Bergliteratur: Ralf-Peter Märtin – Nanga Parbat. Wahrheit und Wahn des Alpinismus

Allgemein

Es gibt Berge, anhand derer Geschichte man auch die Geschichte des Bergsteigens erzählen kann. Zu diesen Bergen zählt der Nanga Parbat, der mit 8125 m Höhe der neunthöchste Berg der Erde ist und dessen Grate und vor allen Dingen Wände immer wieder Einzug in die Geschichtsbücher des Alpinismus fanden. Dass Ralf-Peter Märtin diesem Berg ein Buch widmet liegt auf der Hand und glücklicherweise ist er auch ein Autor, der es versteht nicht nur die Geschichte eines Berges zu erzählen, sondern gleichzeitig immer wieder auszuholen und die Geschichte des Bergsteigens gleich mit zu erzählen.

Der obere Teil der Rakhiot-Flanke (Nordwand) des Nanga Parbat. Links der Silberzacken und das Silberplateau (das große Schneefeld). Rechts des Gipfels die Diamir-Flanke (Westwand), darüber der Mazeno-Kamm (ganz rechts), darunter der Ganalo-Kamm, der Rakhiot- und Diamir-Flanke trennt, mit dem Diama-Gletscher. Bild von Guilhem Vellut [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Worum geht es?

Ralf-Peter Märtin erzählt in seinem Buch Nanga Parbat. Wahrheit und Wahn des Alpinismus die Geschichte der Besteigungsversuche und Besteigungen des Nanga Parbats. Dabei beginnt er bei der Entdeckung des Berges, erzählt von den ersten Besteigungsversuchen durch Mummery & Co, geht über zu den Versuchen der Deutschen vor dem zweiten Weltkrieg und beschreibt selbstverständlich auch die  Erstbesteigung durch Hermann Buhl, sowie die heiß diskutierte Überschreitung durch Reinhold Messner 1970, bei der er er seinen Bruder Günther verlor. Faszinierend und spannend ist allerdings, dass im Buch nicht nur auf den Nanga Parbat eingegangen wird, sondern immer wieder die Expeditionen in den zeitlichen Kontext des Bergsteigens der jeweiligen Zeit gesetzt werden. Märtin dokumentiert auf wirklich spannende Art und Weise, wie der Berg zum „Schicksalsberg der Deutschen“ wurde und welch tragende Rolle der Nazionalsozialismus bei den Besteigungsversuchen der 1930er Jahre hatte. Man erfährt quasi an der Geschichte des Nanga Parbats erzählt auch, wie der DAV von den Nationalsozialisten eingenommen wurde (beziehungsweise sich dem Nationalsozialismus bereitwillig unterordnete), wie es zu einem Wettlauf der Nationen um die Achttausender kam und auch wie sich mit den Begehungen am Nanga Parbat der Alpnismus im Allgemeinen wandelte: So streitbar der Expeditionsleiter Karl-Maria Herrligkoffer auch war, so erfolgreich war er im Einwerben von Geldern und sorgte dadurch dafür, dass die Finanzierung großer Expeditionen nicht mehr durch einen Nationalstaat, sondern durch private Geldgeber erfolgte. Ebenso wird erzählt, wie Messner den Alpinstil an die hohen Berge brachte und damit zwar zeigte, dass auch mit wengiger Budget als für die damals üblichen gigantischen Expeditionen erfolgreich an den Achttausendern gestiegen werden kann, aber wie sich damit auch der Anspruch an die Ethik der Besteigungen änderte (Stichwörter sind hier Flaschensauerstoff, Hochträger und Fixseile). Das Buch gibt also definitiv deutlich mehr her, als nur die Geschichte des Nanga Parbat und ich muss sagen, dass ich von der Unmenge an Quellen beindruckt bin, durch die sich der Autor Ralf-Peter Märtin gearbeitet hat, um dieses Buch zu schreiben. Dabei erwähnt werden wirklich alle Facetten des Bergsteigens, zum Beispiel auch der in den 1950er und 1960er Jahren übliche Einsatz von Drogen/Doping in Form von Pervertin (wie auch bei Buhls Erstbesteigung 1953).

Wie ist es geschrieben

Wer vermutet, dass es sich bei einem Geschichtsbuch um trockene und zähe Materie handelt, der irrt! Zum einen liegt das daran, dass Märtin wirklich sehr kurzweili schreibt, zum anderen aber auch an der Tatsache, dass er unfassbar viele Informationen zusammengetragen hat und diese geschickt einzusetzen weiß. Immer wieder zitiert er wörtlich aus Expeditionsberichten, Büchern der Protagonisten oder auch Briefen von Expeditionsteilnehmern. Dadurch gewinnt das Buch und man bekommt einen deutlich besseren Einblick.

Mummery an seine Frau: „Ich glaube nicht, dass wir am Nanga irgendwelche erntshaften alpinen Schwierigkeiten finden werden, auch hat er viel weniger Hängegletscher, als ich angenommen hatte. Die Ersteigung wird wohl hauptsächlich eine Frage der Ausdauer sein. Sorge Dich nicht um uns, irgendwelchen Schwierigkeiten werden wir nicht begegnen.“ Schon am nächsten Tag war der Brief Makulatur.

Insbesondere bei der Schilderung der 1930er Jahre wird durch die wörtlichen Zitate unheimlich eindeutig, wie weit weg das Bergsteigen während der Nazizeit vom Alpinismus war, und wie sehr es ideologisch genutzt wurde. Die Wortwahl der damaligen Berichte erinnert weniger an Expeditions- als mehr an Kriegsberichte:

Am 6. August blies Bauer endgültig zum Rückzug. Dass es diesmal keine Opfer zu beklagen gab, erklärte er als den eigentlichen Erfolg der Expedition: „Der Bann des Berges ist gebrochen“. Das heldengierige, opferwillige Deutschland war dennoch enttäuscht. Der persönliche Referent und „Chefideologe“ des neuen Alpenvereinsführers, Meinhard Sild, schrieb in seinem Aufsatz zum Thema „Bergsteigen als Rüstung“: „Opfer müssen fallen; ihre Zahl ist bedeutungslos. Opfer sind notwendig; diese Einsicht entspringt der Härte der kriegischen Haltung und verleiht jene Überlegenheit, auf die es ankommt“

Ganz nebenbei erfährt man übrigens auch, dass bei der Herrligkoffer Expedition von 1970, bei der wie erwähnt Reinhold und Günther Messner teilnahmen, auf 5800 m Höhe eine Seilweinde stand, die man zur Beförderung der Lasten nutzte. Aus Messners Mund hatte ich bisher noch nie gehört, dass er mit solch technischen Mitteln am Berg unterwegs war… Kurzweilig ist das Buch übrigens auch deshalb, weil immer wieder ein Hauch Ironie zwischen den Zeilen durchschimmert:

Vielleicht werden aber spätere Generationen Herrligkoffers Bücher gerade deswegen schätzen, weil sie uns verraten, dass neben 50 Dosen Sauerkrau und 2 kg Atemgold auch 800 Dosen Bier (44 pro Teilnehmer) und 50 Liter Schnaps (verschämt als „für die Hochträger“ deklariert) im Basislager vorhanden waren. Geradezu großzügig disponierte Herrligkoffer beim Klopapier. Mit insgesamt 300 Rollen war dafür gesorgt, dass die Firn- und Eishänge des Nanga Parbat weiß und rein blieben.

Einzig das Kapitel Berg der Zwietracht III ist meines Erachtens nach etwas langatmig geraten. In diesem Kapitel geht es um die in den ersten 2000er Jahren  medial äußerst laut geführte Diskussion zwischen Messner und anderen Teilnehmern der 1970er Expedition. Schon unmittelbar nach Ende der Expedition stand Messner am Pranger (Berg der Zwietracht II) und musste sich öffentlich mit den Anschuldigungen und Behauptungen des Expeditionsleiters Herrligkoffer auseinandersetzen. Knapp dreißig Jahre später, nach dem Tod Herrligkoffers, flammte diese Diskussion erneut auf – diesesmal jedoch geführt zwischen anderen Expeditionsteilnehmern und Messner. Märtin versucht hier detailliert wiederzugeben, wer in welchem Medium welchen Vorwurf vorbrachte, doch das gerät leider etwas langatmig. Zwar zitiert Märtin hier auch die Gegner Messners, bezieht aber klar Stellung und schlägt sich auf Seiten Messners. Durch die Tatsache, dass Märtin mehrfach mit Messner auf Expedition war, bin ich leider nicht sicher, wie ausgewogen hier die Schilderung wirklich ist. Allerdings muss ich auch ganz klar sagen, dass hier eine ohnehin sehr müßige Diskussion geführt wird: Messner selbst war bei Erreichen des Tals nach der Überschreitung psychisch und physisch so zerstört, dass man trefflich darüber streiten kann, inwiefern er dazu in der Lage ist, hier korrekt wiederzugeben, was passiert war. Umgekehrt waren seine Gegner sicherlich nicht so stark mitgenommen, aber eben auch nicht dabei, sondern auf der falschen Seite des Berges. Entsprechend wird hier nie sicher zu klären sein, was sich wie zugetragen hat und von manchem Vorwurf kann sich Messner ohnehin nicht befreien. Etwa dem Vorwurf, er habe die Überschreitung von Anfang an geplant.

Fazit

Das Buch ist absolut lesenswert, vor allen Dingen wenn man nicht nur Besteigungs- und Expeditionsberichte lesen möchte, sondern etwas über die Geschichte des Alpinismus lernen möchte. Teilweise ist es verblüffend, wie radikal schon früher bezüglich der Besteigungsethik teilweise gedacht wurde und wie sehr man zeitweise dem Erreichen des Gipfels alles unterordnete.

Ralf-Peter Märtins Buch Nanga Parbat. Wahrheit und Wahn des Alpinismus erscheint in aktuialisierter Auflage vom Juni 2014 unter der ISBN 978-3492405331 für rund 15 EUR beim Malik Verlag.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.