Bergliteratur: David Lama – Free: Der Cerro Torre, das Unmögliche und ich

Allgemein

David Lama ist ein junger (Jahrgang 1990) österreichischer Alpinist, der nach einer erfolgreichen Karriere im Wettkampfklettern damit begonnen hat, weltweit schwere alpine Routen zu klettern. Er wiederholte unter anderem Alexander Hubers Bellavista (11-) an der Nordand der westlichen Zinne und bestieg 2012 erfolgreich die Chogolisa (7668 m), den Berg, an dem Hermann Buhl 1957 ums Leben kam und dessen Gipfel seit 1986 niemand mehr erreicht hatte. Bekanntheit erlangte David Lama 2012, als er es schaffte erstmals die Kompressorroute am Cerro Torre (3128 m) in Patagonien frei zu klettern – und sein Buch handelt auch von dieser Begehung, welche auch als Film festgehalten wurde.  Am 13. März 2014 startete die Dokumentation der Besteigung unter dem Titel  Cerro Torre – Nicht den Hauch einer Chance in den Kinos. Hier der Trailer zum Film, zu finden auf Yoube.

Persönlich habe ich den sympathischen Österreicher David Lama im Übrigen auch schon getroffen, nämlich beim Challenge The Wall Event 2011 in der Kletterhalle Würzburg. Genauer gesagt auf der Toilette der Kletterhalle Würzburg. Weltklasse Kletterer sind eben auch nur Menschen. Nachstehend noch ein Bild von ihm beim Klettern in Würzburg – die Route, irgendwo im zehnten Grad angesiedelt, stellte ihn erwartungsgemäß nicht vor allzu große Herausforderungen.

David Lama beim Challenge TGhe Wall Event 2011 im Dach der Kletterhalle Würzburg.
David Lama beim Challenge The Wall Event 2011 im Dach der Kletterhalle Würzburg.

Worum geht es?

Patagonien ist bekannt für sein schlechtes Wetter, bestehend aus viel Schnee und Wind und nur kurzen Phasen, in denen letztlich geklettert werden kann. Der Cerro Torre im Herzen Patagoniens zählt mit 3128 m Höhe sicherlich nicht zu den höchsten Bergen der Erde, aber er gilt als einer der schwierigsten und vor allen Dingen als einer der schönsten. Besonders macht ihn jedoch seine Besteigungsgeschichte:  Am 30. Januar 1959 erreichten Cesare Maestri und der Tiroler Toni Egger angeblich den Gipfel des Cerro Torre, doch Toni Egger verunglückte im Abstieg tödlich und mit ihm verschwand auch das angebliche Gipfelfoto der beiden, so dass für die Besteigung kein Beweis existierte. Die Zweifel an der Besteigung waren groß und letztlich galt es ab 1968 als gesichert, dass die beiden unmöglich den Gipfel erreicht hatten – zu schwer die Route, zu wenig Spuren einer Begehung: Keine Anzeichen von Haken, Seilen oder ähnlichem. Dies nagte natürlich an Cesare Maestri und elf Jahre nach seiner angeblich ersten Begehung kletterte er erneut am Cerro Torre, um es seinen Kritikern endgültig zu zeigen. Doch er wählte nicht die gleiche Linie wie 1959, sondern eine noch schwerere und direktere Linie. Dabei ging er jedoch äußerst fragwürdig vor, denn unter Zuhilfename eines Kompressors trieb Cesare Maestri mehr als 350 Bohrhaken in den Granit und „kletterte“ an diesen nach oben, bis er den den Gipfel bedeckenden Pilz aus Eis erreichte. Diesen erachtete er nicht als Teil des Berges, behauptete die eigentliche Besteigung sei ihm nun noch einmal gelungen  und kehrte zurück. Der Kompressor, der mit allem Zubehör wie Benzin und Winde nicht weniger als 180 kg wog, hängt noch heute unterhalb des Eispilzes und gab der Route auch den Namen: Kompressorroute.

Das Vorgehen wurde von Alpinisten stark kritisiert, denn schließlich ist es mit dem Setzen von ausreichend Bohrhaken möglich, durch jede Art von Gelände zu durchsteigen und dies technisch zu klettern. Eine freie Begehung der Route, als ohne Zuhilfenahme von Haken oder anderen technischen Hilfsmitteln, sondern einzig an natürlichen Strukturen, galt lange Zeit als unmöglich – bis sich der junge David Lama in den Kopf setzt den Berg auf dieser Route frei zu erreichen. David Lama benötigte insgesamt drei Expeditionen und das Buch schildert diese drei Versuche, wobei es auch hier erneut kontroverse Diskussionen gab: David Lama, bei Red Bull unter Vertrag, wollte die freie Begehung dokumentieren lassen und entsprechend war auch ein Filmteam des Red Bull Media House mit am Berg. Da die Möglichkeiten den Gipfel zu erreichen jedoch stark eingeschränkt und Filmarbeiten damit nur sehr schwer durchführbar sind, setzte das Filmteam mehrere Bohrhaken auf dem Weg nach oben, um Aufnahmen drehen zu können. Dieses Vorgehen wurde naturgemäß sehr kritisiert, auch wenn letztlich geplant war die Haken und andere Hinterlassenschaften wie Fixseile und Haulbags wieder zu  entfernen. Im Internet entzündet sich ein Shitstorm und David Lama macht dabei die Erfahrung, dass am Cerro Torre eben sehr genau hingeschaut wird. Für ihn waren die eigene Besteigung und die Dokumentation durch Red Bull getrennte Projekte – doch es dauert eine Weile bis auch er einsieht, dass er die Verantwortung für das was passiert war nicht so einfach abschieben konnte.

Im Frühjahr 2012, während der dritten Expedition, kam es zu einem weiteren Eklat, denn die beiden Nordamerikaner Hayden Kennedy und Jason Kruk entfernten einen Großteil der Bohrhaken von Cesare Maestri. Nachdem erst heftig über die Anbringung der Haken diskutiert wurde, entbrannte nun eine Diskussion über die Entfernung der Haken, denn schließlich waren sie Teil der alpinen Geschichte geworden. Immerhin musste sich David Lama nicht mit der Frage quälen, ob er die Haken für eine freie Begehung als Sicherungspunkte nutzen konnte oder nicht. Nur kurze Zeit später schaffte er dann die erste freie Begehung der Kompressorroute und damit auch für sich den Wandel vom Kletterer zum Alpinisten.

Wie ist es geschrieben?

David Lama schreibt wie er spricht: Hing er über einer „beschissenen“ Sicherung, dann bringt er das im Buch auch so zum Ausdruck. Auch die Wörter „Scheiße“ und „Arsch“ finden sich im Buch, meist, wer hätte das gedacht, im Zusammenhang mit dem typisch patagonischen Wetter. Wer gehobene Prosa mit vielen Metaphern erwartet, wird sicherlich enttäuscht, aber wer sich an der sehr direkten Erzählweise nicht stört, wird mit dem Buch zufrieden sein. Es ist nicht immer ganz rund geschrieben, aber zumindest ich störe mich daran überhaupt nicht und der Autor ist eben begnadeter Kletterer und kein Poet.

Fazit

Für mich ist das Buch wegen zweierlei Aspekten lesenswert: Zum einen erzählt das Buch ein Stück Alpingeschichte, aber auch die persönliche Geschichte der Entwicklung von David Lama. Es gibt Auskunft über die frühen Versuche Cesare Maestris und im Fokus steht natürlich die erste freie Begehung der Kompressorroute durch David Lama. Dabei spart er die aktuelleren Diskussionen, sei es um das Anbringen der Haken durch das Filmteam, oder aber um das Entfernen der alten Maestri Haken durch Hayden Kennedy und Jason Kruk, nicht aus. Es ist auch sehr schön zu lesen, wie naiv er ursprünglich an das Projekt gegangen ist, mit deutlichem Mangel an Erfahrung. Nicht nur was das Klettern angeht, sondern auch die Rolle und Wichtigkeit der Kletterethik, gerade an diesem Berg, dem heiligen Gral.

Mir ist längst klar geworden, dass ich meinen persönlichen Crashkurs in Alpingeschichte und -ethik längst bekommen habe und mir zu elementaren Fragen schleunigst eine Meinung bilden muss. Stilfragen sind im Alpinismus keine Nebensache.

David Lama spricht davon, im Rahmen dieses Projekts und der drei Expeditionen vom Kletterer zum Alpinisten gereift zu sein – und genau diese Entwicklung kann man sehr schön im Buch nachvollziehen.

Zum anderen wirft das Buch aber auch eine Frage auf, die man sich nicht nur als Bergsteiger oder Kletterer (egal ob Profi oder Hobbyalpinist) stellen sollte, sondern die deutlich über die Grenzen des Alpinismus hinausgeht: Darf man alles machen, was technisch möglich ist? Durch die Verwendung hunderter Haken, wie von Cesare Maestri praktiziert, veliert die Begehung des Berges genau das, was das Bergsteigen und Klettern eigentlich auszeichnet. Es ist keine Herausforderung mehr, denn durch technische Hilfsmittel wie den Bohrhaken ist jedes Gelände sicher zu bezwingen. Richtig gelesen, zu bezwingen, denn von besteigen kann nicht mehr gesprochen werden. Reinhold Messner bezeichnet diese Vorgehensweise als Mord am Unmöglichen und trifft damit den Kern der Sache: Gab es vor dem Borhaken noch Routen, die einfach zu glatt, zu abweisend und zu gefährlich waren, so kann man diese mit Bohrhaken problemlos überwinden. Damit wurde eine ganze klare Grenze überschritten. Joe Simpson fasste dies ebenfalls in einem Satz zusammen:

Meiner Ansicht nach sind die Grenzen des Kletterns nicht mehr technischer oder geographischer Natur, sondern ethischer.

An dieser Stelle anknüpfend muss ich erwähnen, dass David Lama die Kompressorroute an drei längeren Passagen über mehrere Seillängen abwandeln muss, da er, wie jeder Mensch, keine Chance hat, durch strukturlosen, glatten Granit zu klettern. Passagen, die Cesare Maestri problemos mit seinem Bohrer überwinden konnte. Diese sind auch nicht nur drei Züge, sondern eben mehrer Seillängen lang. Wenn man nun die Grundfrage des Buches aufgreift und die freie Besteigung David Lamas ganz korrekt nimmt, dann muss man zu dem Schluss kommen, dass auch er die eigentliche Kompressorroute nicht frei klettern konnte, sondern eher eine Route entlang der Kompressorroute frei begangen hat. Irgendwie gibt David Lama das auch selbst zu:

[…] nach nur drei Stunden erreichen wir die Bohrhakenleiter Maestris. Sie führt drei Seillängen schräg nach rechts durch eine komplett glatte Wand und dann weiter bis in die Iced Towers. Es ist unmöglich, diese Passage frei zu klettern. Wir müssen hier, weiter links, an der Südostkante eine Umgehung finden.

Für meinen persönlichen Geschmack könnte er hier etwas ehrlicher sein, denn schließlich geht es um nichts anderes, als um Ehrlichkeit und die Grundaussage, dass es nicht nur auf das ob ankommt, sondern auch auf das wie. Es geht David Lama um die Kletterethik und daher könnte er, meines Erachtens nach, deutlicher zugeben, dass die Kompressorroute unmöglich ist und bleibt – eine Variante aber durch ihn in zweifelsfrei fantastischer Leistung frei begangen werden konnte. Im Übrigen sollte man sich die Fragen nach dem wie öfters Stellen, vor allen Dingen öfters als die Frage nach dem ob. David Lama fasst während der zweiten Expedition zusammen, worum es eigentlich bei seinem Projekt geht – und das Wort Gipfel kommt in dieser Zusammenfassung nicht vor:

Es geht um Ideale. Es geht darum, wie sehr man hinter dem steht, woran man glaubt. Es geht darum, ob man von seinen Idealen abweicht, nur um ein Ergebnis zu erzielen. Um die eigene Ehrlichkeit, ein Scheitern einzugestehen, auch wenn neimand […] da ist, der es bezeugen kann.

Diese Grundaussage spielt nicht nur am Cerro Torre eine Rolle. Der DAV Summit Club bietet 2014 erstmals eine Expedition zum Mount Everest an und hier geschiet letztlich genau das gleiche wie bei Cesare Maestri: Hauptsache nach oben, egal wie. Die Frage taucht auch viel näher in den Alpen auf: Muss man auf jeden Berg eine Seilbahn bauen? Muss jede klassische Route mit Bohrhaken saniert werden, an jedem Berg ein Klettersteig zum Gipfel führen? Auch außerhalb der Welt der Berge schadet es sicherlich nicht, sein Handeln kritisch zu überprüfen und sich die Frage zu stellen, ob die Art und Weise ein bestimmtes Ziel zu erreichen jeweils tragbar und angemessen ist.

Das Buch Free: Der Cerro Torre, das Unmögliche und ich erschien als gebundene Ausgabe im Dezember 2013 im Albrecht Knaus Verlag unter der ISBN 978-3813503906 und ist für rund 20 EUR erhältlich.

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