Kurt Diemberger ist neben dem an der Chogolisa (7668 m) verunglückten Hermann Buhl der einzige Mensch, der es geschafft hat zwei Erstbesteigungen an Achttausendern zu absolvieren: 1957 bestieg er erstmals (und gemeinsam mit Hermann Buhl) den Broad Peak (8051 m), drei Jahre später den Dhaulagiri (8167 m). Für sein alpinistisches Lebenswerk wurde Diemberger im Jahr 2013 mit dem Bergsteigerpreis des Piolet d’Or geehrt und daher war ich extrem gespannt, was Kurt Diemberger in seinem Buch K2 – Traum und Schicksal zu erzählen hat, denn es gilt mittlerweile als Klassiker der Alpinliteratur.

Worum geht es?

Kurt Diemberger beschreibt die Expedition zum Gipfel des K2 (8611 m) im Jahr 1986, bei der es aufgrund eines Sturms zu einer Tragödie kam: Aus einer letztlich siebenköpfigen Bergsteigergruppe kehren am Ende lediglich zwei Bergsteiger, unter anderem eben auch Kurt Diemberger, mit letzter Kraft zurück. Im Vorfeld der K2 Expedition wird auch kurz auf die Erstbesteigung des Broad Peak eingegangen und hier muss ich an dieser Stelle zwei Zitate anbringen, denn ich musste sehr an all diejenigen denken, die der Outdoorindustrie einen großen Gefallen tun und nur in atmungsaktiver Funktionsbekleidung vor die Haustüre treten. Wenn man es schafft, wie folgt eine Erstbesteigung an einem Achttausender zu machen, dann sollte es kein Problem sein, auch mal ohne drei Membranen in der Jacke in die Fussgängerzone zu gehen:

Wir sind eine moderne Expedition, Hermann [Buhl] hat es an nichts fehlen lassen, was heutzutage der Fortschritt beschert: […] Hervorragende, etwas unförmige Höhenschuhe aus schwerem, soliden Leder.
Sie sind extra etwas größer gemacht — so kann jeder mit Socken, Filzpatschen und was einem sonst noch an Isoliermaterial einfällt, bequem hinein… Wir haben bemerkt, dass sich Zeitungspapier ganz
hervorragend bewährt.

Mit dieser Ausrüstung war die Besteigung eines Achttausenders damals sicherlich eine noch größere Herausforderung, als es heute ist (wenn man sich in kommerziellen Expeditionen nach oben schleppen lässt, ist es heute gar keine Herausforderung mehr). Doch abenteuerlich waren damals nicht nur die Schuhe, sondern auch die Verpflegung: 50 Schafe mussten im Basislager ausharren und auf ihre Schlachtung warten. Auch die medizinische Versorgung ist deutlich abenteuerlicher, als dies heute der Fall ist:

Hermann [Buhl] hat mich ein Monat vor der Abreise zum „Mediziner der Expedition“ bestellt. Begründung: „… du hast studiert“. Mein schüchterner Einwand: „… ja, schon, aber Welthandel“ zieht nicht.
Er muss großes Vertrauen in mich gehabt haben… Mit 27 kg Medikamenten, die mir ein „echter“ Arzt zusammengestellt hatte, und einer Universalzange zum Zähnereißen, die ich glücklicherweise nie verwenden musste, war ich also der Mediziner der Expedition. Tatsächlich habe ich Einheimische – mit entsprechender Vorsicht – behandelt.

Rund 27 Jahre nach der Erstbesteigung des Broad Peak kehrt Kurt Diemberger mit seiner neuen Partnerin am Seil, Julie Tullis, zurück an seinen ersten Achttausender und dies ist ein wichtiger Teil der Vorgeschichte, denn beide gründen danach das höchste Filmteam der Welt und dokumentieren fortan preisgekrönt Expeditionen im Karakorum/Himalaya, bevor sie selbst dem Ruf des K2 erliegen und ihn sich nach vorherigem Scheitern dann im Jahr 1986 noch einmal als Ziel setzen. Sie erreichen auch tatsächlich den Gipfel, doch dann kommt ein Sturm auf und nimmt die Bergsteiger auf rund 8000 m für mehrere Tage in eisige Gefangenschaft. Diese Phase der Expedition beschreibt Kurt Diemberger besonders eindrücklich. Langsam gehen in den beiden verbliebenen Zelten die Voräte, die ohnehin praktisch nur aus Gas zur Wassergewinnung bestehen, zu Ende und allmählich sind die Bergsteiger vom Ausharren in der Höhe gezeichnet:

Der Mittelfinger… Sein Ende ist nun zu einer mächtigen Blase aufgequollen, bläulich… Er wird wohl daran glauben müssen. Nicht schön, wenn man so Stück für Stück abstirbt. Muss das wirklich so weitergehen? — Draußen dröhnt der Sturm, es ist keine Möglichkeit auszubrechen.

Am Ende wird es mehr Verluste als nur die Fingerkuppen geben.

Wie ist es geschrieben?

Sprachlich schreibt Kurt Diemberger über weite Teile wie ihm der Schnabel gewachsen ist und kommt ohne minutiöse Beschreibungen der Routen und bergsteigerischen Schwierigkeiten aus. Allerdings wird seine Sprache ab und zu doch sehr blumig und bildlich. Im ersten Teil des Buches, der Vorgeschichte, kommt weniger Spannung auf, aber es werden viele interessante Einblicke in die Geschichte des Bergsteigens an den Achttausendern gegeben. Kurt Diemberger war nämlich nicht nur dabei, er hat selbst Geschichte geschrieben. Im zweiten Teil des Buches, wenn es um die Besteigung des K2 im Jahr 1986 geht, plätschert die Geschichte anfänglich noch ganz gemütlich vor sich hin: Kurt Diemberger und Julie Tullis brauen (und trinken) im Basislager literweise Bier und die Stimmung scheint gelöst, doch dann nimmt der schwarze Sommer am K2, wie er auch genannt wird, langsam Fahrt auf und das Buch wird richtig spannend. Schon im Vorfeld der persönlichen Tragödie von Kurt Diemberger und seinen direkten Begleiter kommt es zu tragischen Unfällen am K2 und diese greift Kurt Diemberger als Vorboten auf. Während des eigentlichen Gipfelsturms auf den K2 schildert er immer wieder, welche fatalen Fehlentscheidungen getroffen wurden. Dabei trifft er das perfekte Maß, denn er nimmt der Handlung nicht zu viel vorweg und schafft dennoch eine spannende und dunkle Atmospähre.

Fazit

Lesenswert, denn kaum ein anderes Buch kombiniert alpine Geschichte (erste Hälfte) so gut mit spannender Erzählung (zweite Hälfte). Ganz reicht das Buch nicht an Jon Krakauers In eisige Höhen heran, aber seit langem hatte ich mal wieder ein richtig spannendes Bergbuch gelesen.

Das Buch K2 – Traum und Schicksal erschien schon vor einer ganzen Weile, ist aber mittlerweile auch als Taschenbuch im NG Taschenbuch Verlag unter der ISBN 978-3492405294 für rund 15 EUR erhältlich.

Ein Kommentar

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.