Ueli Steck wurde den meisten wohl durch seine unglaublich schnelle Solobesteigung der Heckmair-Route der Eiger Nordwand bekannt, für die er 2008 lediglich 2:47:33 h:mm:ss benötigte (Der Rekord wurde mittlerweile durch Dani Arnold mit 2:28 h:mm unterboten). Im Anschluss daran durchstieg er in Rekordzeit auch noch die Grandes Jorasses Nordwand (2008, 2:21:26 h:mm:ss über die Alexis Variante der Colton/McIntyre), sowie die Matterhorn Nordwand (2009, 1:56:40 h:mm:ss über die Schmid-Route).

Diese Begehungen waren Fokus seines Buches Speed: Die drei großen Nordwände der Alpen in Rekordzeit, das er ebenso wie 8000+ Aufbruch in die Todeszone unter Mitwirkung von Karin Steinbach schrieb. Während sich Speed mit den drei klassischen Nordwänden beschäftigt, dreht sich in 8000+ hingegen alles um die Unternehmungen im Himalaya und Karakorum, denn auch dort war Steck seit der Jahrtausendwende aktiv und hat mit atemberaubenden Solobegehungen Aufsehen erregt.

2013 stieg der Bekanntheitsgrad Stecks sprunghaft an, denn zwei Ereignisse schafften es in die Medien: Zum einen geriet Steck, unter anderem gemeinsam mit Simone Moro, im Frühjahr 2013 in eine gewaltsame Auseinandersetzung mit Hochträgern am Everest. Zum anderen sorgte Steck im Herbst 2013 für großes Aufsehen, denn er behauptete die Annapurna Südwand in 28 Stunden solo auf- und abgestiegen zu sein. An sich wäre dies eine große Tat gewesen, doch Steck blieb Beweise schuldig und es gab einige Ungereimtheiten, so dass von diversen bekannten Alpinisten bezweifelt wird, dass Steck jemals bei diesem Versuch am Gipfel war. Hierzu möchte ich den Artikel von Andreas Kubin empfehlen, mit besonderer Erwähnung der Tatsachen, dass Steck bei seiner Begehung seine Kamera und einen Handschuh verlor, die GPS-Funktion seiner Uhr blockierte und stellenweise (eigenen Angaben nach) mit ausgeschalteter Lampe kletterte, um Strom zu sparen. 2014 wurde Steck dann trotz berechtigt großer Zweifel an der Besteigung für diese mit dem Piolet d’Or ausgezeichnet. Die Jury wurde hierfür stark kritisiert.

Worum geht es?

In 8000+ Aufbruch in die Todeszone beschreibt Steck seine Expeditionen ins Himalaya und Karakorum. In sieben Kapiteln geht es dabei, jeweils abgeschlossen und nicht ganz in chronologischer Reihenfolge, unter anderem auf eine literarische Reise an Mount Everest, Cho Oyu, Annapurna, Gasherbrum II, Makalu, Pumori, Cholatse und Shishapangma, wo Steck vom Leben als Alpinist berichtet. Dabei muss man bei den Erzählungen ab und zu durchaus schmunzeln:

Wir fragten uns, ob der Koch sich nach der Toilette wohl die Hände waschen ging. Besser nicht zu viel darüber nachdenken. Allerdings: Wenn man sich die Küche anschaute, machte es eigentlich keinen großen Unterschied, ob er sich die Hände waschen ging oder nicht.

Steck berichtet unter anderem von seinen beiden äußerst schicksalhaften ersten Versuchen an der Annapurna: Im ersten Versuch 2007 wurde er von einem herabfallenden Stein getroffen, rutschte mehrere hundert Meter bewusstlos vom Berg und bleibt am Ende glücklich unverletzt, von Prellungen und einer Gehirnerschütterung abgesehen. Hierzu gibt es auch in nachstehendem kleinen Video ein paar Szenen.

http://www.youtube.com/watch?v=jGljZlRAr4g

Während dieser Unfall für Steck ohne Folgen blieb, kam es beim nächsten Versuch an der Annapurna ein Jahr später zu einer Tragödie: Iñaki Ochoa de Olza kollabierte auf etwa 7400 m und seinem rumänischem Partner Horia Colibasanu blieb nichts anderes übrig, als einen Rettungsruf abzusetzen, denn auch er war nicht mehr in der Verfassung Iñaki zu retten. Es kam zu einer Rettungsaktion und Steck unternahm alles in seiner Macht stehende, um Iñaki zu retten. Als einziger erreichte er Iñaki noch.

Es war Nacht geworden. Schon mehr als 12 Stunden saß ich bei Iñaki. Mehrmals hatte ich versucht, etwas zu schlafen, aber das war so gut wie unmöglich. Das Zelt war sehr eng, und Iñaki musste sich ständig übergeben, meistens über mich. […] Die ganze Nacht hindurch war ich damit beschäftigt, Wasser zu kochen und ihm Medikamente zu geben. Wegen der kalten Temperaturen vereiste immer wieder die Nadel der Spritze, ich musste sie über dem Kocher enteisen und danach so schnell wie möglich Iñaki die Dosis verabreichen.

Letztlich konnte er nichts ausrichten und musste zusehen, wie Iñaki verstarb. Horia Colibasanu schaffte es hingegen lebend vom Berg – das lag letztlich an Steck, der ihn durch eine Finte zum Abstieg bewegen konnte.

Doch nicht nur Geschichten von Bergen im Himalaya und Karakorum werden im Buch erzählt, sondern Steck nimmt den Leser auch mit nach Amerika, wo er 2010 mit Alex Honnold gemeinsam im Yosemite Valley kletterte. Dort gelingt den beiden The Nose in 3:45 h:mm und außerdem kletterte Steck Freerider (5.12d, erstmals durch die Huber Buam 1998 bestiegen) rotpunkt.  Ein paar Szenen vom Aufeinandertreffen der beiden Kletterer gibt es übrigens ab Minute drei in nachstehendem Video:

Im Buch gibt es übrigens noch eine Passage, bei der ich an alle Eltern denken musste, deren Kinder aktive Kletterer oder Bergsteiger sind.

In meinen Jugendjahren war ich vor allem in der Schrattenfluh geklettert. Die meisten Routen kannte ich sehr gut, und irgendwann stieg ich dann ohne Seil in sie ein. Vielfach machte ich das im Winter, aus der Hoffnung heraus, dass ich mir, falls ich in zehn Metern Höhe aus der Wand fiele, im Pulverschnee nicht alle Knochen bräche. […] Einmal – ich war wieder mal allein in die Schrattenfluh gegangen und hatte daheim gesagt, ich würde eine Skitour machen – kam mein Vater nach, ohne dass ich das wusste. In dem Moment, als er am Fuß der Felsen ankam, hing ich gerade 30 m über dem Boden in der Direkten Südwand – immerhin mit V+ bewertet -, in meinen Skitourenshuhen. Mein Vater äußerte sich nicht groß dazu, er meinte später bloß, dass ich schon bessere Ideen gehabt hätte.

Zumindest ich interpretiere das mal ganz frei als Erziehungshinweis an alle Eltern, dass sie besser ab und an mal nicht versuchen sollten sich anzuschauen, was ihr Nachwuchs in den Bergen oder an den Felsen so treibt…

Wie ist es geschrieben?

Das Buch liest sich flüssig und leicht, allerdings muss ich gleich vorweg nehmen, dass die einzelnen Kapitel zu den jeweiligen Expedtionen eher Expeditionsberichte, als packende oder spannende Geschichten sind. Zwar erzählt Steck durchaus von dem, was in ihm vorgeht, aber ganz oft lesen sich die Geschiten wie Ausschnitte aus einem Führer, in denen Steck beschreibt, wie sich Riss an Couloir oder Traverse reiht. Wer mit den Bergen wenig zu tun hat und sich in ein Abenteuer hineinziehen lassen möchte, dem sei andere Literatur empfohlen (zum Beispiel Kurt Diemberger), aber für allen Bergaffinen ist das Buch ein ganz netter Zeitvertreib, wenn mal wieder eine verletzungs- oder krankheitsbedingte Pause zur Untätigkeit zwingt (so wie das bei mir gerade der Fall ist).

Fazit

Unweigerlich musste ich beim Lesen des Buchs mehrfach an Stecks eingangs erwähnte Solobesteigung der Südseite der Annapurna im Herbst 2013 denken, denn bei den meisten seiner im Buch erwähnten Besteigungen war Steck ebenfalls ohne Partner unterwegs. Steck hat keinerlei Beweise für die im Buch erwähnten Solobegehungen der Pumori Westwand und der Shishapangma Südwand, aber dafür erinnern mich einige seiner Zeilen doch an die Diskussion um die Annapurna. So schreibt er beispielsweise bei der Solobegehung der Shishapangma Südwand, wo er bei Vollmond unterwegs war:

Ich schaue mich um, das Mondlich beleuchtet noch immer die ganze Wand, wie wenn jemand einen großen Scheinwerfer hingestellt hätte. Ich schalte kurz die Stirnlampe ab, stelle sie aber gleich wieder an, weil ich mit ihr doch besser sehe. Ich muss sofort erkennen, wenn sich unter dem Firn Eis verbirgt, und ohne Stirnlampe sehe ich das nicht.

Da musste ich daran denken, dass Steck an der Annapurna die Tatsache, dass man ihn vom Basislager aus nachts nicht sehen konnte, damit erklärte, dass er seine Lampe zeitweise ausschaltete, um Strom zu sparen. Bei Neumond, also absoluter Dunkelheit, wohl gemerkt. Im Gegensatz zur Annapurna wollte er an der Shishapangma wohl auch sicher gehen, immer genügend Strom zur Verfügung zu haben, denn an obige Zeilen schließt er an:

Batterien habe ich genug dabei, leichte Lithiumbatterien, die auch in der Kälte eine  lange Lebensdauer haben, ich kann das Licht getrost eingeschaltet lassen.

Auch jedes Mal, wenn im Buch das Wort GPS fällt, bleibt mir nichts anderes als daran zu denken, dass er anscheinend sehr wohl damit umzugehen weiß und eine Dokumentation seiner Leistung von 2013 möglich gewesen wäre – zumal er eine GPS Uhr ja offensichtlich mit sich trug, lediglich die GPS Aufzeichnung unterdrückte.

Sicherlich, man könnte jetzt fragen, was die kontrovers diskutierte und angezweifelte Diskussion um die Besteigung 2013 mit dem Buch zu tun hat – schließlich ist diese Besteigung nicht Teil des 2012 in zweiter Auflage veröffentlichten Buchs. Doch wie heißt es so schön? Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er dann die Wahrheit spricht. Zwar weiß nur Ueli Steck selbst, ob er wirklich auf diesen Gipfeln war oder nicht, aber beim Lesen des Buches bekommen die Berichte für mich doch das, was man im Schwabenland als G’schmäckle bezeichnet. Und damit, allein durch diesen Zweifel an der Glaubwürdigkeit Stecks, verliert das Buch für mich doch einiges.

Ueli Stecks Buch 8000+ Aufbruch in die Todeszone erscheint in zweiter Auflage von 2012 im Malik Verlag und ist unter der ISBN 978-3890294070 erhältlich

P.S: Wer kontroverse Besteigungen mag, dürfte dank David Lamas medienwirksamen Auftreten der letzten Jahre sicherlich von Cesare Maestri und dessen angezweifelter Besteigung des Cerro Torre gehört haben. Hierzu gab es kürzlich ebenfalls interessante neue Informationen zu Bildmanipulationen. Und auch der Name Tomo Česen sollte im Zusammenhang mit angezweifelten Besteigungen fallen. Eine Liste weiterer „Verdächtiger“ gibt es unter an dieser Stelle.

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