Hochtourenwoche 2014 – Berner Oberland/Wallis

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August ist Hochtourensaison und entsprechend habe ich die erste Woche des Sommermonats im Berner Oberland und im Wallis verbracht, um dort in Fels und Eis auf Bergen zu kraxeln. Dass es mit der Tour tatsächlich geklappt hat, hat mich selbst ein wenig verblüfft, denn dieses Jahr läuft sportlich alles andere als rund für mich und dutzende kleine Zwangspausen werfen mich regelmäßig zurück. Auch direkt vor der schon lange geplanten Hochtourenwoche schien mit der Verletzung am Fuß noch alles ganz kurz vor der Abfahrt für mich ins Wasser zu fallen, doch letztlich saßen wir am ersten Monat im August morgens um fünf Uhr zu viert in Karlsruhe im Auto und fuhren in Richtung Schweiz. An dieser Stelle möchte ich mich übrigens vorab schon einmal für die schlechte Qualität der Bilder entschuldigen, denn ich hatte der Bequemlichkeit halber nur meine GoPro dabei und die Qualität hat etwas gelitten…

Berghaus Oberaar – Oberaarjochhütte

Das erste Ziel war das Berghaus Oberaar, direkt am Oberaarsee gelegen. Von dort aus wollten wir zur Oberaarjochhütte aufsteigen. Doch bevor wir dorthin gelangten, mussten wir uns den Grimselpass nach oben schlängeln und dann über die Panoramastraße Oberaar zum Oberaarsee fahren.

Auf dem Grimselpass mit Blick zu einer der Staumauern.
Auf dem Grimselpass mit Blick zu einer der Staumauern.
Vom nördlichen Teil des Grimselpasses hat man Ausblick auf gleich mehrere Staumauern.
Vom nördlichen Teil des Grimselpasses hat man Ausblick auf gleich mehrere Staumauern.

Die Panoramastraße Oberaar ist einspurig gebaut und die Durchfahrt zeitlich geregelt: Zu jeder vollen Stunden erhält man vom Grimselpass kommend ein Zeitfenster von zehn Minuten das zur Einfahrt berechtigt. Zu jeder halben Stunde gibt es ein entsprechendes Zeitfenster für die Gegenrichtung. Diese Regelung macht Sinn, denn die Straße ist durchaus eng und Platz für Überholmanöver gibt es keinen, denn am Rand geht es steil bergab. Allerdings sollte man dies in seiner Planung beachten, denn wenn es dumm läuft braucht man eben mal 50 Minuten länger.

Schmal, aber mit herrlichem Ausblick: Die Panoramastraße Oberaar
Schmal, aber mit herrlichem Ausblick: Die Panoramastraße Oberaar
Von der Panoramastraße Oberaar aus konnten wir schon früh das erste Ziel des Tages ausmachen: Das Oberaarjoch, in dem sich die gleichnamige Hüte befindet. Auf dem Bild ist das Joch die Senke am Horizont des großen Gletscherfeldes in der linken Bildhälfte.
Von der Panoramastraße Oberaar aus konnten wir schon früh das erste Ziel des Tages ausmachen: Das Oberaarjoch, in dem sich die gleichnamige Hüte befindet. Auf dem Bild ist das Joch die Senke am Horizont des großen Gletscherfeldes in der linken Bildhälfte.

Am Berghaus Oberaar (2500 m) stellten wir unser Auto (kostenfrei) ab, zogen uns kurz um und nur wenig später ging es entlang des Oberaarsees zum Oberaargletscher und von dort direkt weiter zur Oberaarjochhütte (3258 m). Nachstehend finden sich immer wieder kleine Karten zu den einzelnen Tagesetappen, wobei ich an dieser Stelle erwähnen möchte, dass es sich nicht um aufgezeichnete Tracks handelt, sondern lediglich um nachträglich angelegte Orientierungshilfen.

Der Oberaargletscher war weitgehend aper und es gab im mittleren und oberen Bereich einige Spalten, die allerdings einfach zu überqueren oder umgehen waren. Insgesamt wäre der Aufstieg eigentlich kein großes Problem gewesen, doch leider war ich in neuen Schuhen unterwegs, die ich aufgrund meiner kurzfristigen Fußverletzung leider nicht rechtzeitig einlaufen konnte. Den Preis hierfür zahlte ich rasch, denn als es langsam bergauf ging entwickelten sich langsam aber sicher Blasen. Mit diesem Problem hatte ich im Vorfeld schon gerechnet, eigentlich auch schon erste Vorsichtsmaßnahmen getroffen, und daher war ich im Geiste weniger beim Aufstieg, als viel mehr beim Versorgen der Füße nach unserer Ankunft an der Hütte.

Blick vom Oberaargletscher auf den Oberaarsee
Blick vom Oberaargletscher auf den Oberaarsee

Die Oberaarjochhütte ist direkt in den Fels gebaut, am Fuß des Oberaarhorns, gut 30 m (?) über dem Oberaarjoch und der unmittelbare Zustieg erfolgt vom Oberaarjoch aus über ein Geröllfeld, das zu einem Steig mit einer Leiter führt. Der Weg durch Schutt und Geröll ist nicht immer ganz einfach zu erkennen und bei Feuchtigkeit unangenehm rutschig, aber die Leiter des Steigs ist gut zu erkennen und die Richtung daher meist halbwegs klar.

Warnung am Steig im Zustieg zur Oberaarjochhütte.
Warnung am Steig im Zustieg zur Oberaarjochhütte.
Blick auf das Geröllfeld zwischen Steig der Oberaarjochhütte und dem Oberaarjoch.
Blick auf das Geröllfeld zwischen Steig der Oberaarjochhütte und dem Oberaarjoch.
Auf den letzten Metern vor der Oberaarjochhütte schützt ein kleines Dach den Bergsteiger.
Auf den letzten Metern vor der Oberaarjochhütte schützt ein kleines Dach den Bergsteiger.

Die Hütte ist klein aber gemütlich, bietet Platz für 40 Bergsteiger und kann über die eigene Homepage bequem reserviert werden. Das neue Reservierungssystem erlaubt es auch den aktuellen Belegungsstand einzusehen und so weiß man schon im Vorfeld, wie eng es wird. Bezahlt werden kann übrigens bequem in Schweizer Franken, Euro und mit der Kreditkarte, auch wenn letzteres nicht auf der Homepage erwähnt wird. Nach unserer Ankunft bezogen Quartier und konnten während des Abendessens sehen, wie sich vor dem Fenster die Wolken zuzogen, die uns während des Aufstiegs verschont hatten. Wenig später fing es an zu schneien…

Überschreitung Oberaarhorn (3629 m)

Als ersten Gipfel nahmen wir am nächsten Tag das Oberaarhorn in Angriff, das dem Hüttenbuch nach zu urteilen der am häufigsten von der Oberaarjochhütte aus begangene Gipfel zu sein scheint. Während sich allerdings der Großteil der Gipfelaspiranten auf den Normalweg über den Südgrat (L, 30°, I UIAA) beschränkt, hatten wir uns die Überschreitung in den Kopf gesetzt und wollten nach Erreichen des Gipfels über den Südgrat den Westgrat zum Abstieg nutzen. Normalerweise dauert der Aufstieg über den Südgrat gerade einmal eine Stunde, doch wir stellten rasch nach Verlassen der Hütte fest, dass es uns länger beschäftigen würde.

Unmittelbar von der Oberaarjochhüte aus geht es zum Einstieg des Südgrats am Oberaarhorn.
Unmittelbar von der Oberaarjochhüte aus geht es zum Einstieg des Südgrats am Oberaarhorn.
Ein schöner Tag kündigt sich an, den wir zur Überschreitung des Oberaarhorns nutzen wollten.
Ein schöner Tag kündigte sich an, den wir zur Überschreitung des Oberaarhorns nutzen wollten.

Zunächst mussten wir auf dem Südgrat auf Fels in leichtem Gelände kraxeln und von Beginn an war ein leichter Schneeüberzug auf den Felsen. Das war anfangs kein Problem, doch mit zunehmender Höhe wandelte sich der leichte Schnee in eine dünne Eisschicht, die uns sehr vorsichtig auf den Felsen steigen lies.

Im Hintergrund das Finsteraarhorn, der höchste Berg des Berner Oberlands und im Vordergrund der leicht verschneite und mit zunehmender Höhe eisiger werdende Weg durch den Fels des Oberaarhorns.
Im Hintergrund das Finsteraarhorn, der höchste Berg des Berner Oberlands und im Vordergrund der leicht verschneite und mit zunehmender Höhe eisiger werdende Weg durch den Fels des Oberaarhorns.
Die im unteren Bereich noch leichte Schneeschicht auf den Felsen des Oberaarhorns.
Die im unteren Bereich noch minimale Schneeschicht auf den Felsen des Oberaarhorns.
Blick vom Südgrat des Oberaarhorns auf das Oberaarrothorn. Im Vordergrund der Schnee, der uns zur Vorsicht beim Aufstieg auf dem Fels zwang.
Blick vom Südgrat des Oberaarhorns auf das Oberaarrothorn. Im Vordergrund der Schnee, der uns zur Vorsicht beim Aufstieg durch den Fels zwang.

Nach etwa einem Drittel der Strecke wechselten wir von Fels auf Firn und damit wurde alles anstrengender, denn mit zunehmender Dicke der neuen Schneeschicht über dem Firn sanken wir zunächst knöchel-, dann knie- und später hüfttief bei jedem Schritt ein. Das Spuren war eine Kraftakt geworden und wir wechselten uns fleißig ab, bevor wir nach insgesamt 2,5 Stunden den Gipfel erreichten – leider aber ohne Ausblick, denn diesen raubten uns die immer wieder über den oberen Bereich des Bergs ziehenden Wolken.

Am Gipfel des Oberaarhorns - Fernblick und Kaiserwetter sehen anders aus.
Am Gipfel des Oberaarhorns – Fernblick und Kaiserwetter sehen anders aus.
Immerhin lies sich die Sonne ab und zu kurz blicken, auch wenn wir auf dem Gipfel den Ausblick nicht wirklich genießen konnten.
Immerhin lies sich die Sonne ab und zu kurz blicken, auch wenn wir auf dem Gipfel den Ausblick nicht wirklich genießen konnten.

Die erste Lektion der Hochtour hatten wir also gelernt: Wenn es am Abend schneit, kann die Tour am nächsten Tag deutlich anstrengender als gedacht werden. Nach einer kurzen obligatorischen Fotopause orientierten wir uns nach Westen und suchten den Westgrat im Dickicht der Wolken.

Der Westgrat des Oberaarhorns versteckt sich in den Wolken.
Der Westgrat des Oberaarhorns versteckt sich in den Wolken. Zwischen den beiden FElsblöcken in der Bildmitte wählten wir den Einstieg.
Immer wieder zogen die Wolken kurz auf und wir konnten den Westgrat des Oberaarhorns sehen, den wir zum Abstieg wählten.
Immer wieder zogen die Wolken kurz auf und wir konnten den Westgrat des Oberaarhorns sehen, den wir zum Abstieg wählten.

Der Westgrat fängt (von oben kommend!) mit Schnee an (Achtung, Gipfelwechten!) und mündet dann in felsige Passagen, die von einem Band mit Schnee durchzogen werden. Dieses Band endet in einer schmalen Rinne, die in die westliche Flanke des Oberaarhorns führt.

Die Schneerinne im Westgrat des Oberaarhorns.
Die Schneerinne im Westgrat des Oberaarhorns.

Wir stiegen durch die Rinne ab, sicherten die Passage für ein Mitglied unserer Seilschaft ab und fanden uns am Fuß der Rinne gemeinsam wieder, wo wir mitten in der recht steilen westlichen Flanke des Oberaarhorns standen. Dort hatten wir die Qual der Wahl, denn der direkte Abstieg durch die Flanke war steil (spricht gegen angeseiltes Gehen) aber mit Spalten gespickt (spricht für angeseiltes Gehen) und der Weg entlang des Westgrates nicht sehr weit einzusehen. Wir entschlossen uns letztlich zum tiefsten für uns sichtbaren Punkt unterhalb des Westgrates im Schnee/Firn zu queren und von dort aus durch die Flanke abzusteigen.

Wie steil die Flanke des Westgrats am Oberaarhorn teilweise ist, kann man im Vordergrund dieses Bildes erahnen. Im Hintergrund das Oberaarrothhorn.
Wie steil die Flanke des Westgrats am Oberaarhorn teilweise war, kann man im Vordergrund dieses Bildes erahnen. Im Hintergrund das Oberaarrothhorn.

Durch den Neuschnee und die nun langsam einsetzende Sonne mussten wir eine neue Gefahr in unsere Wegfindung einkalkulieren – die Lawinengefahr. In den Ausläufern der Flanke konnten wir einige Lawinenkegel sehen und diese mahnten uns zur Vorsicht. Letztlich konnten wir aber ohne weitere Probleme die teilweise steile Flanke zum Studergletscher hinab absteigen und von dort aus unterhalb der Spalten- und Lawinenbereiche zum Oberaarjoch queren. Zurück auf der Hütte gab es erstmal Rösti, die man auf der Oberaarjochhütte wirklich empfehlen kann!

Mit der Überschreitung hatten wir eine wirklich gelungene und abwechslungsreiche Tour. Das lag auch an den Bedingungen, die es uns teilweise etwas anstrengend, aber dafür eben sehr abwechslungsreich gemacht hatten. Wer möchte, der kann übrigens die komplette Überschreitung des Westgrats hinüber zu Altmann (3462 m) und Studerhorn (3634 m) in Angriff nehmen – ein Unterfangen, das den Spaß sicherlich noch etwas ausdehnt und bei dem man aufgrund der zahlreichen populären Viertausender in der Nähe sicherlich nicht mit allzu viel Gedränge rechnen muss! Wir waren übrigens an diesem Tag allein auf dem Oberaarhorn. Wenn man nicht gerade an einem Wochenende aufsteigt, sollte sich der Andrang dort (dem Hüttenbuch nach zu urteilen) auch halbwegs in Grenzen halten.

Von der Oberaarjochhütte zur Finsteraarhornhütte

Am dritten Tag unserer Tour spazierten wir zur Finsteraarhornhütte (3048 m). Ursprünglich sah die Planung vor noch einen Gipfel auf dem Weg dorthin zu versuchen, aber mit den immer noch etwas lädierten Füßen war es mir nur recht, dass wir von diesem Plan absahen. Stattdessen liesen wir uns Zeit und konnten in aller Ruhe über Studer- und Galmigletscher zum Fieschergletscher gelangen. Die Zeit nutzen wir, um ausgiebig Fotos und Videos zu schießen, beziehungsweise um Bergkristalle zu suchen, die man durchaus auf dem unteren Fieschergletscher finden kann:

Bergkristall
Bergkristall, gefunden auf dem Fieschergletscher, etwa auf Höhe der Gemschlicke.

Man sollte beim Suchen nach Steinen allerdings etwas vorsichtig sein, denn wesentlich häufiger als (schöne) Kristalle, findet man andere Dinge, die unter Umständen sogar ein großes Gefahrenpotential bergen: Blindgänger und Übungsgeschosse vom Flab-Schießen. Die Flugabwehr der Schweiz übt nämlich regelmäßig und offensichtlich tat sie dies über dem Fieschergletscher im Winter 2013/2014 recht häufig, denn dieser war übersät mit Geschossen. Hier gilt also Finger weg, denn Hochtouren sind ja schließich an sich schon gefährlich genug.

Blindgänger oder Übungsmunition? Der Fieschergletcher war jeden Falls übersät damit!
Blindgänger oder Übungsmunition? Der Fieschergletcher war jeden Fall übersät damit!

Der Übergang zur Finsteraarhornhütte war kein großes Problem, bis wir unmittelbar unterhalb der Hütte standen, die rund 100 m (?) über dem Gletscher im Fels steht. Ein Weg war nicht eingezeichnet, Schilder, Steinmänner oder ähnliche Markierungen waren nicht vorhanden. Laut Zustiegsbeschreibung im Führer sollte es südlich der Hütte einen Zustieg geben, doch Stand 2014 ist, dass es diesen nicht mehr gibt. Wir suchten rund eine halbe Stunde nach einem geeigneten Einstieg und letztlich ging ich mit einem weiteren Mitglied unserer Seilschaft die direkte Variante durch den Fels an, die im soliden dritten bis vierten Grad UIAA direkt zur Sonnenterasse führte, während unsere beiden anderen Freunde nach einem alternativen Zustieg suchten. Letztlich wurden sie auch fündig, denn im Norden (im Gegensatz also zur Beschreibung im Führer also) gab es tatsächlich einen Steig, der zur Hütte führte.

Die Hütte selbst ist übrigens neu, äußerst luxuriös und fast schon ein kleines Hotel: Jeder hat sein eigenes Bett (Stockbetten), alles ist mit Teppich ausgelegt, das Essen ist (vom Nachtisch abgesehen) sehr gut und alles ist sehr großzügig angelegt. Die Hütte ist auch gut besucht, aber aufgrund ihrer Größe (106 Plätze) war sie nicht überfüllt. Bezahlt werden kann in Schweizer Franken, Euro und auch wieder mit Kreditkarte.

Wichtig zu wissen an dieser Stelle: Es gibt mehrere Möglichkeiten von der Oberaarjochhütte zur Finsteraarhornhütte zu gelangen. Allerdings wird seit mehreren Jahren vom Weg über die Gemschlicke abgeraten, da hier erhebliche Steinschlag Gefahr besteht. Zwar könnte man sich so einige Höhenmeter sparen, aber auch die Bergführer gehen diesen Weg nicht mehr und jeder mit dem man spricht rät einem davon ab. Also lieber etwas mehr Zeit kalkulieren und sicher(er!) über Galmi- und Fieschergletcher zusteigen!

Finsteraarhorn (4274 m, Versuch)

Ziel des nächsten Tages und eigentlich das große Ziel der Hochtour war das Finsteraarhorn (4274 m), welches wir am vierten Tag angehen wollten. Am Abend zuvor diskutierten wir zunächst Verhältnisse und Wettervorhersage, beides Dinge, die hätten besser sein können. Aufgrund der zahlreichen Niederschläge und der schlechten Verhältnisse der letzten Wochen war der Gipfelgrat kein reiner Felsgrat, sondern eher ein Schneegrat, der stellenweise mit Fels durchsetzt war. Wir konnten mit einigen Besteigern, die den Gipfel am Tag unserer Ankunft erreicht hatten, die Bedingungen durchsprechen und auch Bilder sehen. Ernüchternd kam dazu, dass das Wetter zum Mittag/Nachmittag hin sich zu verschlechtern drohte. Keine guten Voraussetzungen also, um einen hohen Berg mit doch ansprechenden Schwierigkeiten (die Angaben variieren zwischen WS+, 35 °, II UIAA bis ZS-,  35°, III UIAA) in aller Ruhe besteigen zu können. Außerdem war mit einem kleinen Ansturm zu rechnen, denn ich konnte die Liste des Hüttenwirts einsehen und feststellen, dass mehr als 30 Personen versuchen würden den Berg zu besteigen. Daher war auch auf dem Rückweg mit Stau am Grat zu rechnen, was im Firn vielleicht hätte unangenehm werden können, insbesondere wenn das Wetter wirklich instabil werden würde…

Hin und hergerissen kamen wir letztlich zu der Entscheidung, dass wir unsere Chance nutzen wollten und nur zu dritt den Aufstieg wagen würden. Um 3 Uhr am nächsten Morgen saßen wir am Frühstückstisch, um 3:10 Uhr waren wir fertig und als dritte Seilschaft brachen wir gegen 3:30 Uhr morgens in Richtung Finsteraarhorn auf. Der erste Abschnitt war in reinem Fels und extrem einfach zu finden, denn im Gegensatz zum Hüttenzustieg fanden sich in nur wenigen Metern abstand zahlreiche Markierungen. Die ersten Meter auf Schnee/Firn waren auch einfach, denn wir fanden eine Spur vor, orientierten uns an dieser und stiegen zügig in Richtung Frühstücksplatz (3617 m), einem Felsriegel, der die beiden Gletscher auf der Süd/Südwestseite trennt.

Bis dahin war alles problemlos verlaufen und wir stiegen munter empor, als wir uns langsam die Frage stellen mussten, ob es sinnvoll wäre sich anzuseilen. Wie immer galt es abzuwiegen welche Gefahr größer war: Spaltensturz (spricht für das Anseilen) oder Mitreißgefahr: Wenn einer in der Seilschaft abrutscht und Richtung Tal rollt, kann dies in oft schon relativ flachem Gelände nicht mehr gehalten werden (spricht also dagegen). Entgegen der landläufigen Meinung ist ein Seil nämlich nicht in jeder Situation zwingend mit einem Plus an Sicherheit verbunden. Von hinten erreichte mich, der ich am Vorausgehen war, also die Frage, ob wir anseilen sollten und ich kam nach kurzer Überlegung zu einer Entscheidung: Nein. Der Fels war nah, die Seilschaft vor uns konnte die Passage auch seilfrei gehen und außerdem war es steil genug, dass ein Ausrutscher am Seil uns sicher Richtung Tal befördert hätte. Dass diese Entscheidung falsch war, stellte ich exakt drei Meter später fest, als ich plötzlich hüfttief im Schnee steckte und meine Beine frei unterhalb der Schneedecke baumelten. Da wir nicht in der Ebene waren, sondern es bergauf ging, kam ich mit Hintern und Rucksack  halbwegs auf der noch festen Kante zu sitzen (sofern man das so nennen mag) und war nicht direkt durchgebrochen. Ein etwas weiterer Schritt und ich wäre direkt durchgesackt. Schnell stellte ich fest, dass ich mit meinem Pickel nichts ausrichten konnte, denn dieser bekam im lockeren Schnee nichts zu fassen. Meine Partner konnten mir auch kaum helfen, denn sie waren hinter mir und vor allen Dingen: Das Seil war auf meinem Rücken. Mit den Beinen frei baumelnd überlegte ich, welche Optionen ich hatte…

Irgendwie konnte ich mich nach hinten lehnen, das rechte Bein aus der Spalte ziehen und saß nun rittlings auf dem Spaltenrand. Dabei bröselte munter Schnee vor mir nach unten und ich konnte sehen, dass die Spalte in geschätzten sechs bis sieben Metern wohl so schmal geworden wäre, dass ich dort im Falle eines Sturzes stecken geblieben wäre. Ein Sturz von sechs oder sieben Metern ist keine Option und mit Steigeisen schon gar nicht. Daher machte ich mich konzentriert daran, das Seil auszupacken und zu meinen Partnern zu werfen. Immerhin hatten wir das Seil schon vorbereitet, inklusive Knoten zum Einbinden und Seilpuppen an Anfang und Ende. Nachdem wir angeseilt waren traute ich mich aufzustehen und suchte seitlich einen Weg über die Spalte, bevor wir unseren Weg nach oben fortsetzen konnten.

Wir überschritten den Frühstücksplatz und machten uns auf zum Hugisattel (4088 m). Die Stimmung war dabei beeindruckend und auch etwas gespenstischt. Es gab starken Wind, langsam setzte die Dämmerung ein und Wolken zogen unheimlich schnell über die Gipfel. Dazu gab es teilweise große Abbrüche zu sehen und ganz langsam wurde es heller und wir konnten unsere Lampen ausschalten.

Blick vom Gletscher zwischen Frühstücksplatz (Felsriegel links) und Hugisattel zurück in Richtung Südwesten.
Blick vom Gletscher zwischen Frühstücksplatz (Felsriegel links) und Hugisattel zurück in Richtung Südwesten.

Den Hugisattel erreichten wir trotz des Spaltenintermezzos und der Pausen für das An- und Entseilen für die Verhältnisse recht flott; wir waren laut Höhenmesser mit 9 m/min aufgestiegen und das finde ich ganz in Ordnung. Am Sattel selbst herrschten eisige Temperaturen und es gab starke Böen. Von dort konnten wir uns den Grat anschauen und bei der Betrachtung aus der Nähe stellte ein Mitglied unserer Seilschaft fest, dass er ihn nicht versuchen wollte, denn es sah ihm zu heikel aus. Das war eine klare Ansage die jeder respektierte und wir machten uns unmittelbar nach dieser Feststellung an den Abstieg, denn es war wirklich verdammt kalt. Entsprechend fehlte uns etwas die Möglichkeit die erreichte Höhe und die Stimmung am frühen morgen zu genießen oder einzufangen, aber hier dennoch ein Bild mit Blick in Richtung Nordosten:

Blick vom Hugusattel in Richtung Norden.
Blick vom Hugusattel in Richtung Nordosten. Der Abbruch zum Finsteraargletscher  kommt unmittelbar hinter der Wechte im Vordergrund.

Auch im Abstieg waren wir schnell unterwegs, die 470 Höhenmeter zum Frühstücksplatz erledigten wir in rund zwanzig Minuten und insgesamt saßen wir mit einer Abstiegsrate von 15 m/min schnell wieder auf der Hütte. Dort erholten wir uns erstmal beim hervorragenden Nusskuchen, den ich an dieser Stelle unbedingt empfehlen möchte!

Ein Abbruch, nur rund 190 m unterhalb des Gipfels, mag für manche eine Enttäuschung sein, doch für mich war es das eigentlich nicht. Vielleicht lag das daran, dass es bei mir im Vorfeld dieses Jahr ohnehin nicht so ganz rund lief und da passte das auch einfach nur dazu. Im Gegenteil, vielleicht war ich sogar ein wenig zufrieden mit dem Abbruch, denn schließlich sagte er einiges über unsere Seilschaft aus: Es gab zu keinem Zeitpunkt eine Diskussion über die Entscheidung, sie wurde einfach akzeptiert und es wurde nicht versucht den Seilschaftspartner umzustimmen. Und das nicht nur obwohl wir beiden anderen gerne eingestiegen wären, sondern auch noch mit dem Druck anderer nahender Seilschaften im Nacken. Wenn man sich bei dem was man (in den Bergen tut) nicht wohlfühlt, dann muss man es lassen. Hört sich einfach an, ist es aber sicherlich nicht immer, doch in unserer Seilschaft war es das.

Oberaarrothorn (3477 m, Versuch)

Am vorletzten Tag ging es zurück zur Oberaarjochhütte, doch wir wollten auf dem Rückweg noch einen Gipfel, den Westgipfel des Oberaarrothorns, versuchen. Über den Westgrad. Nach dem Abstieg von der Finsteraarhornhütte liesen wir uns auf dem Fieschergletscher dieses mal etwas weniger Zeit, auch wenn die Sonne herrliche Bilder zauberte.

Blick vom Fieschergletscher zurück zum Finsteraarhorn.
Blick vom Fieschergletscher zurück zum Finsteraarhorn. Ganz rechts im Bild die Gemschlicke im Südostgrat des Finsteraarhorns.
Blick vom Fieschergletscher zu kleinem und großen Wannenhorn, Schönbühlhorn und Fiescher Gabelhorn. (v.l.n.r.).
Blick vom Fieschergletscher zu kleinem und großen Wannenhorn, Schönbühlhorn und Fiescher Gabelhorn. (v.l.n.r.).

Das Oberaarrothorn wird eher selten begangen (zumindest fanden wir niemanden, der dies in einem der Hüttenbücher angegeben hätte) und entsprechend gab es am Einstieg des Westgrats auch keinerlei Spuren. Der Beschreibung nach erwartete uns nach dem Einstieg eine reine Klettertour in feinstem Fels, wobei der Einstieg uns schon vor ein Problem stellte, denn es gab zum einen keinerlei Spuren um ihn zu finden und zum anderen mussten wir eine steile Schnee- und Geröllflanke durchsteigen. Es dauerte ein wenig, bis wir uns orientiert hatten und noch etwas mehr, bis wir die Flanke das Geröll umgehend auf Schnee bestiegen hatten. Letztlich war es nach etwa vier Stunden Zustieg (von der Finsteraarhornhütte aus, wir waren ja auf dem Rückweg) und Suche nach dem Einstieg schon etwas spät und der Schnee entsprechend aufgeweicht.

Als wir den ersten Fels in Händen hielten war schnell klar, dass wir die Unterschiede in unserer Viererseilschaft egalisieren mussten, denn in unserer Seilschaft hatten zwei viel Erfahrung mit Felskletterei und zwei eher weniger. Gemeinsam mit meinem erfahrenen Seilschaftspartner kümmerte ich mich um die Absicherung der anderen beiden, bis wir nach der Einstiegsrinne (gefühlt im Bereich II/II+ UIAA) auf dem Grat waren und dort zunächst ohne weitere Sicherung weiterkamen. Wir stiegen durch tolles Blockgelände in Gneis weiter auf und kamen dann zu einer kurzen aber ausgesetzten Stelle, bei der mir von Anfang an klar war, dass wir sie absichern mussten. Entsprechend rüstete ich mich aus und legte unser langes Seil als Fix- oder Geländerseil in den Fels.

Auf dem Westgrat des Oberaarrothorns, Blick nach Westen auf Galmi- und Studergletscher.
Auf dem Westgrat des Oberaarrothorns, Blick nach Westen auf Galmi- und Studergletscher. Im Vordergrund kann man am großen Felsblock das Fixseil erahnen, dass wir gelegt hatten.

Am oberen Ende sitzend und wartend hatte ich genügend Zeit die Tagesplanung etwas genauer zu durchdenken und kam zu dem Entschluss, dass uns langsam die Zeit davon lief. Das Absichern der unteren Passage am Einstieg hatte viel Zeit verschlungen und nun verloren wir erneut Zeit. Außerdem quellten die Wolken am Himmel ziemlich munter, so dass ich im Geiste überlegte, wann spätestens der Rücktritt einzuleiten sei. Insbesondere die steile Einstiegsflanke machte mir Sorgen, war der Schnee doch schon beim Einstieg ziemlich weich gewesen und nun sicherlich noch weicher geworden, so dass der Abstieg schnell in einer Rutschpartie hätte Enden können.

Während meiner Überlegungen schaffte es ein Mitglied unserer Seilschaft nicht über die exponierte und kritische Stelle – und damit war eigentlich schon klar, dass wir den Gipfel nicht erreichen würden. Gemeinsam mit dem Erfahreneren der drei schaute ich mir noch den oberen Bereich des Westgrats an, aber wir kehrten dann 90 m unter dem Gipfel um, weil es zeitlich sonst hätte eng werden können. Glücklicherweise war auf dem Rückweg kurz die Sicht durch die Wolken auf den nördlichen Teil des Westgrats freigegeben und dort sah ich, dass wir uns eine Menge Zeit und Aufwand sparen könnten, wenn wir in die steile Westflanke des Oberaarrotjochs abseilen würden. Das taten wir dann auch und als wir alle auf dem Gletscher standen hatten wir zwar keinen Gipfel erreicht, aber wieder etwas an Erfahrung gesammelt. Der Weg zurück war dann kein Problem mehr, auch wenn es schon etwas spät und entsprechend sulzig auf dem Gletscher war.

Wer sicher im zweiten bis dritten Grat klettert, dem sei das Oberaarrothorn über den Westgrat ans Herz gelegt. Von der Oberaarjochhütte aus erreicht man den Einstieg schnell und tut sich bei gefrorenem Firn leicht. Allerdings nimmt der Einstieg mit dem Lauf der Saison an Schwierigkeit zu, da die Flanke schlechter zu gehen wird.

Oberaarjochhütte – Berghaus Oberaar

Am letzten Tag stiegen wir lediglich hinab zum Ausgangspunkt, wobei wir auf dem Gletscher in einen teilweise recht starken Regenschauer kamen. Den Abstieg brachten wir entsprechend flott hinter uns, doch zurück am Auto gab es glücklicherweise eine Lücke in den Wolken und wir konnten uns im Trockenen umziehen und alles im Auto verstauen. Hinter uns lag eine schöne Hochtourenwoche, in der wir zwar nicht alle Ziele erreicht aber dafür viel an Erfahrung gelernt hatten. Es wird  nicht das letzte mal gewesen sein, dass ich hier gewesen war und beim nächsten Mal wird die Erfahrung in Gipfel umgemünzt…

Tipps und Informationen

In diesem Sinne

Martin

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