Vor einer Weile wurde ich durch einen Tweet von @aufundab.eu auf einen Artikel aufmerksam, der einmal mehr für jeden (Hallen-) Kletterer verbindlich einen Kletterschein fordert, beziehungsweise darüber berichtet, dass „Alpin-Experten“ bei einem einem Seminar des Kuratoriums für Alpine Sicherheit in Saalfelden im Pinzgau dies forderten. Ein solcher verpflichtender Kletterschein, ähnlich verbindlich wie ein Tauchschein (ebenfalls im Artikel angeführt), soll dazu beitragen, die Unfallhäufigkeit zu reduzieren und damit die Sicherheit zu erhöhen. Doch macht diese Forderung Sinn und wie häufig sind Unfälle in Kletterhallen überhaupt?

Wenige Unfälle…

In Kletterhallen geht es vergleichsweise sicher zu, denn die DAV Sicherheitsforschung hat im Herbst 2013 mit einer umfassenden Studie in elf Kletterhallen untersucht, wie gut in Deutschlands Kletterhallen gesichert wird. Die Statistik für 2012 weist 0,021 Unfälle pro 1 000 Kletterstunden aus. Beim Klettern spricht man ja gerne von einer „Risikosportart“ und ob diese Zahl nun als hoch oder niedrig zu bewerten ist, wird beim Vergleich mit anderen Sportarten deutlich, die man gewöhnlich nicht den Riskiosportarten zurechnet: Während ein Kletterer statistisch gesehen rund 47 600 Stunden an der Hallenwand verbringen muss, bis es zu einem Unfall kommt, sind es zum Beispiel beim Basketball rund 460 Unfälle im gleichen Zeitraum von 47 600 Stunden. Mit diesen Zahlen ist es eigentlich nur schwer nachzuvollziehen, warum ein verbindlicher Kletterschein überhaupt gefordert wird, denn schließlich benötigt man für Basketball, offensichlich weit riskanter, ja auch keinen „Basketballschein“.

Dass dennoch nach verbindlichen Kletterscheinen in Hallen gefordert wird hat einen einfachen Grund: Zwar ist die Häufigkeit, mit der beim Hallenklettern etwas passiert, relativ gering, die möglichen Folgen sind allerdings deutlich  gravierender: Wenn es beim Basketball in großer Regelmäßigkeit zu Unfällen kommt, dann kann man davon ausgehen, dass hier Zerrungen, Prellungen und ähnliche typischen Sportverletzungen den Großteil der Ereignisse ausmachen (Zugegeben, das ist eine Annahme die ich hier treffe!). Problematisch beim Klettern hingegen ist, dass ein Bodensturz aus 15 m Höhe von der Hallendecke in der Regel gravierendere Folgen hat, als eine unsanfte Landung nach dem Rebound beim Basketball. Entsprechend sollte man bei der Betrachtung von Risiko (= Wahrscheinlichkeit, dass etwas Unerwünschtes passiert) stets auch den Erwartungswert (= Wahrscheinlichkeit, dass etwas Unerwünschtes passiert in Zusammenhang mit dem Ausmaß dessen was passiert) beachten. Beim Klettern passiert statistisch gesehen also weniger häufig ein Unfall, allerdings sind die möglichen Folgen im sprichwörtlichen Falle eines Falles gravierender.

… aber viele Fehler

Die Forderung nach nach einem verbindlichen Kletterschein in Kletterhallen kann also letztlich nachvollzogen werden, obwohl auf den ersten Blick nur vergleichsweise wenige Unfälle (in Deutschland) passieren. Doch es gibt eine weitere Zahl, die bei der Diskussion nicht außer Acht gelassen werden sollte: Die Fehlerhäufigkeit – denn nicht jeder Fehler führt zwangsläufig zu einem Unfall und wird daher als solcher wahrgenommen. Niedrige Unfallhäufigkeit bedeutet nicht gleichzeitig niedrige Fehlerhäufigkeit. Nüchtern betrachtet verleitet die Annahme, dass nur 1 Unfall pro 47 600 Stunden Klettern auftritt, nämlich dazu, dass man davon ausgehen könnte, dass beim Klettern (und damit vor allen Dingen beim Sichern!) nur wenige Fehler passieren. Dies ist in Deutschland allerdings nicht der Fall! Die Situatiuon hierzulande wurde von der DAV Sicherheitsforschung jüngst erfasst und in einer Studie publiziert. Details hierzu kann man den Berg und Steigen Ausgaben 4/2012 und 1/2013 entnehmen, aus denen ich auch die nachfolgenden Zahlen entnommen habe. Eine Zusammenfassung gibt es bei der DAV Sicherheitsforschung. In der Studie hat die DAV Sicherheitsforschung Anfang 2012 in elf Kletterhallen in Deutschland und der Schweiz 332 Personen beobachtet (Details wie gesagt bei den Links, Stichwort Observer Bias) und kam dabei zu dem Schluss, dass im Durchschnitt bei der Vorstiegssicherung zwischen 1,4 und 2 Fehler gemacht werden, je nach Sicherungsgerät. Falls es beim ersten Lesen noch nicht ganz klar geworden ist: Im Durchschnitt wird bei jedem Sicherungsvorgang fehlerhaft gesichert – Fehler sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel!

Nicht jeder Fehler fällt auf

Die beiden Studien scheinen auf den ersten Blick im Wiederspruch zu stehen: In Kletterhallen wird auf der einen Seite unheimlich schlecht gesichert, auf der anderen Seite passiert fast nie etwas. Dies hängt in erster Linie natürlich damit zusammen, was alles als Fehler gewertet wird und vor allen Dingen, ob ein Fehler letztlich zwangsläufig in einem Unfall resultiert, oder nur unter bestimmten Umständen.

Die Definition der Fehler beinhaltet sowohl den unvollständigen Partnercheck, als auch überstrecktes Clippen, das Auslassen von Fixpunkten oder das  richtungsverkehrte Clippen von Exen, wobei beim Partnercheck noch unterschieden wird, ob ein Unterlassen des Abknoten des Seils immer als Fehler zu werten ist. Dennoch wird schon bei den verschiedenen Fehlerbildern im Vorstieg klar, dass ein Fehler nicht zwangsläufig in einem Unfall resultiert und damit von Kletterern als solches wahrgenommen werden muss, beziehungsweise sich in einer Erhöhung der Unfallhäufigkeit (sprichwörtlich) niederschlägt: Ein unvollständiger Partnercheck mag als solches ein Fehler sein, aber sofern korrekt eingebunden wurde und das Sicherungsgerät korrrekt bedient wird, wird dies keinerlei Konsequenzen haben. Anders sieht es hingegen aus, wenn zum Beispiel der Knoten beim Einbinden falsch gebunden wurde und dieser nicht belastet werden kann, ohne dass der Knoten durchrutscht. Dann kommt es spätestens beim Ablassen des Kletterers am Ende der Route zu einem Sturz und damit zu einem traurigen Eintrag in der Unfallstatistik. Die Definition wird im Artikel der Berg und Steigen Ausgabe 1/2013 auf Seite 2 geliefert. In der Statistik wird interessanterweise auch auf die Verwendung verschiedener Sicherungsgeräte eingenangen und vor allen Dingen auf die unterschiedlichen Häufigkeiten von Fehlern, beziehungsweise die unterschiedliche Häufigkeiten der verschiedenen Fehlerkategorien.

Am Limit – oder eben nicht

Die spannende Frage die sich nun ergibt: Warum passiert so wenig, obwohl durchaus fehlerhaft gesichert wird? Liegt das nur daran, dass nicht jeder Fehler zwangsläufig zu einem Unfall führt? Für mich lautet, nach meinen Beobachtung aus verschiedenen Kletterhallen in Deutschland (Würzburg, Donauwörth, Heidelberg, Stuttgart, Ulm und Karlsruhe), die Antwort auf diese Frage: Ja. Natürlich habe ich keine Zahlen erfasst, immerhin geh ich zum Training oder Klettern in die Halle – ich beschäftige mich in meinem Berufsleben hinreichend mit Experimenten und Analysen – aber in Kletterhallen sehe ich selten Kletterer stürzen und damit selten eine Situation, in der sich gänzlich zeigt, ob fehlerhaft geklettert oder gesichert wurde. Entsprechend verdeckt bleiben eben diese Fehler aber auch. Statt zu stürzen wird in oft zurück zum letzten Haken geklettert, dann „zu“ gerufen und schon gibt es statt einer dynamischen Belastung der Sicherungskette nur noch eine rein statische Belastung, bei der es dann egal ist, ob zuvor zu viel Schlappseil gegeben wurde (um ein weiteres Beispiel für einen Fehler zu liefern, der nicht zwangsläufig zu einem Unfall führt).

Erfahrung beim Sichern

Man kann zu der Annahme kommen, dass es im Grunde nicht weiter schlimm ist, dass zu wenig am Limit geklettert und damit zu wenig gestürzt wird, denn immerhin passieren so weniger Unfälle. Geht man davon aus, dass dies die ganzen Fehler kaschiert, die nicht zwangsläufig zu Unfällen führen, muss man bei der oben erwähnten Fehlerhäufigkeit fast sogar froh sein, dass selten ausgereizt wird, ob der Sicherungsvorgang fehlerhaft oder korrekt war. Doch das ist zu kurz gedacht, denn Sichern ist, wie sich aus der Vielzahl der begehbaren Fehlern klar ergibt, mehr als nur das Seil halten – von den Ansprüchen beim dynamischen Sichern ganz schweigen. Das Problem der geringen Häufigkeit an Stürzen ist nämlich, dass der Sichernde letztlich keine Erfahrung im Halten von Stürzen gewinnt! Wenn ich in der Halle, oder am Fels, gefragt werde, ob ich eine Route einhängen kann und mich dabei von Fremden sichern lasse, so frage ich ganz gerne mal nach, ob sie Erfahrung im Sichern haben. Klar, haben sie. Alle. Seit Jahren. Wenn ich aber frage ob sie Erfahrung im Halten von Stürzen haben und wie regelmäßig sie tatsächlich mal einen Sturz gehalten habe, bekomme ich eine gänzlich andere Antwort. Erfahrung im Sichern heißt nicht, dass man oft das Seil durch das Sicherungsgerät geschoben und den Kletterer am Ende abgelassen hat, sondern sollte eigentlich heißen, dass man oft Stürze gehalten  hat.

Zurück zum Thema

Nach diesem Ausflug zur derzeitigen Sicherungs- und damit Sicherheitslage in Kletterhallen (zumindest in elf Kletterhallen in Deutschland und der Schweiz) nun zurück zur Frage, ob es denn sinnvoll ist, einen Kletterschein verbindlich für alle vorzuschreiben, um die ohnehin schon geringe Unfallhäufigkeit weiter zu verringern. An dieser Stelle vielleicht vorweg, dass ich eine Kursteilnahme mit dem Erwerb eines Kletterscheins gleichsetze. In Ausgabe 4/2012 von Berg und Steigen findet sich hierzu eine bemerkenswert eindeutige Antwort, die leider nicht näher statistisch im Detail untermauert wird. Dennoch gibt es ein sehr eindeutiges Fazit:

Betrachtet man rein geräteunabhängige Fehler, wie Partnercheck, zuviel Schlappseil oder eine falsche Standposition, dann hat der Besuch eines Kletterkurses beziehungsweise einer Fortbildung keinen signifikanten Einfluss auf die Fehlerzahl beim Vorstiegssichern.

Hierzu heißt es weiter in der Ausgabe 1/2013:

Die Untersuchung, ob der Besuch eines Kletterkurses einen Einfluss auf die Güte der Bedienung des Sicherungsgerätes hat, bescherte uns bei den geräteunabhängigen Fehlern einiges an Kopfzerbrechen: Denn ein Kursbesuch hat statistisch keinen Einfluss auf die Sicherungsgüte bei Fehlern, die unabhängig vom Sicherungsgerät sind. Bei den sicherungsgerätespezifischen Fehlern dagegen gibt es einen signifikanten Unterschied bei der Gesamtfehlerrate zwischen Probanden, die einen Kurs besucht hatten, und denjenigen, die das Klettern durch Freunde und Bekannte erlernt hatten.

So lag die Fehlerrate für das Tube bei den Kursbesuchern bei 0,87 (Fehlern pro Person und Vorgang). Personen, die die Tubesicherung hingegen durch Freunde und Bekannte erlernt hatten, machten 1,34 Fehler. Bei den schweren Fehlern war immerhin noch ein tendenziell signifikanter Unterschied zu messen: Hier machten Kursbesucher im Schnitt 0,42 Fehler, die informell ausgebildeten Personen dagegen 0,7 schwere Fehler.

Tendenziell signifikant ist natürlich ein Ausdruck, der Statistikern die Haare zu Berge stehen lässt: Man hat ein Signifikanzniveau erreicht – oder nicht. Tendenziell heißt wohl so etwas wie „knapp aber eben doch nicht“ – und nur das letzte Wort zählt in diesem Fall. Schließlich gibt es auch kein „der Kletterer hat den Absturz tendenziell überlebt“.

Man kann diese Feststellungen nun auf verschiedene Weisen auslegen: Zum einen kann man zu dem Ergebnis kommen, dass ein Kurs bei bestimmten Fehlertypen (den geräteabhängigen Fehlern beim am häufigsten verwendeten Halbautomaten, dem Tube) die Fehlerquote verringert. Man könnte aber auch zu dem Ergebnis kommen, dass ein Kurs eben noch keine Garantie dafür ist, dass ein Teilnehmer am Ende des Kurses weniger Fehler macht, als zuvor. Auch wenn es nicht explizit ausgewertet oder zumindest dargestellt wurde, die Vermutung liegt nahe, dass bei Halbautomaten sich letztlich gar keine Verringerung der Fehlerhäufigkeit nach Kursbesuch mehr ergibt, da hier die geräteabhängigen Fehlerquoten ja ohnehin deutlich geringer als bei den dynamischen Sicherungsmethoden Tube und  HMS sind. Um die Forderung nach einem verbindlichen Kletterschein zu untermauern, sollten also noch ein paar mehr Daten gesammelt werden. Spannend fände ich die folgenden beiden Fragen, die ich so nur indirekt oder gar nicht beantwortet sehe:

  • Für das Sichern mit Tube gibt es eine geringere Fehlerhäufigkeit bei geräteabhängigen Fehlern nach Kletterkursen – doch wie sieht es bei den vom DAV für die Halle empfohlenen Halbautomaten aus? Ich vermute, dass es keinen Unterschied mehr bei den geräteabhängigen Fehlern gibt – und da die Häufigkeit an geräteunabhängigen Fehlern nach Kursbesuch ohnehin nicht sinkt, spräche das nicht für die Einführung eines verbindlichen Kletterscheins. Im Gegenteil, es hieße, dass jemand der, wie es der DAV empfiehlt, mit einem Halbautomaten sichert sich den Kurs sparen kann, den der DAV empfiehlt.
  • Wie lange nach der Schulung in Kursen (= Scheinerwerb) hält die Verringerung der gerätespezifischen Fehlerhäufigkeit beim Sichern mit Tube an? Ein einmaliger Kursbesuch heißt nämlich noch lange nicht, dass dieser Effekt zehn Jahre nach Scheinerwerb noch messbar ist. Dass Erfahrung allein nicht vor Unfällen schützt, zeigt deutet nämlich der Artikel Kletterunfälle im Frankenjura in Ausgabe 3/2011 von Berg und Steigen an, wo in Abbildung 8 gezeigt wird, dass Kletterer mit mehr als zehn Jahren Erfahrung mehr Unfälle produzieren, als Anfänger (ok, es gibt keine Angaben zur Grundmenge und damit einen gewissen Baseline Neglect, aber immerhin).

Kletterschein statt Verantwortung

Eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob ein Kletterschein für alle Hallenkletterer zwingend vorgeschrieben werden soll oder nicht sehe ich derzeit aus den mir zur Verfügung stehenden Daten nicht. Aber unabhängig davon gebietet es doch der gesunde Menschenverstand, dass ich Verantwortung für mich und meinen Kletterpartner übernehme, indem ich permanent an meiner Sicherungstechnik arbeite und versuche bestmöglich zu sichern. Das sollte unabhängig von einem Kletterschein geschehen und bedeutet auch, dass ich vielleicht auch mal auf das Klettern verzichte, weil ich einem Sicherungspartner eben nicht voll vertrauen kann, oder auch selbst zugebe, dass ich einen anderen Kletterer eben nicht in jeder Situation (Gewichtsunterschiede, schwieriges Sturzgelände, …) sichern kann. Auch wenn ein Kletterschein erworben wurde, muss an der Sicherungstechnik stets gearbeitet werden – das deutet die Häufigkeit der vom Scheinerwerb unabhängigen geräteunabhänigen Fehlern an. Ob man den Kletterschein wirklich verlangen soll weiß ich nicht, aber den gesunden Menschenverstand auf jeden Fall.

In diesem Sinne

Martin

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