil ist weit genug, um bequem einzuschlüpfen und gleichzeitig mit dem Kordelzug den Sack nach oben hin zu verschließen.

Die nächste Quizzfrage war für mich die nach der Dichtigkeit. Hierzu zunächst einmal ein Blick auf die mit Seamtape versiegelten Nähte. Das Aufbringen war wirklich einfach gewesen, mit einem Bügeleisen und der Anleitung von extremtextil.de folgend war das kein Hexenwerk. Lediglich an den Kanten mit drei Nähten (Fußteil) muss man aufpassen.

Die Innenseite der mit Seamtape abgedichteten Nähte. Auf der oberen Bildhälfte in weiß die dünne Membran des Oberstoffs, etwas dunkler darunter das Gewebe des robusteren Unterstoffs.
Die Innenseite der mit Seamtape abgedichteten Nähte. Auf der oberen Bildhälfte in weiß die dünne Membran des Oberstoffs, etwas dunkler darunter das Gewebe des robusteren Unterstoffs. In der Mitte entsprechend das Seamtape, darunter (nicht sichtbar) die Naht.

Das Tape hat nicht nur den Vorteil, dass es die Naht abdichtet, sondern sorgt auch dafür, dass man nichts versäumen muss und erhöht gleichzeitig die Stabilität der Naht. Nach anfänglichen Tests hatten wir uns bezüglich der Naht im Übrigen für einen einfachen Geradstich mit kurzer Stichweite entschieden, denn das verband im Vorfeld die Stoffe so fest, dass ich sie nicht auseinander reißen konnte. Zusätzlich ist der Faden so ausgerüstet, dass er bei 120 °C, also beim Aufbügeln des Seamtapes, leicht mit der Umgebung verschmilzt. Auch das trägt zur Festigkeit bei. Doch wie sieht es mit der Dichtigkeit aus? Hierzu sorgte ich für etwas Wasser über den Nähten.

Hält dicht: Wasser über der Naht am Übergang zwischen Ober- und Unterseite.
Hält dicht: Wasser über der Naht am Übergang zwischen Ober- und Unterseite.

An den Bläschen gut zu erkennen ist die wasserabweisende Oberfläche. Nach dem Test schüttelte ich kurz am Sack und alles Wasser war weg – die Oberfläche blieb trocken zurück. Im nächsten Schritt drehte ich den Sack auf links und füllte ihn (über der Badewanne) mit Wasser.

Hält! Der auf links gedrehte Biwaksack hält dicht!
Hält! Der auf links gedrehte Biwaksack hält dicht!

Man muss beim Nähen, beziehungsweise beim Versiegeln mit Seamtape, vor allen Dingen an den Kanten mit drei Nähten aufpassen, aber insgesamt bin ich mir sicher, dass ich in diesem Sack nicht nass werde.

Anfangs hatte ich die Punkte Wasserdichtigkeit, Atmungsaktivität, Robustheit, genügend Platz für Schlafsack und Isomatte (auch in Seitenlage), sowie Gewicht und Preis als Kriterien aufgezählt, die mir wichtig waren. Platz und Wasserdichtigkeit konnte ich schon prüfen, bleiben noch Atmungsaktivität, Robustheit, Gewicht und Preis. Zum Praxistest der Atmungsaktivität werde ich erst noch kommen, das lässt sich zu Hause nur bedingt prüfen. Allerdings bin ich optimistisch, denn den Herstellerangaben nach ist der Stoff wirklich extrem atmungsaktiv. Die Robustheit wird sich auch erst im Laufe der Zeit herauskristalisieren, allerdings scheinen mir zumindest die Nähte sehr stabil. Bin gespannt, ob ich hier richtig liege und wie abriebfest das Material der Unterseite wirklich ist.

Bleibt noch das Gewicht. 377 g inklusive Kordel und Stopper. Das ist mit den eingangs erwähnten kommerziellen Konkurrentern verglichen ein ganz guter Wert, jedoch sicherlich bei weitem nicht das Optimum. Es gibt genügend leichtere Stoffe, so dass hier einiges an Optionen besteht, jedoch war mir das Gewicht nicht ganz so wichtig wie Atmungsaktivität und Wasserdichtigkeit – und bei diesen beiden Punkten muss man dann Abstriche machen, wenn man leichtere Textilien wählt.

Zu guter Letzt noch der Preis. Um die 70 EUR. Auch hier gibt es noch Raum für Sparfüchse, allerdings schnell auch Abstriche an der Funktion, sprich Atmungsaktivität und Wasserdichtigkeit. Außerdem darf man hier natürlich auch nicht die eigene Arbeitszeit einberechnen, denn da kam schon ein bisschen was zusammen. Rund ein Arbeitstag jeweils für Ausführung und Planung. Hier kann man mal überlegen, was man so pro Stunde verdient und dann fährt man mit gekauftem Biwaksack natürlich schnell mehr als deutlich günstigter.

Abschließend und vorbehaltlich dessen was ich nun in der Anwendung noch an Erfahrungen sammeln werde kann ich sagen, dass mir das ganze großen Spaß gemacht hat und ich den ersten Einsatz kaum erwarten kann. Wenn man, wie ich, in der Forschung tätig ist, sieht man im Regelfall nur wenig von dem, was man den ganzen Tag über so arbeitet. Ganz anders ist es hingegen beim Nähen eines Biwaksacks, denn man kann nach wenigen Stunden das Ergebnis unmittelbar in Händen halten. Das ganze hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich mir mittlerweile eine Nähmaschine gekauft habe und der Stoff für das nächste Projekt schon unterwegs ist…

In diesem Sinne

Martin

6 thoughts on “Make Your Own Gear – Biwaksack

  1. Hallo Andrin,

    folgende Stoffe habe ich verwendet:
    Oberseite: https://www.extremtextil.de/2-lagen-laminat-ultraleicht-pattern-ripstop-50g-qm.html?number=71414.SW (Link aktualisiert am 19.03.2018).

    Unterseite: http://www.extremtextil.de/catalog/3-Lagen-Laminat-elastisch-Pattern-Ripstop-Ezanagi-Membran-90g-qm::2390.html (Update vom 19.03.2018: Diese Material gibt es nicht mehr bei Extremtextil… der Link ist entsprechend tot)

    Du siehst auf dem ersten Bild auch die Stoffmuster, die ich angefordert hatte. Das würde ich dir auch anraten, dann kannst du ein paar verschiedene Stoffe vergleichen…

    Grüße
    Martin

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