Seit längerem liegen zwei wissenschaftliche Arbeiten auf meinem Schreibtisch, die ich nach dem Lesen für so interessant hielt, dass ich sie an dieser Stelle kurz vorstellen möchte. Dabei geht es in der ersten Arbeit um den Einfluss von Stretching, Krafttraining und propriozeptivem Training auf akute Sportverletzungen und Verletzungen durch Überlastungen. Die zweite Arbeit beschäftigt sich mit dem Einfluss von Hierarchien auf den Erfolg und Misserfolg bei Expeditionen. Während die erste Arbeit wohl für alle aktiven Menschen im Allgemeinen und für mich derzeit im Speziellen interessant ist, ist die zweite spannend zu lesen und soll auch etwas zum eigenen Nachdenken anregen.

Krafttraining zur Verletzungsprophylaxe

In den letzten zwölf Monaten habe ich mir einige Verletzungen zugezogen: Eine chronische Entzündung der Bauchmuskulatur, Prellung des Sprunggelenks, Schnittverletzung an der Fußsohle, Strecksehnenzerrung an der Hand sowie eine Weichteilverletzung am Knie und ein Sehnenanriss der Schulter. Diese Sammlung hat mir einige Zwangspausen gebracht und zwingt mich auch aktuell noch zu eher mehr als minder sportlicher Untätigkeit (es gibt also einen Grund, warum sich auf dieser Seite so wenig tut!). Entsprechend oft musste ich mir von Freunden, Bekannten und Verwandten immer wieder den gleichen Spruch anhöhren: „Oh, hast du es mal wieder übetrieben – wirst du denn jetzt vernünftig und trittst kürzer?“ Für meine Antwort hatte in der Regel keiner Verständnis: „Nein, ich werde mehr Sport machen.“ Und das meinte ich völlig ernst, denn eine Möglichkeit zur Vermeidung von Sportverletzungen stellt gezielter Kraftaufbau für die in Mitleidenschaft gezogenen Strukturen dar. Dass dieser Ansatz nicht ganz falsch ist, wird unter anderem durch eine Arbeit von Lauersen et al. unter dem Titel The effectiveness of exercise interventions to prevent sports injuries: a systematic review and meta-analysis of randomised controlled trials unterstützt, die bereits 2013 im British Journal of Sports Medicine veröffentlicht wurde.

Mehr Kraft, weniger Verletzungen

In dieser Meta-Studie wurden 25 Studien berücksichtigt, die sich mit der Frage auseinandersetzten, ob Stretching, Krafttraining oder propriozeptives Training dem Auftreten von Sportverletzungen vorbeugen können. Die Begriffe Stretching und Krafttraining dürften klar sein. Für alle, denen propriozeptives Training kein Begriff ist, schreibt die DSHS Köln:

Unter […] Propriozeptivem Training wird im Allgemeinen ein Gleichgewichtsstabilisationstraining verstanden […]. Zum Beispiel wird […] eine Verbesserung der neuromuskulären Kontrolle durch das Training auf instabilen Standflächen beobachtet.

Lauersen et al. kommen zu dem Schluss, dass Stretching keinerlei verletzungsvorbeugenden Effekt zeigt, Krafttraining jedoch zur Vorbeugung geeignet sei. Dabei sind die Ergebnisse/Effekte der berücksichtigten Studien jeweils sehr homogen, obwohl in den einzelnen Interventionen jeweils unterschiedliche Behandlungen stattfanden. Für die Autoren ein Hinweis darauf, dass Stretching im Allgemeinen nur sehr wenig bringt, wohingegen Krafttraining im Allgemeinen sehr zielführend ist

Stretching did not show any protective effect, while strength training proved highly significant. Results from stretching and strength training studies were not heterogeneous despite different programmes were used and outcomes of interest were different. This points towards a strong generalisability of results.

Propriozeptives Training und Kombinationstraining zeigten einen moderat positiven Effekt auf die Prävention von Verletzungen, jedoch vielen die Ergebnisse je nach Studie sehr unterschiedlich aus.  Des Weiteren geben die Autoren an, dass Krafttraining Sportverletzungen auf etwa ein Drittel reduziert und Überlastungsverletzungen immerhin halbiert werde.

Proprioception training and multiple exposure programmes were also effective, but results were relatively heterogeneous. […] Strength training reduced sports injuries to less than 1/3 and overuse injuries could be almost halved.

Wenn man die Arbeit von Lauersen et al. kurz auf den Punkt bringen möchte kann man also sagen: Krafttraining ist in der Verletzungsprophylaxe maximal effektiv und bietet eine noch größere Wirkung als das ebenfalls wirksame propriozeptive Training. Stretching hat keinerlei nachweisbaren positiven Effekt.

Kein Stretching?

Natürlich sollte man ein paar Kleinigkeiten beachten: Zum einen ist dies eine Meta-Studie und es ist nachvollziehbar, dass ein Zusammenfassen von mehreren anderen Studien gewisse Vor-, aber auch Nachteile mit sich bringt. Es findet in den Berechnungen eine gehörige Menge an Abschätzungen statt und es gibt zahlreiche Randbedingungen, so dass zumindest ich Ergebnisse aus Meta-Studien nicht immer auf die Goldwaagen legen würde. Unterstützt werden Lauersen et al. jedoch auch durch andere, wie zum Beispiel Rössler et al. , die ebenfalls finden, dass Krafttraining das Mittel der Wahl zur Vorbeugung von Sportlverletzungen ist.

Eine schwäche der Lauersen-Studie ist sicherlich, dass zum Beispiel das Stretching nur durch zwei berücksichtigte Arbeiten einkalkuliert wurde. Eine dieser Arbeiten hierzu bezog sich auf Armeerekruten, die andere Arbeit war eine Internetstudie mit allgemeiner Bevölkerung. Dass das Stretching hier entsprechend schlecht abschneidet verwundert also nicht. Dennoch sei diesbezüglich erwähnt, dass es andere Studien gibt, die ebenfalls zu dem Schluss kommen, dass Streching keinen (positiven) Einfluss auf die Verletzungsvorbeugung hat. Das soll im Übrigen nicht heißen, dass Stretching sich nicht lohnt: Die Studien untersuchten alle nur den Einfluss auf die Verletzungsprophylaxe – und nicht den Einfluss auf die Beweglichkeit.

Hierarchien am Gipfel

Wer sich mit Lawinen beschäftigt, kennt ihn aus den gängigen Konzepten zur Entscheidungsfindung – den Faktor Mensch. Egal mit welcher Entscheidungsstrategie man unterwegs ist, ob 3 x 3 oder Stop-or-Go (siehe auch hier), alle beziehen zur Entscheidungsfindung nicht nur das Gelände oder die Verhältnisse mit ein, sondern auch den Faktor Mensch (siehe auch hier). Aus meiner eigenen Wahrnehmung heraus bin ich ja immer wieder aufs Neue überrascht, dass dies nur bei Lawinen der Fall zu sein scheint. Beim Klettern hingegen scheint mir persönlich deutlich mehr über die Technik und die Sicherheit von Sicherungsgeräten diskutiert zu werden, als über das Verhalten der Menschen. Letzteres halte ich persönlich in den meisten aktuellen Diskussionen um Sicherheit, vor allen Dingen aber auch bei Schulung und Ausbildung, für deutlich unterrepräsentiert. Aber das ist ein anderes Thema, denn eigentlich möchte ich auf eine interessante Arbeit zum Faktor Mensch beim Bergsteigen eingehen, die Anicich et al. im Dezember letzten Jahres vorgelegt haben.

In der Arbeit wurde untersucht, welchen Einfluss die kulturell verwurzelten Hierarchien der Bergsteiger auf den Erfolg (= Erreichen des Gipfels) oder Misserfolg (=Tod) beim Bergsteigen im Himalaya haben. „Warum immer wieder der Himalaya?“ werden nun einige sicherlich nicht zu unrecht sagen, schließlich spielt sich für die meisten das Bergsteigen in den Alpen ab und der Großteil dessen, was an Everest und co stattfindet ist mehr Pistentourismus (Reinhold Messner) als Alpinismus. Auch ich finde es etwas obskur, dass große Medien wie Spiegel Online, Süddeutsche oder die BBC aktuell über die Verlegung des Normalwegs auf der Südseite des Everests berichten. Aber Berichte über die Sperrung des Marzellferners oder des Bäumenheimer Weges würden sicherlich nicht für ausreichend Quote sorgen.

Starke Hierarchien für mehr Erfolge – mit mehr Toten

Zurück zum Artikel Hierarchical cultural values predict success and mortality in high-stakes teams und demit in den Himalaya. Der große Vorteil dort liegt nämlich darin, dass Elisbeth Hawley seit Jahrzenten detailliert jedes Unterfangen an den hohen Bergen dokumentiert und damit eine sehr solide Datengrundlage (davon 30 625 Bergsteiger aus 56 Ländern in 5104 Expeditionen im Artikel von Anicich et al. berücksichtigt) zur Verfügung steht. Zusätzlich wurden zwei weitere Studien zur Hand genommen, die für jedes Herkunftsland eines Bergsteigers berechneten, in welchem Maß dort Hierarchien ausgeprägt sind. Dieser cultural value of hierarchy wurde in der ersten Arbeit definiert als:

A cultural emphasis on the legitimacy of an unequal distribution of power, roles and resources.

Im zweiten ebenfalls verwendeten Werk wurde zusätzlich power distance errechnet, par Definition

The extent to which members of society accept the fact that power in institutions and organizations is distributed unequally.

Mit einfachen Worten: In Kulturstudien wurde ermittelt, wie sehr es die jeweiligen Einwohner gewohnt sind sich zu ducken und sich in Hierarchien einzuordnen. Zunächst klingt es sehr abstrakt, denn am Berg befindet man sich außerhalb der für das Heimatland geltenden kulturellen Normen. Dennoch lassen sich anhand solcher berechneter Werte für kulturelle interessante Dinge vorhersagen. Zum Beispiel kann man von der Einstellung eines Landes zum Thema Korruption darauf schließen, wie sehr sich ein Diplomat dieses Herkunftslandes an Parkverbote in den USA halten wird. Auch wenn es um Steuern geht, spielen kulturelle Normen eine Rolle: Je korrupter das Land, desto steuerflüchtiger seine Einwohner auch im Ausland. Beides verblüfft nur wenig und entspricht vielleicht der eigenen Einschätzung. Dennoch finde ich es spannend, dass man diese Zusammenhänge statistisch untermauern kann.

Mit diesen Datensätzen, auf der einen Seite die Daten zu Expeditionen im Himalaya, auf der anderen Seite die kulturellen Werte zur Hierarchie, wurde abgeschätzt, inwiefern sich Hierarchien auf den Erfolg oder Misserfolg am Berg auswirken. Das Ergebnis der Autoren fällt eindeutig aus: Je hierarchischer der kulturelle Hintergrund eines Expeditionsteams, desto größer die Wahrscheinlichkeit den Gipfel zu erreichen. Erkauft wird sich diese höhere Erfolgsquote allerdings gleichzeitig mit einem signifikanten Anstieg beim Risiko auf der Expedition zu sterben. Untermauert wird das ganze dadurch, dass dieser Effekt nur bei Teams aus mehreren Bergsteigern messbar war. Bei Solobesteigungen hingegen spielte der kulturelle Hintergrund keine Rolle. Wichtig ist auch zu beachten, dass die kulturellen Unterschiede keine unterschiedlichen Strukturen in den Teams verursachen, sondern eine Veränderung der Gruppendynamik bedingen:

Importantly, the current effects are likely occurring not because cultural values alter group structure but because these values affect group processes. As Gordon Janow, the Director of Programs at Alpine Ascents International, described in an interview with us, “Expeditions don’t differ much in how they are structured. What varies is how people interact within those structures. And culture is one factor that influences those interactions and communication patterns.”

Denkanstoß für die nächste Bergtour

Es gibt zwei Gründe, warum ich diese Arbeit hier erwähne. Zum einen, weil ich es einfach interessant finde, zum anderen, weil ich der festen Überzeugung bin, dass auch bei uns in den Alpen zu wenig Augenmerk auf den Faktor Mensch gelegt wird. Wir kommen zwar alle aus kulturell recht ähnlichem Hintergrund, aber dennoch gibt es innerhalb der Seilschaften oftmals ein großes Gefälle, was die Hierarchien angeht. Hierarchische Stukturen sind nicht per se schlecht. Das verdeutlichen vielleicht die nachfolgenden Zeilen aus Anatoli Boukreevs The Climb, die im Übrigen auch von  Anicich et al. zitiert werden.

A “dogpile,” as Beidleman would later call it, was forming up. . . “It wasn’t really clear that there was a leader versus a non-leader or followers at that point,” Beidleman said, “because people were being buffeted around by the wind and walking based on whoever had a headlight in front of them. I tried to yell several times that we needed one leader and one headlight to follow, otherwise we would be wandering aimlessly.

Hierarchische Strukturen können für Koordination und Effektivität sorgen, besonders in der Entscheidungsfindung. Allerdings muss völlig klar sein, dass weniger selbstbewusste Seilschaftspartner in hierarchischen Teams sicherlich weniger zu Wort kommen und deren durchaus wertvolle Meinung und Einschätzung damit unter Umständen unbeachtet bleibt. Weniger psychologische Sicherheit, schlechtere Kommunikation und damit insgesamt weniger Leistungsfähigkeit können die Konsequenzen sein, wie man auch in Jon Krakauers in Into Thin Air lesen kann (ebenfalls auch von  Anicich et al. zitiert)

Beidleman, sensitive by nature, was quite conscious of his place in the expedition pecking order. “I was definitely considered the third guide,” he acknowledged after the expedition, “so I tried not to be too pushy. As a consequence, I didn’t always speak up when maybe I should have, and now I kick myself for it.” […]

The day before departing Base Camp, Rob had sat the team down in the mess tent and given us a lecture about the importance of obeying his orders on summit day. “I will tolerate no dissention up there,” he admonished, staring pointedly at me. “My word will be absolute law, beyond appeal. If you don’t like a particular decision I make, I’d be happy to discuss it with you afterward, but not while we’re on the hill.” […]

“Scott strong person,” Boukreev acknowledged after the expedition, “but before summit attempt is tired, has many problems, spend lots of power. Worry, worry, worry, worry. Scott nervous, but he keep inside.”

Dies mag alles ein bisschen extrem klingen, denn die meisten, die diese Zeilen lesen sind in den Alpen unterwegs und eben nicht im Himalaya. Dennoch möchte ich jedem empfehlen darüber nachzudenken, wie innerhalb der Seilschaften in denen er üblicherweise unterwegs ist, Entscheidungen getroffen werden. Wie eingangs erwähnt halte ich dieses Thema außerhalb der Lawinenkunde derzeit für unterbewertet, gerade auch bei der Ausbildung an Berg und Fels. Umso mehr freut es mich, dass ich bisher stets in Seilschaften unterwegs war, in denen wir offen kommuniziereren konnten und auch im Umdrehen Erfahrung gesammelt haben.

In diesem Sinne

Martin

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