Der Begriff Klettern ist ein Sammelbegriff und es ist daher nur nachvollziehbar, dass die Behauptung Klettern ist eine Risikosportart entsprechend allgemein und weit gefasst ist, schließlich hat Klettern viele Spielarten: Man kann in leichten Routen gut gesichert in der Halle oder in gut gesicherten aber schweren Routen am Fels klettern. Und wenn man es etwas riskanter mag, so kann man leichte oder gar schwere Routen am Fels free solo klettern, also völlig ohne Sicherungen. Betrachtet man nur Kletterhallen wurde festgestellt, dass dort allerdings für eine Risikosportart nur sehr wenige Unfälle passieren: Die DAV Sicherheitsforschung hat in einer Unterschung gezeigt, dass statistisch gesehen nur alle 46 700 Kletterstunden ein Kletterer an einem Unfall beteiligt ist. Zum Vergleich: Beim Basketball, allgemein erachtet keine Risikosportart zu sein, ereignet sich alle 102 h ein Unfall, mehr als 450 mal häufiger. Welche der beiden Sportarten nun aufgrund dieser Zahlen eher als Risikosportart zu bezeichnen ist, ist fraglich und kann man sicherlich diskutieren – doch man sollte nicht der Versuchung erliegen und die relativ niedrigen Unfallzahlen in der Kletterhalle mit dem vorbildlichen Verhalten der Kletterer beim Sichern begründen. Die DAV Sicherheitsforschung hat nämlich ebenfalls gezeigt, dass im Durschnitt beim Sichern im Vorstieg in der Kletterhalle 1,43 Fehler pro Sicherungsvorgang (!) gemacht werden. Das bedeutet, dass fehlerhaftes Sichern nicht die Ausnahme, sondern statistisch betrachtet die Regel darstellt: Im Schnitt unterläuft jedem (!) Sichernden bei jedem Sicherungsvorgang im Vorstieg mehr als ein Fehler.

Am Limit – oder eben nicht

Doch warum kommt es nur selten zu Unfällen? Auch wenn ich es nicht mit einer Studie zeigen kann, für mich liegt die Sache auf der Hand: Das Sicherungssystem wird viel zu selten benötigt und somit kommt es viel zu selten zu Situationen, in denen ein Fehler überhaupt Auswirkungen hätte. Wenn man die Vorsteigenden in einer Kletterhalle beobachtet wird man schnell feststellen, dass die wenigsten so nah an ihrem Limit klettern, dass Stürze zur Regel werden oder überhaupt vorkommen. Die wenigsten nehmen in schweren Passagen oder bei schweren Zügen Stürze in Kauf, sondern bitten den Sichernden zu zu machen und setzen sich ins Seil. Dass zuvor zum Beispiel zu viel Seil ausgegeben wurde und ein Sturz erst durch den Fußboden gestoppt worden wäre, kommt somit nicht zum Tragen. Natürlich ist es gut, dass fehlerhaftes Sichern nur selten zu Unfällen führt, doch gleichzeitig leidet das Sichern auch darunter: Fehler bleiben unentdeckt und werden zur Routine. Man schenkt dem Sichern viel  zu wenig Beachtung und verliert sich in (falsch angeeigneten) Automatismen. Wozu, fragt sich der Sichernde, sollte er auch etwas ändern, schließlich ging bisher ja immer alles gut?! Dass es nie zu einer Situation kam, in der es eben nicht mehr gut gegangen wäre, wird schlichtweg ausgeblendet.

Beispiel 1 – Sichern im Überhang

Dass in der Halle insgesamt selten gestürzt wird hat also den großen Vorteil, dass relativ wenig passiert, gleichzeitig aber auch den Nachteil, dass nur selten im eigentlichen Sinn gesichert wird. Ein Sichernder in der Halle hat in der Praxis im wesentlichen zwei Hauptbeschäftigungen: Das Einholen von Seil, wenn der Kletterer eine Pause braucht, oder das Ablassen des Kletterers am Ende der Route. Sichern im Sinne von Stürze halten ist eher eine seltene Nebentätigkeit und daher vergessen viele Sichernde auch, dass Sichern mehr bedeutet, als den Bodenkontakt nach einem Sturz zu vermeiden. Hierzu ein kleines Beispiel, welches ich schon oft in der Halle beobachtet habe. Zur besseren Illustration die folgende Abbildung:

Soll eine überhängende Wand (A) durchklettert werden und kann der Kletterer den ersten Sicherungspunkt im Überhang nicht erreichen (B), kann durch zu starkes Einholen des Seiles des Kletterer gegen die senkrechte Wand beschleunigt werden (C). Weiches und situationsabhängiges Sichern ist gefordert!
Soll eine überhängende Wand (A) durchklettert und gesichert werden und kann der Kletterer den ersten Sicherungspunkt im Überhang nicht erreichen (B), kann durch zu starkes Einholen des Seiles des Kletterer gegen die senkrechte Wand beschleunigt werden (C). Weiches und situationsabhängiges Sichern ist gefordert!

Eine zunächst senkrechte Route mit anschließendem steilen Überhang soll im Vorstieg geklettert werden (A). Bis zur letzten Sicherung in der senkrechten Wandpartie verläuft alles ohne Probleme, aber der Überhang ist schwer und es gelingt dem Vorsteigenden nicht, die erste Zwischensicherung im Dach zu klippen, obwohl er sich kurz vor ihr befindet (B). Der Kletterer hält sich mit letzter Kraft an den Plastikgriffen, fordert den Sichernden auf zu zu machen und erst als er den kräftigen Zug des Sichernden spürt fühlt er sich sicher und lässt sich fallen – dumm nur, dass durch den starken Zug des Sichernden eine pendelförmige Beschleunigung auf den Kletterer wirkt. Bogenförmig wird er im Halbkreis zur senkrechten Wand hin beschleunigt und schlägt dort ein (C). Dies passierte auch einem meiner besten Kletter- und Tourenpartner, mit dem Ergebnis, dass er sich den Mittelfußknochen durch den starken Anprall an der Wand brach.

An diesem Beispiel wird leicht deutlich, dass Sichern mehr bedeutet, als lediglich einen Bodenkontakt zu vermeiden. Als erfahrener Sichernder muss man diese Situation besser einschätzen können und darf das Seil nicht zu stark einholen, beziehungsweise spannen. Zusätzlich muss im Moment des Sturzes dynamisch gesichert werden, also der Bewegung des Seils (dem Zug nach oben) muss leicht nachgegeben werden. In der Praxis der Kletterhalle geht der Sichernde leicht mit dem Seil in Richtung Wand oder springt sogar leicht ab und wird zur Wand gezogen. Falls nötig kann er sich mit den Beinen gegen die Wand stützen. Hierbei kommt die Dynamik aus dem Körper (Körperdynamik). Es ist, mit sehr viel (!) Erfahrung (!), auch möglich während des Sturzes und beim Sichern mit Tube etwas Seil mitzugeben. Hierbei kommt die Dynamik aus dem Sicherungsgerät, aber dies eignet sich wirklich nur für sehr erfahrerene Sichernde. Wichtig ist aber in jedem Fall, dass der Kletternde nicht zur senkrechten Wand hin beschleunigt wird. Das dynamische Sichern (im Gegensatz zur absoluten Blockade des Sicherungsgerätes) stellt zu dem sicher, dass der Kletterer weich in das Seil fällt, der sogenannte Fangsturz, der Zug durch das Seil, gedämpft wird. Der Kletterer wird nicht abrupt durch Harten Zug am Gurt gestoppt, sondern kommt wird etwas weicher gefangen. Auch außerhalb von Überhängen lässt sich so die Energie beim Einschlag in der Wand verringern und zusätzlich werden Haken und mobile Sicherungen weniger belastet, was vor allen Dingen beim Klettern im Freien von Vorteil ist.

Beispiel 2 – Sichern bei Hindernissen und Vorsprüngen

Dynamisch und weich zu sichern spielt aber auch in einer weiteren Situation eine große Rolle, nämlich wenn Volumes, Vorsprünge oder andere Strukturen in einer senkrechten Wand verbaut wurden und überklettert werden müssen. Hierzu ebenfalls eine kleine Illustration:

Unmittelbar über Hindernissen wie Volumes und Vorsprüngen können kurz gesicherte Stürze zum Anprall auf das Hindernis führen. Situatives und weiches Sichern ist gefordert.
Unmittelbar über Hindernissen wie Volumes und Vorsprüngen können kurz gesicherte Stürze zum Anprall auf das Hindernis führen. Situatives und weiches Sichern ist gefordert.

Der Kletterer überquert ein Hindernis, kann die Zwischensicherung direkt danach noch nutzen (A), stürzt aber unabgekündigt kurz vor der zweiten Zwischensicherung über dem Volume (B). Wird der Kletterer in dieser Situation zu hart und kurz gesichert, schlägt er auf dem Hindernis auf. Besser ist es an dieser Stelle noch so danymisch und damit auch weit zu sichern, dass er an dem Hindernis vorbei stürzt und erst danach weich gefangen wird. Natürlich setzt dies voraus, dass sich unter dem Hindernis genügend Sturzraum findet. Auch dieses Problem habe ich in der Halle schon oft beobachtet und schon mehrere Kletterer auf Hindernissen einschlagen sehen. In der Natur am Fels sollte dies auch bei Felsbändern oder in verblocktem Gelände beachtet werden.

Sichern bedeutet also deutlich mehr als einfach immer nur zu zu machen und möglichst viel ausgegebenes Seil einzuholen, denn es muss immer situativ enschieden werden, wie weit und weich bei einem Sturz gesichert werden kann und darf. Das letzte Beispiel eignet sich hierzu besonders gut, denn wenn der Kletterer sich drei oder vier Haken über dem Hindernis hätte dynamisches und weites Sichern das Problem, dass es ebenfalls zu einem Sturz auf das Hindernis führen würde – hier muss dann wieder kürzer und damit einhergehend härter gesichert werden. Gleiches gilt für den Beginn von Kletterrouten: Am zweiten Haken findet sich noch nicht genügend Sturzraum und es sollte stets enger gesichert werden. In jeder Situation muss sich der Sichernde fragen: Wie weich kann ich, wie eng muss ich sichern? Aus diesem Grund ist Übung und Erfahrung beim Sichern wichtig. Wer regelmäßig zum Klettern geht und oft am unteren Ende „sichert“ hat noch nicht zwangsläufig (und leider im Regelfall) viel Erfahrung im Halten von Stürzen – und das ist es, worauf es beim Sichern dem eigentlichen Sinn nach ankommt. Wer beim Sichern nicht mehr macht, als Seil auszugeben und Kletterer abzulassen, kann aufgrund mangelnder Erfahrung im Halten von Stürzen nicht als erfahrener Sichernder bezeichnet werden – unabhängig davon, die oft er am unteren Ende des Seils steht. Aus diesem Grund kann ich nur jedem empfehlen, regelmäßig das Stürzen und Halten von Stürzen zu üben, sowie stets mit höchster Aufmerksamkeit situationsabhängig zu sichern.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass dieser Text meine subjekvtive Sicht auf die Dinge darstellt und für die hier angebotenen Informationen keine Garantie oder Gewähr bezüglich Richtigkeit, Vollständigkeit oder Aktualität übernommen werden kann (siehe auch hier). Eine Haftung für die Inhalte wird ausdrücklich ausgeschlossen. Klettern und insbesondere sichern sollte man sorgfältig erlernen – es bietet sich hierzu an das Ausbildungs- und Informationsangebot des DAVs und der jeweiligen Sektionen wahrzunehmen. Weitere theoretische Informationen zum Thema weich und richtig sichern (und stürzen) finden sich im DAV Panorama 3/2012 und im DAV Panorama 6/2011. Dort steht auch, wie man bei unterschiedlichem Gewicht der Kletterpartner und mit verschiedenen Sicherungsgeräten weich sichert.

In diesem Sinne

Martin

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