Bergliteratur: Lincoln Hall – Totgesagt

Allgemein

Lincoln Hall war ein australischer Bergsteiger, der unter anderem die Annapurna II (7963m), den K2 (8611 m) und den Makalu (8481m)  bestiegen hat. Diesen Besteigungen verdankt er seine Bekanntheit allerdings nicht, sondern viel mehr seiner im Grunde zunächst wenig spektakulären Begehung des Mount Everest (8848 m) als Dokumentarfilmer im Rahmen einer kommerziellen Expedition. Dort bekommt er auf dem Abstieg jedoch ein Höhenhirnödem und es wurde angenommen, dass er es nicht mehr lebend vom Berg schaffen würde. Wie durch ein Wunder und nur mit sehr fühl Glück konnte er nach einer Nacht am Limit dessen was der menschliche Körper auszuhalten vermag dennoch dem Tod entkommen und am Ende lebend vom Berg zurückkehren. Sein Buch Totgesagt beschreibt diese Expedition und gilt mittlerweile als Klassiker der Alpinliteratur. Im Jahr 2012 verstarb Lincoln Hall, allerdings in Folge einer Krebserkrankung.

Worum geht es?

Das Buch behandelt die eingangs beschriebene Besteigung des Mount Everest im Jahr 2006 und vor allen Dingen natürlich den Kampf auf dem Weg zurück vom Berg. Lincoln Hall beginnt sein Buch mit einer für ihn nicht ganz erfolgreichen Expedition zum höchsten Berg der Erde aus dem Jahr 1984, bei der er selbst den Gipfel im Gegensatz zu seinen Seilpartnern nicht erreicht, und schildert auch das Vorfeld der verhängnisvollen Everest Expedition. Im Anschluss nimmt er den Leser mit auf die eigentliche Everest Expedition 2006 und dabei gibt es einen großen Gegensatz zu den meisten anderen Büchern der Bergliteratur (eine Ausnahme ist zum Beispiel Jon Krakauers In eisige Höhen): Lincoln Hall ist Teil einer kommerziellen Expedition. Schon vor seinem eigenen Gipfelvesuch schildert er von den Tragödien der Everest Saison 2006, in der unter anderem David Sharp ums Leben kommt – ein Fall der 2006 sehr hitzig diskutiert wurde, weil er doch oberflächlich betrachtet viel Ähnlichkeit mit Lincoln Halls Situtation hatte, aber David Sharp letztlich nicht lebend vom Berg zurück kam.

Den Gipfel des Mount Everest erreicht Lincoln Hall noch, aber auf dem Rückweg setzt ihm ein Höhenhirnödem außer Gefecht und auch wenn seine ihn begleitenden Sherpas alles in ihrer Macht stehende unternehmen um ihn zu retten, am Ende müssen sie ihn zurücklassen und er wird kurz danach für tot erklärt. Erst am nächsten Morgen entdecken weitere Bergsteiger, dass er offensichtlich noch am Leben zu sein scheint und leiten die Rettung ein, wobei der schwerste Weg für Lincoln Hall damit erst beginnt…

Wie ist es geschrieben?

Das Buch liest sich flüssig und ansprechend, wobei Lincoln Hall bei seiner Geschichte auch das Vorfeld recht detailliert schildert. Sein Familientrekking durch den Khumbu stieß bei mir zugegebenermaßen allerdings auf weniger großes Interesse und daher muss ich sagen, dass das Buch etwas schleppend beginnt. Nach seinem Abstieg vom Gipfel fällt Lincoln Hall bedingt durch das Höhenhirnödem immer wieder in Wahnzustände, unterbrochen von wachen Episoden. Diesen Teil beschreibt er sehr eindrucksvoll, denn genau so wie er immer wieder in Wahnzustände abdriftet, driftet er auch in seinen Sätzen in diese Halluzinationen ab. Sehr gut vermittelt Lincoln Hall, wie unendlich müde und erschöpft er während des Abstiegs war, wie sehr sowohl Körper als auch Geist ihn im Stich und letztlich nicht mehr weiter gehen ließen.

Fazit

Das Buch ist lesenswert, denn Lincoln Hall schafft es die Stimmung am Berg sehr gut zu vermitteln – auch wenn man sich auf der Couch hinter dem Buchrücken wohl nur zum Teil ausmalen kann, wie widrig die Bedingungen und wie groß die Erschöpfung letztlich gewesen waren. Nachdenklich macht übrigens besonders ein Kapitel im Buch, in dem Lincoln Halls Frau informiert wird, dass er für tot erklärt wurde. Es zeigt sehr deutlich, wie egoistisch Bergsteigen sein kann und wer wirklich unter dem Tod am Berg leidet: Es ist nicht der Bergsteiger, der völlig erschöpft und durch den Mangel an Sauerstoff seiner Sinne geraubt einschläft und stirbt, sondern es sind stets Familie, Freunde und Angehörige, die die wirkliche Last eines solchen Unglücks tragen.

Das Buch Totgesagt erschien 2007 und ist als Taschenbuch im NG Taschenbuch Verlag unter der ISBN 978-3492404204 für rund 15 EUR erhältlich.

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